OSAMA (10) AUS SYRIEN: „KÖRPERTEILE VON KINDERN UNTER RUINEN“
Donnerstag, 15. März 2018, 08:25 Uhr
von Riham Sabbagh | 3 Kommentare

Der zehnjährige Junge Osama stammt aus dem syrischen Aleppo, genau wie unsere Blog-Autorin Riham Sabbagh (29). Beide sind nach Deutschland geflohen. Gedanken eines Kindes und einer jungen Frau zu sieben Jahren Syrienkrieg und was er für Kinder bedeutet – und welches deutsche Wort ihnen weh tut.

Heute vor sieben Jahren hat der Konflikt in Syrien angefangen. Sieben Jahre, und jedes Herz in Syrien blutet. Sieben Jahre, und der Kampf geht in dicht besiedelten Regionen weiter und tötet Hunderttausende von Menschen, darunter Kinder, Mütter und Väter. Die Frage ist: Was muss noch passieren? Worauf wartet die Welt, um den Krieg zu beenden?

Ruinen in Aleppo

© UNICEF/UN066255/Rostkowski

„Ich musste durch den Krieg gehen, um zu verstehen, was wichtig ist“

Mein Name ist Riham Sabbagh, ich komme aus Aleppo und ich verließ Syrien am 18. Oktober 2015. Seitdem lebe ich in Deutschland. Dass in einer Region ohne Krieg aufzuwachsen ein Privileg war, musste ich auf die harte Tour lernen. Ich musste durch den Krieg gehen, es sehen, es erleben, um zu verstehen, wie wichtig und wertvoll die einfachsten Dinge im Leben sind.

Ich habe den Wert von Elektrizität schätzen gelernt, denn ohne sie gibt es keine Energie, um Wasser in die Stadt zu pumpen. Kein Wasser bedeutet: Kein Trinken, kein Kochen, kein Waschen und kein Baden. Strom war auch wichtig, damit wir die Nachrichten sehen konnten. Wir konnten die Erschütterungen spüren und die Explosionen hören, aber wir mussten wissen, wo sie waren: Wie weit weg von uns oder wie nah sind sie, welche Regionen wurden als besonders gefährlich und welche als relativ sicher betrachtet? Diese Art von Informationen kann in einer Kriegszone dein Leben retten.

Wassertank und Kanister in Aleppo

© UNICEF/UN046895/Al-Issa

Ich hatte eine wundervolle Kindheit vor dem Krieg; ich hatte alles, wovon ein kleines Mädchen träumen würde. Es macht mich sehr traurig zu wissen, dass heute die Kinder in Syrien aufwachsen, ohne etwas anderes als Krieg zu kennen.

Hier in Deutschland traf ich eine syrische Familie, die ebenfalls aus Aleppo stammt. Ihr jüngstes Kind ist Osama, er ist zehn Jahre alt. An ihn zu denken und daran, dass er erst drei Jahre alt war, als der Krieg in Syrien begann und was er in dieser Zeit alles erlebt hat, bricht mir das Herz. Aber trotzdem hat nichts, was er erlebt hat, ihn gebrochen oder ihm seine Träume genommen. Überhaupt, was uns nicht umbringt, macht uns stärker.

Osama schreibt in einem Brief über seine Heimat Syrien

Osama (10) ist aus dem syrischen Aleppo geflohen und lebt mit seiner Familie in einer deutschen Kleinstadt bei Münster. In einem Brief beschreibt er seine Gefühle.
© UNICEF/DT2018-59661/Riham Sabbagh

Wir haben Osama gebeten, ob er in einem Brief aufschreiben kann, wie es ihm geht. Das Ergebnis ist ein herzzerreißendes Beispiel dafür, was Millionen von Kindern aus Syrien seit Kriegsbeginn durchgemacht haben und weiter durchmachen. Osama schreibt, wie sehr er seine Heimat vermisst, dass ihn der fortdauernde Krieg in Syrien beschäftigt und welches Wort er in Deutschland nicht mag.

Trennung und „Todesreise über das Meer“

„Es ist jetzt zweieinhalb Jahre her, seit ich mein geliebtes Heimatland Syrien verlassen habe. Ich bin erst mit meiner Mutter und drei meiner Schwestern in der Türkei geblieben, während mein Vater und meine älteren Geschwister nach Deutschland aufgebrochen sind, über die Todesreise über das Meer. Ich hatte riesige Angst, ich habe befürchtet, dass sie im Meer ertrinken wie so viele andere Syrer. Aber mein Vater hat mir versprochen, dass er am Leben bleiben wird, dass er die andere Seite erreichen wird und wir uns wiedersehen.

Und ich habe ihn wiedergesehen, nach einigen Monaten und einer sehr harten Reise konnten wir ihnen folgen. Wir sind am 17. Oktober 2015 in Deutschland angekommen. Einen Monat nach unserer Ankunft konnten wir mit meinem Vater, meinem Bruder und meinen Schwestern zusammen in einem Haus sein. Ich war sehr glücklich, dass wir alle wieder zusammen sein konnten.“

Die fremde Sprache zu lernen war für Osama anfangs schwer, aber nette Lehrer und neue Freunde haben ihm sehr geholfen. „Wir haben uns bei deutschen Schulen angemeldet und angefangen, zur Schule zu gehen, und hier haben unsere Schwierigkeiten mit der neuen Sprache begonnen. Ich habe mein Bestes versucht, um diese Hürde so schnell wie möglich zu überwinden. Innerhalb kurzer Zeit habe ich die Grundlagen der Sprache gelernt, was mir geholfen hat, neue Freunde, das neue Umfeld und die Kultur kennenzulernen, in der ich jetzt lebe.

Unsere Lehrer waren sehr nett zu uns und haben uns bei vielen Problemen geholfen, auf die wir jeden Tag stoßen. Hier in Deutschland habe ich viel von meinen neuen Freunden gelernt, zum Beispiel über verschiedene Kulturen, weil es in Deutschland Menschen aus so vielen Ländern gibt, das macht mir Spaß. Ich habe viele Städte in Deutschland gesehen und viel über die Kultur gelernt.“ 

Der Brief des 10-Jährigen Osama

© UNICEF/DT2018-59658/Ninja Charbonneau

Das Wort „Flüchtling“ tut mir weh

Osama beschreibt, wie sehr er sein Heimatland Syrien vermisst. „Ich bin glücklich hier in Deutschland, aber ich konnte mein Heimatland Syrien in diesen letzten beiden Jahren nicht vergessen. Ich vermisse meine Freunde, meine Lehrer, meine Spielsachen und sogar meine Fotos, die ich nicht mitbringen konnte. Es tut weh zu wissen, dass ich den Ort verlassen habe, an dem ich aufgewachsen bin und wo ich so viele Erinnerungen mit meinem Opa, meiner Oma, den Verwandten und Freunden hatte. In meiner Heimat war alles sehr einfach, aber wunderschön und warm.“

Osama, der kleine Junge aus Syrien, sagt dann in seinem Brief, dass es ein Wort auf Deutsch gibt, das ihm sehr weh tut. „Hier in Deutschland bekommen wir die besten Ausbildungschancen, aber ich bin immer noch ein “Flüchtling”, und dieses Wort tut mir weh. Es macht mir eine Wunde, die mich an eine größere Narbe erinnert.“

„In Syrien fallen immer noch Körperteile von Kindern unter Ruinen“

Am Ende seines Briefes schreibt er über seine Wünsche und Hoffnungen. „In Syrien, dem Land, in dem ich aufgewachsen bin, fallen bis zum jetzigen Moment immer noch Körperteile von Kindern unter die Häuserruinen. Ich wünsche mir, dass mein Heimatland wieder sicher ist und dass der Krieg für immer aufhört. Ich hoffe, dass ich es irgendwann besuchen und meine Freunde, Lehrer und Verwandten wiedersehen kann.“

Als ich diesen Brief las, dachte ich mir, was für ein herzerwärmender Brief von einem kleinen Jungen. Dieser Brief erzählt stellvertretend die Geschichte von Millionen von syrischen Kindern, die Ähnliches oder vielleicht noch Schlimmeres erlebt haben. Kein Kind sollte so etwas erleben müssen. Ein Kind ist ein Kind, egal woher es kommt oder wo es lebt.

Am siebten Jahrestag des syrischen Krieges möchte ich sagen, bitte lasst uns friedlich zusammenleben, lasst uns einander helfen und lasst uns unseren Kindern alles geben, was wir können. Zu allererst Frieden, weil die Kinder unsere Zukunft sind und wir nicht wollen, dass unsere Zukunft in Konflikten und Kriegsgebieten entsteht.

KOMMENTARE

  • 20. März 2018 12:56 Uhr

    Dankeschön, Riham!

  • 16. März 2018 11:05 Uhr

    Ich bin so traurig darüber, dass wir es einfach nicht schaffen endlich die Selbstverständlichkeit des Friedens zu akzeptieren. Am Ende, wenn alles vorbei sein wird, wird eh Frieden herrschen. Krieg ist ein egozentrisches Spiel von machtgierigen Menschen. Ich wünsche allen Kindern dieser Welt eine friedliche Welt.

  • 15. März 2018 20:36 Uhr

    Dieser Brief sollte einmal an unsere Politiker gehen.

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