HAITI: ZWISCHEN NOT UND HOFFNUNG
Freitag, 10. Januar 2020, 14:18 Uhr
von Christine Kahmann | 1 Kommentar

Kinder stärken für eine ungewisse Zukunft

Vor zehn Jahren traf ein verheerendes Erdbeben Haiti, eines der ärmsten Länder der Welt. Mehr als 300.000 Menschen verloren ihr Leben, hunderttausende wurden verletzt. Zehn Jahre später blicken die Kinder in eine ungewisse Zukunft.

Ein zerstörter Markt in Port-au-Prince

Ein Markt in Port-au-Prince wenige Monate nach dem Erdbeben
© UNICEF/UNI87990/LeMoyne

Die Naturkatastrophe 2010 hat in Haiti unvorstellbares Leid verursacht – besonders unter den Kindern, die die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Und es hat eine ohnehin schon zerbrechliche und völlig verarmte Nation in Trümmer gelegt. 

Vom ersten Tag an war UNICEF für die Kinder da und hat sie mit lebensrettenden Hilfsgütern versorgt. Ganze Flugzeugladungen mit Zelten, Wasser, Medikamenten und Nahrungsmitteln sind auf den Weg gebracht worden. So wurden zum Beispiel mit Hilfe von UNICEF in den Wochen und Monaten nach dem Beben rund zwei Millionen Kinder gegen die gefährlichsten Kinderkrankheiten geimpft; mehr als 11.000 schwer mangelernährte Kinder in therapeutischen Ernährungszentren behandelt und rund 700.000 Menschen täglich mit sauberem Trinkwasser versorgt.

Ein Mädchen schaut aus einer Notunterkunft. Ihr Zuhause wurde von dem Erdbeben zerstört.

Ein Mädchen schaut aus einer Notunterkunft, in der sie nach dem Erdbeben lebt. Schätzungsweise 1.6 Millionen Menschen verloren bei der Katastrophe ihr Zuhause.
© UNICEF/UNI79234/Noorani

Heute, zehn Jahre später, sind die meisten Trümmer weggeräumt, doch hat sich der 12. Januar 2010 für immer in das Gedächtnis der Haitianer eingebrannt. Und bis heute stehen die Kinder in Haiti vor großen Problemen: Immer wieder kommt es zu Naturkatastrophen wie Wirbelstürmen, Überschwemmungen und Epidemien. Die ärmsten Kinder und ihre Familien leiden am härtesten darunter.

Seit Monaten verschärfen Proteste und Unruhen die politische, soziale und wirtschaftliche Situation. Rund zwei Millionen Mädchen und Jungen waren aufgrund der instabilen Lage von temporären Schulschließungen betroffen. Jeder dritte Haitianer ist heute auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Mehr als 65.500 Kinder unter fünf Jahren leiden an akuter Mangelernährung und mehr als 414.000 hilfsbedürftige Menschen benötigen Zugang zu grundlegender medizinischer Versorgung.

LICHTBLICKE FÜR KINDER IN HAITI

Trotz dieser großen Herausforderungen gibt es Lichtblicke für Kinder und ihre Familien. Seit dem verheerenden Erdbeben hat sich trotz aller Schwierigkeiten die Situation vieler Mädchen und Jungen verbessert. Und es gelang, schwere Krisen wie eine gefährliche Cholera-Epidemie weitgehend zu bewältigen.

Cholera-Epidemie: Ein Ende in Sicht

Bei dem kleinen Jean gibt es Verdacht auf Cholera

Bei dem kleinen Jean gibt es Verdacht auf Cholera. Gemeinsam mit seinen Partnern überprüft UNICEF Verdachtsfälle und organisiert Aufklärungskampagnen.
© UNICEF/UNI266199/Meddeb

Im Oktober 2010, nur wenige Monate nach dem Erdbeben, brach in Haiti eine verheerende Cholera-Epidemie aus – schätzungsweise 10.000 Menschen verloren seither durch die Krankheit ihr Leben. Heute ist die Cholera in den meisten Gebieten des Landes besiegt – allein in den schwer erreichbaren Regionen Zentralhaitis und in der Artibonite-Region gibt es weiterhin Verdachtsfälle, doch auch dort steht die Epidemie vor der Eindämmung.

Gemeinsam mit seinen Partnern überprüft UNICEF Verdachtsfälle, organisiert Aufklärungskampagnen und liefert Medikamente und Hygieneartikel. "Als mein Sohn Durchfall bekam, habe ich ihn sofort ins Krankenhaus gebracht", erklärt Yolette Berdovil, dessen Sohn Jean Wildler an Durchfall erkrankt ist. "Ich habe keine Zeit verloren, denn viele meiner Verwandten sind an Cholera gestorben."

Allein von Januar 2018 bis September 2019 unterstützte UNICEF beispielsweise 55 Noteinsatzteams, um Verdachtsfällen nachzugehen und Hilfe zu leisten. Rund zwei Millionen Menschen nahmen an Aufklärungskampagnen teil und 125.000 Häuser wurden mit Chlor desinfiziert.

"Manchmal kann es vier oder fünf Stunden dauern, bis wir Familien in entlegenen Gebieten erreichen", sagt Jennyfer, die die Noteinsätze begleitet. "Jeden Tag sind wir im Einsatz."

Mit Erfolg: Seit Februar letzten Jahres wurden in Haiti keine neuen Fälle registriert.

Bildung ist Zukunft

Es gibt zahlreiche Teilnehmer an einer einer Veranstaltung zur Ausbildungsförderung und Berufstätigkeit

Im August 2019 nahmen zahlreiche junge Menschen an einer Veranstaltung zur Ausbildungsförderung und Berufstätigkeit von Jugendlichen teil.
© UNICEF/UNI264592/Meddeb

In den letzten Jahren ist der Anteil von Kindern zwischen sechs und elf Jahren, die eine Schule besuchen, von 50 Prozent in 2005 auf 84 Prozent in 2017 gestiegen. Allerdings gehen noch immer schätzungsweise 500.000 Kinder und Jugendliche zwischen fünf und 18 Jahren nicht zur Schule.

UNICEF unterstützt in Haiti deshalb Maßnahmen wie zum Beispiel die Entwicklung von informellen Bildungsangeboten für Mädchen und Jungen, die bisher vom Schulunterricht ausgeschlossen waren, sowie Maßnahmen zur Förderung von Ausbildung und Berufstätigkeit.

"Mit 15 wollte ich eine technische Ausbildung machen, um einen Beruf zu erlernen, Geld zu verdienen und meine Eltern finanziell zu unterstützen", sagt Alex Jean Theveni aus Port-au-Prince, der an einer von UNICEF organisierten Veranstaltung zur Ausbildungsförderung und Berufstätigkeit von Jugendlichen teilnimmt. "Ich begann eine Ausbildung zum industriellen Schneidern und Nähen. Dank IDEJEN, einer Jugendförderungsinitiative, konnte ich mir eine erste Nähmaschine und Werkzeuge beschaffen. Heute trage ich zum Einkommen meiner Familie bei."

Känguru-Pflege für frühgeborene Babys rettet Leben

Neugeborene Babys, die zu früh und unterentwickelt auf die Welt kommen, sind großen Risiken ausgesetzt. Die sogenannte Känguru-Versorgung ist eine einfache Methode, diese Babys zu retten.

Babys wie Evnaika, 19 Tage alt. Das Mädchen kam zwei Monate zu früh zur Welt. Anfangs kam sie in einen Brutkasten, doch nun liegt sie auf der Brust ihrer Mutter Edna, wo sie Haut-zu-Haut-Kontakt hat und den Geruch, Herzschlag und die Wärme ihrer Mutter spürt. "Durch den Hautkontakt spürt Evnaika Wärme und Geborgenheit. Es geht ihr mittlerweile schon viel besser", sagt Edna.

Dank der Methode überleben deutlich mehr Frühchen. In den letzten drei Jahren konnte dadurch das Leben von 2.000 Neugeborenen gerettet werden. UNICEF unterstützt das Programm in drei Krankenhäusern Haitis. Neben der Unterstützung im Krankenhaus werden Mütter wie Edna ambulant behandelt und lernen, wie sie richtig stillen und warum das Stillen überlebenswichtig sein kann für ihre Babys.

Mangelernährung vorbeugen

Haiti: Eltern spielen mit ihren Zwilligen vor ihrem Zuhause

Guino Sylvain und Micherline Jean-Pierre spielen mit ihren Zwillingen vor ihrem Zuhause in Jacmel im Südosten Haitis.
© UNICEF/UNI266153/Meddeb

In Haiti leiden auch heute noch 300.000 Kinder unter fünf Jahren an chronischer Mangelernährung. Nur 40 Prozent aller Babys unter sechs Monaten werden gestillt. Gemeinsam mit seinen Partnern hat UNICEF sogenannte Elterngruppen ins Leben gerufen, damit Mütter und Väter von anderen, speziell dafür ausgebildeten Eltern, lernen können, wie sie ihre Kinder besser ernähren, gesunde Mahlzeiten zubereiten und Mangelernährung vermeiden können. Regelmäßig kommen sie zusammen, um sich über ein für die gesunde Entwicklung ihrer Kinder wichtiges Thema auszutauschen und sich mehr Wissen anzueignen.

"Zuerst war ich überrascht, als ich herausfand, dass ich Zwillinge bekommen würde", erzählt Micherline Jean-Pierre, die gemeinsam mit ihrem Mann Guino Sylvain an den Treffen der Elterngruppe in Jacmel im Südosten des Landes teilnimmt. "Ich machte mir Sorgen, denn ich habe keine Arbeit. Doch dann erzählte mir jemand von der Elterngruppe."

Seitdem haben sie keinen Termin verpasst. "Die regelmäßigen Treffen helfen Eltern, auf spielerische Weise mehr über gesunde Ernährung und Gesundheitsmaßnahmen zu lernen", erklärt UNICEF-Ernährungsexpertin Carine Flerismond.

"Unsere Kinder sind gesund", sagt Guino, mit einem Lächeln im Gesicht. "Sie sind sehr fröhlich."

Bislang haben bereits mehr als 1.000 Eltern in 61 Elternclubs an dem von UNICEF unterstützten Programm teilgenommen.

KINDERRECHTE VERWIRKLICHEN: EIN LANGER WEG

Diese Beispiele zeigen, welch vergleichsweise einfache Maßnahmen helfen können, Kindern und jungen Menschen ein besseres und gesundes Aufwachsen zu ermöglichen. Und sie machen klar, dass trotz Armut, Instabilität und Naturkatastrophen Fortschritte für Kinder möglich sind.

Wir arbeiten weiter für die Kinder in Haiti und freuen uns sehr, wenn Sie unsere Arbeit mit Ihrer Spende unterstützen. Vielen Dank.

KOMMENTARE

  • 18. Januar 2020 17:55 Uhr

    UNICEF und viele andere Hilfsorganisationen unternehmen viel um Neugeborne und Kinder zu retten, ich unterstütze dies ja auch finanziell. Doch hat nicht unser Planet mit der ständig steigenden Weltbevölkerung mehr Probleme und steigt nicht damit das Risiko, alles andere Leben auf dem Planeten extrem zu bedrohen? Was tut UNICEF um die Geburtenrate verantwortungsvoll zu reduzieren? Gruß, K.- H. E.

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