Burundi: Johannes Wedenig, Leiter von UNICEF Burundi

"ÜBERLEBEN SICHERN: KEVINE LEBT"

Von Johannes Wedenig, Leiter von UNICEF in Burundi

In den 14 Jahren, die ich inzwischen für UNICEF an verschiedenen Orten der Welt arbeite, sind viele Kinder groß geworden. Es motiviert mich jeden Tag aufs Neue, dass viele der Kinder, die ich auch persönlich getroffen habe, ohne UNICEF und unsere vielen Partner und Unterstützer nicht überlebt hätten.

Seit einem Jahr leite ich das UNICEF-Büro in Burundi – einem der ärmsten Länder der Welt. Das Erste, wofür mir nach meiner Ankunft in Burundi gedankt wurde, ist dass UNICEF auch während seiner dunkelsten Stunden – zwölf lange Jahre des Bürgerkriegs – Burundi nicht verlassen hat. Ich meinerseits bin dankbar, in Burundi und an meinen anderen Einsatzorten beeindruckenden, einheimischen Persönlichkeiten aus verschiedenen Organisationen begegnet zu sein, die oft unter Einsatz ihres Lebens Frauen und Kindern beistanden. In der Begegnung mit ihnen fühle ich mich beschenkt und dankbar, dass ich für UNICEF arbeiten darf.

Solche Menschen sind oft einfache Frauen, die unglaublich Schweres erlebt haben und doch positiv geblieben sind. Eine solche Frau, die ich vor kurzem getroffen habe, ist Pétronie. Sie ist 28 Jahre alt und lebt in einem entlegenen Gebiet Burundis. Zwei Kinder hat sie im Alter von neun Monaten und eineinhalb Jahren verloren. Zwei weitere Kinder haben überlebt. Letztes Jahr ist sie wieder schwanger geworden. Als die Wehen einsetzen, geht sie auf ihre Mutter gestützt 45 Minuten zu Fuß zur Gesundheitsstation. Die Geburt ist lang und kräftezehrend. Aber viel schlimmer als die Schmerzen ist für Pétronie die ungewöhnliche Stille, als das Baby auf die Welt kommt.

Die Hebamme nimmt ihr das Neugeborene weg, und Pétronie ist sicher, dass sie ein weiteres Kind verloren hat. Doch kurze Zeit später hört sie das Baby weinen – eine gesunde Tochter! Dankbar nimmt Pétronie ihr Kind in die Arme, sie gibt ihm den Namen Kevine. Später erklärt ihr die Hebamme: Das Baby hatte nach der Geburt einen Atemstillstand und musste künstlich beatmet werden. Bei einer Hausgeburt ohne Hilfe wären die Kleine und vielleicht sogar Pétronie selbst gestorben.

Die Geschichte von Pétronie illustriert die schwierige Situation von Müttern und Babys in Burundi. Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung lebt von weniger als einem Euro am Tag, das ist weltweit eine der höchsten Armutsraten. Im Alter von drei Jahren sind zwei von drei Kindern chronisch unterernährt, eine meist kaum wieder abzubauende Hypothek für ihr Leben. Die Kinder Burundis leben zweifelsohne in einer chronischen Notlage, dem Auge der Weltöffentlichkeit verborgen.

Aber gleichzeitig entgeht es der Welt, dass Burundi in vielen Bereichen trotz sehr geringer Ressourcen Fortschritte macht. Die Regierung hat 2006 beschlossen, für alle schwangeren Frauen und Kinder unter fünf Jahren eine kostenlose Gesundheitsversorgung zu gewährleisten. Gleichzeitig konnte UNICEF mit Hilfe von verschiedenen Partnern wirksame Maßnahmen für das Überleben von Kindern umsetzen, etwa Malariavorsorge und breit angelegte Impfungen.

Burundi hat heute zum Beispiel eine der besten Impfraten Afrikas. In der Folge halbierte sich innerhalb der letzten fünf Jahre die Wahrscheinlichkeit für Kinder, zwischen dem ersten und dem fünften Lebensjahr zu sterben. Kein Zweifel, die Regierung und Gesellschaft Burundis nehmen den Kampf gegen Kindersterblichkeit ernst. Das Maßnahmenpaket, das auch mit der Hilfe von UNICEF geschnürt wurde, zeigt ganz klar Wirkung. Die beiden Erstgeborenen von Pétronie hätten heute viel wesentlich bessere Chancen zu überleben als vor zehn Jahren.

Dennoch bleibt noch viel zu tun. Pétronie und Kevine hatten großes Glück, dass sie in der Nähe von einem der wenigen Gesundheitszentren leben. Hier ist das Personal auf Komplikationen bei der Geburt vorbereitet und verfügt über die notwendige Ausrüstung. Doch beides – geschultes Personal und Ausrüstung – gibt es viel zu wenig. UNICEF kann dabei helfen, diese Lücke zu schließen.

Die Begegnung mit Pétronie und der kleinen Kevine und mit vielen anderen mangelernährten, unterentwickelten oder kranken Kindern geht mir sehr nahe – nicht nur, weil ich selbst eine zweijährige Tochter habe. Sondern auch, weil ich weiß, dass wir mit oft sehr einfachen und kostengünstigen Mitteln dafür sorgen können, dass Kinder überleben und gesund aufwachsen. Das ist die Verantwortung von uns allen.

Johannes Wedenig kommt aus Graz, ist verheiratet und Vater von vier Töchtern. Er arbeitet seit 14 Jahren für UNICEF - heute als Leiter von UNICEF Burundi, früher in Ghana, der Demokratischen Republik Kongo, Guyana und Kosovo.