AHMADS GESCHICHTE ODER KINDERARBEIT IM CAMP
Donnerstag, 18. Dezember 2014, 10:57 Uhr
von Ninja Charbonneau | 5 Kommentare

Ahmad (14) musste früh erwachsen werden. Im Za’atari Camp für syrische Flüchtlinge in Jordanien ist er einer der zahlreichen Kinderarbeiter – in der Schule war er seit Jahren nicht. Damit Jungen wie Ahmad trotzdem eine Chance haben, hat UNICEF ein Zentrum speziell für arbeitende Jungen eingerichtet.

Syrische Flüchtlinge: Ahmad im Za'atari Camp in Jordanien

© UNICEF DT/2014/Charbonneau

Kinderarbeit ist allgegenwärtig im Za’atari Camp, dem größten syrischen Flüchtlingscamp in der jordanischen Wüste mit rund 80.000 Menschen und dem zweitgrößten Camp der Welt. Und Kinderarbeit heißt hier Jungenarbeit, denn die Mädchen haben – aus unserer UNICEF-Sicht – eher das Problem, dass sie zu jung verheiratet werden. So wie Ahmads Schwester Aya, die sich mit 15 gerade verlobt hat. Kinderarbeit und Kinderheirat sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Auch vor dem Krieg war es für viele Kinder in Syrien, vor allem in ländlichen Gebieten, nicht ungewöhnlich zu arbeiten und jung zu heiraten. Doch durch den Konflikt und die Fluchtsituation haben viele Familien ihr Einkommen verloren – und immer mehr Kinder leiden darunter.

Syrische Flüchtlinge: Kinderarbeit im Za'atari Camp in Jordanien

© UNICEF DT/2014/Charbonneau

Man sieht die ersten arbeitenden Kinder schon bei der Einfahrt ins Za’atari Camp: Neben ihren rostigen Schubkarren hocken mehrere Jungen und warten auf Kunden, für die sie etwas transportieren können. Viele von ihnen sind erst zehn, elf Jahre alt. Andere zerschlagen Geröll in kleine Steine, die sie für umgerechnet 50 Cent pro Eimer als Baumaterial verkaufen. Wieder andere arbeiten wie Ahmad in einem der zahlreichen kleinen Shops, die inzwischen die Hauptwege des Camps säumen, und verkaufen Tee, Falafel oder Süßigkeiten.

„Bei Beginn der Probleme in Syrien habe ich aufgehört, zur Schule zu gehen.“

Ahmad arbeitet zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche im kleinen Shop seines Vaters, verkauft Zigaretten und wechselt Geld. Nur freitags hat er frei, um in die Moschee zu gehen. Auch in Syrien hat er schon mit seinem Vater gearbeitet, sie haben Altmetall gesammelt und verkauft. „Das Geschäft lief gut“, erzählt Ahmad. „Mein Vater hatte mehrere Autos und ich hatte ein Fahrrad mit Anhänger. Ich habe damals gearbeitet, um etwas Taschengeld zu haben und mir etwas Schönes kaufen zu können. Jetzt muss ich arbeiten, meine Familie braucht das Geld.“ Zu seiner Familie gehören neben seinen Eltern vier Geschwister. Nur die elfährige Schwester geht zur Schule. Wann Ahmad selbst das letzte Mal zur Schule gegangen ist, weiß er nicht genau. „Als die Probleme in Syrien begonnen haben, habe ich aufgehört zur Schule zu gehen.“ Lesen und Schreiben kann der 14-jährige Ahmad gerade einmal seinen Namen.

Syrische Flüchtlinge: Kinderarbeit im Flüchtlingscamp

© UNICEF DT/2014/Charbonneau

Die Familie ist vor den Bomben in ihrem Dorf Tafas in der syrischen Provinz Dera’a zunächst in ein anderes Dorf geflohen, doch dann fielen auch dort Bomben. Schließlich sind sie im Juli nach Jordanien geflohen und ins Za’atari Camp gekommen. Nur fünf Tage lang besuchte er hier die UNICEF-Schule. Ahmad sagt es nicht, aber die UNICEF-Mitarbeiter in Jordanien vermuten, dass sein Vater ihn von der Schule genommen hat, damit er ihm im Laden hilft. Der stolze Junge behauptet, es mache ihm nichts aus zuzusehen, wie viele seiner Freunde sich mit ihren blauen Taschen jeden Tag auf den Weg zur Schule machen, während er Stunde um Stunde in der Wellblechhütte sitzt und auf Kunden wartet.

Immerhin gibt es einen Lichtblick: Seit kurzem besucht Ahmad das neu eröffnete „Drop-in-Center“, eine von vier Anlaufstellen speziell für arbeitende Kinder, die UNICEF zusammen mit Save the Children im Za’atari Camp betreibt. Hier kann er sich in seinen Pausen entspannen, Sport machen und nimmt an Kursen teil, in denen die Mitarbeiter ihm wenigstens ein Stück informelle Bildung mit auf den Weg geben. „Ich komme gerne hierher, weil ich Fußball spielen kann. Außerdem mag ich die Betreuer. Ich komme jeden Tag mehrere Male: Am frühen Morgen vor der Arbeit, dann gehe ich in den Shop, mittags mache ich hier eine Pause und gehe wieder arbeiten. Ich mache meine Mittagspause lieber hier als zu Hause, weil es mehr Spaß macht.“

Kinder wie Ahmad – Teil einer verlorenen syrischen Generation?

Syrische Flüchtlinge: Fußball spielen

© UNICEF DT/2014/Charbonneau

Über das Zentrum und den Sport bekommen die Betreuer Zugang zu den Jungen, die wie Ahmad sonst eher verschlossen sind und sich cool und stark geben. Die Mitarbeiter versuchen auch, die Jungen zu überzeugen, wieder zur Schule zu gehen, sprechen mit den Eltern und den Ladenbesitzern. Manchmal haben sie Erfolg – aber meistens müssen sie viel Überzeugungsarbeit leisten. Die Ladenbesitzer sagen, sie wollen den Kindern helfen, indem sie ihnen Arbeit geben. Von den Eltern hören sie oft, sie können auf das Einkommen der Kinder nicht verzichten oder sie finden nichts dabei, wenn die Jungs mithelfen. Und viele Jungen wie Ahmad haben das Gefühl, keine andere Wahl zu haben. „Bildung ist wichtig, weil man Lesen und Schreiben lernt, Zertifikate bekommt und später einen guten Job. Aber Arbeiten ist wichtiger als Schule. Ich muss meine Familie unterstützen“, sagt Ahmad.

UNICEF macht sich große Sorgen, dass eine verlorene Generation syrischer Kinder und Jugendlicher heranwächst, die durch Konflikt und Flucht traumatisiert und ihrer Kindheit beraubt wurden. Wenn ich den Begriff „verlorene Generation“ höre, denke ich immer auch an Ahmad, der viel zu ernst und erwachsen für sein Alter ist. Aber ich habe Ahmad auch über das ganze Gesicht strahlen sehen – beim Malen und Fußballspielen im Drop-in-Center.

Bitte helfen Sie mit, dass Kinder wie Ahmad wieder lachen können. Vielen Dank!

KOMMENTARE

  • anonym
    09. März 2019 11:53 Uhr

    wow ich habe angefangen zu lesen weil wir in der schule ein projekt darüber machen un dich hab es alles durchgekesen sehr spannend <3
    (aiyana,12jahre)

  • anonym
    07. Juli 2015 20:37 Uhr

    Hallo Unicef,
    ich finde es so toll was ihr alles macht um Kindern in aller Welt zu helfen! Wenn ich erwachsen bin, oder zumindestens mit der Schule fertig, werde ich mich auch für Kinder und ihre Rechte einsetzen! Ich möchte später einmal Anwältin für Kinderrechte werden und bin nur wegen euch darauf gekommen. Ich finde es erstaunlich wie Kinder mit so etwas klar kommen können und finde es wichtig, dass das auch an die Öffentlichkeit kommt und nicht vergessen wird. Ich finde eure Arbeit sehr toll und fände es toll, wenn mehr Menschen sich für Kinder einsetzen würden!
    Lieb Grüße,
    Leoni (13 Jahre)

  • anonym
    27. Mai 2015 11:59 Uhr

    Ich finde dass sehr traurig, ich hoffe dass es ihm und seiner Familie bald besser geht .

  • anonym
    29. Dezember 2014 14:48 Uhr

    Hallo Frau Wittkamp,

    vielen Dank für Ihren Kommentar und Ihr Engagement.

    UNICEF setzt sich auch in Deutschland für Flüchtlingskinder und ihre Familien ein, allerdings nur auf politischer Ebene. Wir führen hier in Deutschland keine konkreten Hilfsprojekte durch. Das Mandat von UNICEF erlaubt es uns ausschließlich, Kindern und ihren Familien in Entwicklungsländern sowie in Kriegs- und Krisengebieten wie zum Beispiel jetzt in Syrien zu helfen.

    Sie könnten sich beim hessischen Flüchtlingsrat über Organisationen und Vereine informieren, die sich für Flüchtlinge einsetzen http://www.fr-hessen.de/verein/verein.htm. Dort finden Sie sicherlich eine Möglichkeit sich einzubringen.

    Viele Grüße
    Juliane Roux
    Online-Abteilung UNICEF Deutschland

  • anonym
    27. Dezember 2014 23:48 Uhr

    Hallo Unicef, in meinem Wohnort Wiesbaden werden in den nächsten Wochen Syrische Flüchtlinge ankommen. Sehr gerne würde ich mich aktiv für Jugendliche, und besonders diejenigen, die ohne Eltern sind, einsetzen. Vielleicht kann ich auf diesem Weg einen Kontakt hierfür finden? Viele Grüsse Edith Wittkamp

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