ALS DER TSUNAMI KAM

26. Dezember 2014 von Rudi Tarneden 0 Kommentare

Erinnerung an den Tag, der das Leben für Hunderttausende Menschen veränderte:

Am zweiten Weihnachtstag 2004 um 7:58 Uhr spürten die Bewohner der indonesischen Insel Sumatra wie der Boden kräftig zitterte. Sie dachten sich nicht viel dabei, denn Erdstöße gehören im indischen Ozean zum Alltag.

Das Meer zog sich ungewöhnlich weit zurück – nicht nur an der Westküste Sumatras, auch an den vollen Weihnachtsständen im thailändischen Phuket und an der Ostküste Sri Lankas.

An diesem Tag lernte ich ein neues Wort: Tsunami. Als ich am frühen Weihnachtsmorgen das Radio einschaltete, war die Katastrophe schon passiert. Es sollte noch Wochen dauern, bis wir ihr ganzes Ausmaß verstanden hatten.

Jahrhundertkatastrophe zu Weihnachten

Ein Seebeben der unfassbaren Stärke 9,1 hatte auf einer Länge von 1.200 Kilometern den ganzen indischen Ozean in Schwingungen versetzt. Eine Energie, so stark wie 500 Hiroshima-Bomben wurde freigesetzt.

Wellen türmten sich zu riesigen Betonwänden auf, die mit einer Geschwindigkeit von 600 Stundenkilometer ganze Landstriche in Indonesien, Thailand, Südindien, Sri Lanka und auf den Malediven überrollten. Auch Myanmar, Malaysia und sogar die somalische Küste auf der anderen Seite des Ozeans wurden getroffen.

Ich schaltete den Fernseher an – BBC, sah menschenleere Strände in Thailand, hörte, dass viele Touristen vermisst würden. Ich griff zum Telefon. Bei UNICEF in Genf erreichte ich Damien Personnaz, der in Asien gelebt hatte.

Ja, sagte er, die Flutwelle habe vor allem die armen Fischerdörfer in Sri Lanka und auch andere Länder getroffen. Er hatte erste Details aus den UNICEF-Büros, die ich zu einer kurzen Notiz für unsere Website zusammenfasste.

Indonesien: Das Mädchen gedenkt ihrer Verwandten, die beim Tsunami gestorben sind.

Dieses Mädchen verlor damals alle Verwandte. Sie steht in Banda Aceh, der Hauptstadt Acehs und gedenkt ihrer Familie. Ihre Nase hält sie zu, um den Verwesungsgeruch besser auszuhalten.
© UNICEF/NYHQ2005-0341/Estey

Was danach kam, ist vielfach beschrieben worden: als Jahrhundertkatastrophe, Hilfschaos, Spendenflut, Tsunami der Solidarität oder globaler Medienhype zu Weihnachten.

Der Tsunami aus verschiedenen Perspektiven

Je nach Standort und Perspektive erzählen diese Begriffe wahre Geschichten – und doch immer nur einen Ausschnitt. Unmittelbar nach dem Tsunami sah ich die verwüstete und zutiefst traumatisierte Provinz Aceh in Indonesien – und ein Jahr später erlebte ich dort den Beginn des Wiederaufbaus. Die Begriffe verblassen angesichts der konkreten Erinnerungen.

Da ist eine Bekannte aus Köln. Ihre Freundin ist verschwunden. Sie machte über die Feiertage Urlaub in Thailand. Sie floh vor den Wellen und lief dann zurück, vielleicht um ihren Fotoapparat zu holen.
Da ist die elfjährige Citika. „Die Welle war so laut wie ein Flugzeug. Ich glaube, die meisten Kinder von meiner Schule sind tot“, erklärte sie mir im Februar in einem Notaufnahmelager in Banda Aceh in Indonesien. Ihren siebenjährigen Bruder Abdul-Asis fand sie durch das von UNICEF eingerichtete Suchprogramm wieder.

Da ist Fritz Pleitgen, der Intendant des WDR, der mich im Presseclub fragte: „Warum hat man denn die Menschen nicht gewarnt?"

Da ist die Stimme von John Budd, von UNICEF Indonesien am Telefon, dem ich kaum glauben konnte. Zwei Wochen nachdem die westlichen Medien pausenlos aus den verwüsteten Urlaubsregionen in Thailand und Sri Lanka berichtet hatten sagte er, dass auf Sumatra über 100.000 Menschen vermisst würden.

Vielen Menschen müssen wir erklären, was in der Katastrophenhilfe nicht geht. Da ist die Eigentümerin einer kleinen Boutique. Sie möchte Kleider schicken – während um jeden Zentimeter Frachtraum gekämpft wird, um die Menschen mit standardisierten Hilfsgütern zu versorgen. Eine Familie fragt, ob wir ihr nicht helfen könnten, ein Kind aus dem Katastrophengebiet zu adoptieren – während UNICEF Suchprogramme organisiert und vor Kinderhandel warnt.

Nach vier Wochen werden erste Stimmen laut, es sei jetzt genug gespendet worden. Die Menschen sollten aufhören damit. Und die Antwort meines Kollegen: „Wollen Sie den Menschen, die helfen wollen, dies ausreden?“

Da ist die indonesische Kollegin Lely Djuhari, die das Chaos von hunderten Hilfsorganisationen, die schlagartig in Aceh einfielen, achselzuckend als „die verrückten Tage“, bezeichnete. Und ergänzt: „Die gingen vorbei, und der Wiederaufbau begann.“

Indonesien: UNICEF versorgte die Menschen mit Kochuntensilien und anderen Hilfsgütern.

Hier trägt ein Mädchen ein Paket mit Kochuntensilien. Mit Hilfsgüterlieferungen wie diesen unterstützte UNICEF Tausende von Menschen.
© UNICEF/NYHQ2005-0830/Estey

Und da ist Nana Yaa, ein elfjähriges Mädchen aus Leverkusen. Sie fing an weiße Schleifen zu basteln, die sie verschenkte und um eine Spende bat. Damit begann ihr Einsatz für die Kinderrechte, der sie bundesweit bekannt machte.

Von der Nothilfe zum Wiederaufbau

Für UNICEF folgte nach dem Tsunami eine der größten Nothilfe- und Wiederaufbauaktionen seiner Geschichte. Gemeinsam mit seinen Partnern gelang es, eine zweite Katastrophe für Kinder durch Hunger und Krankheiten zu verhindern.

Ein knappes Jahr später half ich im strömenden Regen, Schulmobiliar in eine abgelegene provisorische Schule an der Westküste Acehs zu tragen, die UNICEF dort eingerichtet hatte. Im Scheinwerferlicht des Jeeps glänzten die tropfnassen Tische und Stühle und ich dachte – wie lange bloß wird es dauern, bis hier wieder normales Leben möglich ist.

Peter-Matthias Gaede, Vorstandsmitglied von UNICEF Deutschland, war jetzt wieder dort. Er fand eine quirlige Stadt, erdbebensichere Schulen und Kinder, die heute hoffentlich besser auf Naturkatastrophen vorbereitet sind. In seinem eindrucksvollen Reisetagebuch beschreibt er wie die Hilfe, die damals begann, heute fortwirkt.

Vielleicht ist ja jeder Versuch, den Tsunami auf den Begriff zu bringen, zum Scheitern verurteilt. Aber es ist sicher so, dass dieser Tag das Leben für unzählige Menschen verändert hat.

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