AUS DEN FÄNGEN VON BOKO HARAM: EIN NEUER START FÜR FATI
Dienstag, 20. August 2019, 16:00 Uhr
von Tim Rohde | 0 Kommentare

Fati aus Nigeria wurde in ihrer Heimatstadt von einer bewaffneten Gruppe entführt. Sie dachte, sie würde ihre Familie nie wiedersehen.

Nigeria: Fati sitzt in einem Van, der sie zurück zu ihrer Familie bringt.

© UNICEF Nigeria/2018/Kubwalo

Fati* lächelt und winkt, als der Van aus dem von UNICEF unterstützten Aufnahmezentrum herausfährt – dort hat das Mädchen die vergangenen zwei Monate verbracht. Nachdem sie zuvor drei Jahre lang von einer Boko Haram-Fraktion im Nordosten Nigerias festgehalten wurde, kann sie nun endlich nach Hause zu ihrer Familie. Noch vor Kurzem befürchtete sie, dass sie ihre Lieben nie wiedersehen würde.

* Der Name wurde geändert, um die Identität des Mädchens zu schützen.

Die Terror-Miliz Boko Haram verbreitet seit Jahren im Nordosten Nigerias sowie in den Nachbarländern Tschad, Niger und Kamerun Angst und Schrecken. Erst Ende Juli 2019 sind bei einem Angriff der Terrorgruppe in Nigeria mehr als 60 Menschen getötet worden.

Und immer wieder missbraucht Boko Haram auch systematisch Kinder in der Tschadsee-Region für ihre Zwecke. Tausende von Mädchen und Jungen wurden in den vergangenen Jahren verschleppt und mit Gewalt, Drohungen oder Versprechungen dazu gebracht, beispielsweise als Koch, Fahrer oder Wachtposten zu arbeiten, zu kämpfen oder Kämpfer zu „heiraten“. 2014 sorgte die Entführung von über 200 Schulmädchen aus einem Internat in Chibok (Nigeria) und die Kampagne „Bring back our girls“ für weltweite Aufmerksamkeit.

Fatis unterbrochene Kindheit

Auch Fati hat diesen Terror am eigenen Leib erfahren. 2015 war die damals 14-Jährige mit ihrer Mutter auf einem Markt, um etwas für das Abendessen einzukaufen. An diesem Nachmittag nahm ihr Leben eine tragische Wendung: Eine bewaffnete Gruppe griff den Markt an, entführte alle Mädchen und tötete die meisten Männer.

„Ich hatte solche Angst. Ich hatte von diesen Angriffen gehört, aber ich hätte nie gedacht, dass es mir passieren würde. Ich dachte, ich würde sterben“, sagt Fati. 

Fati und die anderen Mädchen wurden ins Sambisa-Waldgebiet gebracht, in dem die Boko Haram-Gruppe ihr Basislager haben soll. Dort traf sie auf viele andere Mädchen, die von der Gruppe bei ähnlichen Übergriffen entführt worden waren.

Nigeria: Fati und andere Mädchen steigen mit UNICEF-Rucksäcken in einen Van.

Endlich! Nachdem ihre Familie gefunden wurde, ist Fati auf dem Heimweg, um mit ihrer Familie wieder vereint zu sein. Bald kann sie ihren Traum weiterverfolgen, Lehrerin zu werden.
© UNICEF Nigeria/2018/Kubwalo

Leben in Gefangenschaft

Die Lage der Mädchen in dem Lager war düster – sie bekamen eine Portion Instant-Nudeln pro Tag. Sie wurden in Lehmhütten eingesperrt, die sie nur verlassen durften, um ihre Notdurft zu verrichten.

Eines Morgens wurden die Mädchen aufgefordert, zu baden und sich danach in einer Reihe aufzustellen. Eine Gruppe von Männern kam dazu - um ihre neuen Ehefrauen auszuwählen.

„Ich weigerte mich. Ich wollte nicht verheiratet sein. Und ganz sicher nicht mit einem Mann, den ich nicht kannte“, sagt Fati.

Die Strafe für ihre Weigerung war hart: Fati wurde 100 Mal gepeitscht und anschließend in eine Hütte mit etwa 20 anderen Mädchen gesperrt, die sich ebenfalls geweigert hatten. Auch als die Männer wiederkamen, weigerte sich Fati hartnäckig, zusammen mit zwei anderen Mädchen. Die drei wurden daraufhin wieder ausgepeitscht und zurück in die Hütte geworfen.

Später entschieden die Männer, dass die Mädchen eine andere Aufgabe erhalten sollten: Selbstmordattentäter werden.

Opfer, nicht Täter!

Fatis Geschichte ist eine von vielen. In den letzten Jahren sind immer wieder Kinder, insbesondere Mädchen, im Nordosten Nigerias als „menschliche Bomben“ missbraucht worden. Im Jahr 2017 wurden 146 Kinder als Selbstmordattentäter rekrutiert. In den ersten sechs Monaten des Jahres 2018 waren es 43 Kinder.

Fati erinnert sich: „Uns wurde gesagt, dass wir eine besondere Bestimmung hätten und dass wir die Menschheit retten würden. Sie fragten uns, ob wir in den Himmel kommen wollten. Wir haben alle ,ja‘ gesagt.“

Von da an änderte sich das Leben für die drei Mädchen. Sie bekamen zwei bis drei Mahlzeiten am Tag, ihre Lebensumstände besserten sich, und immer wieder wurden sie angehalten, Gebete aufzusagen.

Ein Soldat überreichte ihnen schließlich besondere Westen, die sie unter ihrer Kleidung tragen sollten. Er befahl ihnen, sich einem militärischen Kontrollpunkt zu nähern und dann den weißen Knopf zu drücken. Dieser Knopf, so versprach er, würde „sie in den Himmel schicken“.

Das Schicksal selbst in die Hand nehmen

Fati verstand die Verbindung zwischen der Weste, dem Knopf und Gott nicht. Sie beschloss, den Knopf nicht zu drücken. Doch sie musste mitansehen, wie ihre beiden Freundinnen sich am Militärkontrollpunkt selbst in die Luft sprengten und dabei zwei Soldaten töteten.

Geschockt hob sie die Hände und rief den restlichen Soldaten zu, dass sie auch eine Bombe am Leib trage, sie aber nicht zünden wolle. Das war Fatis Rettung: Die Soldaten halfen ihr, den Sprengsatz zu entfernen und brachten sie schließlich in eine militärische Haftanstalt.

Nigeria: Fati blickt nachdenklich nach draußen auf einen Hof.

Fati hat schreckliche Dinge erlebt – nun möchte sie nach vorne schauen.
© UNICEF Nigeria/2018/Kubwalo

Rückkehr ins Leben

Fati ist eines von mehr als 200 Kindern in der Region, die aus der Gefangenschaft in Verwaltungshaft genommen wurden, bevor sie schließlich von den Verbindungen zu einer bewaffneten Gruppe freigesprochen und freigelassen wurden. Dank UNICEF haben diese Kinder einen Weg zurück ins Leben gefunden. Sie wurden in das von UNICEF unterstützte Aufnahmezentrum geschickt, wo sie medizinische und psychosoziale Unterstützung erhielten. Außerdem hatten sie dort die Möglichkeit, etwas zu lernen und sich fortzubilden - etwa in ganz normalen Alltagsfertigkeiten.

Darüber hinaus konnte UNICEF die Familie von Fati ausfindig machen. Etwa drei Jahre nach ihrer Entführung konnten sich Fati und ihre Mutter im Aufnahmezentrum wieder in die Arme schließen.

„Als ich sie sah, weinte ich“, sagt Fati. „Zwischendurch hatte ich nicht mehr gedacht, dass dieser Tag kommen würde. Meine Mutter weinte auch. Wir konnten gar nicht sprechen – wir weinten einfach nur.“

Nun kann Fati Schritt für Schritt in ihr früheres Leben und die vertraute Gemeinschaft zurückkehren, und sie ist voller Hoffnung und Optimismus. „Wenn ich nach Hause komme, will ich zuerst die Pfeffersuppe meiner Mutter essen und mich dann in der Schule anmelden“, sagt sie lächelnd. Zwar hat die Tortur sicher für alle Zeit Spuren bei Fati hinterlassen. Doch das Mädchen hat nicht zugelassen, dass man ihr ihre Träume nimmt – auch nicht ihren größten Traum, Lehrerin zu werden.

Neben der Suche nach ihren Familien unterstützt UNICEF die Überlebenden von Terrorangriffen dabei, wieder in ein normales Leben zurückzufinden. Die Kinder und Jugendlichen können in ihre Gemeinden zurückkehren, erhalten psychosoziale Unterstützung, den Zugang zu Bildung sowie die Möglichkeit, durch Berufsausbildung und Praktika eine Zukunft aufzubauen. Diese wichtige Arbeit ist nur möglich dank der Unterstützung durch viele Partner sowie öffentliche und private Spender!

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