HEUSCHRECKENPLAGE IN OSTAFRIKA UND SÜDASIEN FÜHRT ZU NAHRUNGSKATASTROPHE
Donnerstag, 20. August 2020, 14:00 Uhr
von Katharina Kesper | 11 Kommentare

DIE VERHEERENDEN FOLGEN DER INSEKTEN-INVASION

Sie verputzen gnadenlos die Ernte der Bauern und der Bevölkerung: Am Horn von Afrika und in Südasien werden Heuschreckenplagen zu einer Nahrungskatastrophe für Millionen von Menschen. 

Seit Anfang des Jahres fressen Abertausende Heuschrecken in Ostafrika in wenigen Sekunden ganze Äcker und Weiden kahl. Und die Schwärme breiten sich immer weiter aus: Die Heuschrecken befallen mittlerweile auch Südasien, insbesondere Indien und Pakistan. Sie werden für die Menschen in den betroffenen Regionen zu einer größeren Bedrohung als die Corona-Pandemie.

Heuschreckenplage Afrika: Eine Frau in Kenia arbeitet auf dem Feld umzingelt von einem Heuschreckenschwarm.

Kenia: Eine Frau versucht vergeblich zu verhindern, dass der Heuschrecken-Schwarm ihre Ernte verschlingt.
© FAO/Sven Torfinn

Die Heuschrecken ernten, was die Bauern säen

Seit Anfang des Jahres kämpfen vor allem die Bauern in Äthiopien, Kenia, Somalia, Tansania, Uganda, Sudan und Südsudan gegen hunderte von Millionen kleiner, hektisch umherschwirrender Tierchen, die in Sekundenschnelle komplette Ernten verschlingen und sich unbeirrt und unaufhaltsam fortbewegen und vermehren.

Die Lage ist nach wie vor äußerst alarmierend, denn neue Heuschreckenschwärme haben sich in Äthiopien, Kenia und Somalia gebildet. Wüstenheuschrecken gehören zu den bedrohlichsten Insekten der Welt: Sie können am Tag bis zu 150 Kilometer zurücklegen und vermehren sich über Larven unglaublich schnell. Das führt in den ohnehin schon stark ernährungsunsicheren Regionen im Osten Afrikas zu noch mehr Hunger und noch mehr Armut.

Ein Heuschrecken-Schwarm kann an einem Tag die gleiche Menge an Nahrung aufnehmen wie etwa 35.000 Menschen…

Die Kinder in Ostafrika leiden aus vielen Gründen

Für die Familien und Kinder im Osten Afrikas sind es besonders harte Zeiten. Sie kämpfen gegen die schlimmste Wüstenheuschrecken-Invasion, die die Region seit mehr als 25 Jahren heimgesucht hat. Hinzu kommen Dürreperioden, verheerende Überschwemmungen und obendrauf noch die Corona-Krise, die Gesundheits- und Bildungssysteme lähmt.

Kenia: Ein Kind versucht die Heuschrecken mit einem Tuch zu vertreiben.

Die Wüstenheuschrecken schwärmen nach Kenia, kommend aus Somalia und Äthiopien und zerstören Ackerland. 
© FAO/Sven Torfinn

Über 25 Millionen Menschen sind laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) in der Region von Nahrungsmittelknappheit betroffen. Zu den Verlusten der landwirtschaftlichen Ernte, die die Lebensgrundlage für viele Menschen bildet, kommen noch die Weideverluste für viele Viehhirten hinzu. Die Preise für Lebensmittel und Tierfutter sind stark gestiegen. Landwirte und ihre Familien stehen vor einer Katastrophe.

Die Heuschreckenschwärme breiten sich aus

Eine Grafik der FAO zeigt die Ausbreitung der Wüstenheuschrecken.

Die Heuschrecken-Situation am Horn von Afrika und in Südwestasien gibt nach wie vor Anlass zu äußerster Besorgnis.
© FAO

Die Heuschrecken breiten sich immer weiter aus: Zuletzt tauchten die Schwärme auch außerhalb des afrikanischen Kontinents auf und erreichten Südasien. Einige der Schwärme gelangten im Juli und im August nach Indien und Pakistan. Südasien erlebt bereits jetzt die schlimmste Plage seit Jahrzehnten: Die nepalesische Regierung bietet Landwirten sogar eine Geldprämie für den Fang von Wüstenheuschrecken, die in das Himalaja-Land eindringen. Die Prämie soll ein Anreiz sein, aktiv zu werden und die Schäden möglichst zu begrenzen.

Regenfälle und Überschwemmungen erschweren den Kampf gegen die Heuschrecken

In Ostafrika wiederum haben zwischen März und Mai schwere Regenfälle zu überlaufenden Flüssen, Seen und Schlammlawinen geführt. Damit nicht genug, begünstigt der viele Regen die Vegetation und bietet somit den idealen Nährboden für die nächste Generation tödlicher Wüstenheuschrecken.

Nahaufnahme der Wüstenheuschrecke

So klein und unscheinbar und doch so existenzbedrohend: die Wüstenheuschrecke.
© UNICEF/UNI296470/Prinsloo 

Aufgrund der Überschwemmungen wurden in Kenia Hunderttausende Menschen aus ihren Häusern vertrieben. In Äthiopien haben mehr als 300.000 Menschen ihr Zuhause verloren – in Somalia sogar mehr als 900.000 Menschen. Unter diesen Umständen ist es schwer für die Menschen, sich vor dem Coronavirus zu schützen. Sie können nicht zu Hause bleiben, weil sie kein Zuhause mehr haben, weil die eigene Wohnung weggespült worden ist.

Ostafrika: Ein Mofafahrer fährt durch einen Heuschreckenschwarm.

Regenfälle und das warme ostafrikanische Klima begünstigen eine rasante Vermehrung der Wüstenheuschrecke.
© FAO/Sven Torfinn

Die Corona-Krise erschwert die Bekämpfung der Heuschrecken zusätzlich

Um gegen die Heuschrecken-Plage vorzugehen, ist die Bekämpfung der Heuschrecken und ihrer Larven mit Insektiziden aus der Luft das einzig wirksame Mittel.

Die Auswirkungen von Covid-19 machen sich jedoch auch bei der Bekämpfung bemerkbar: Es gibt Schwierigkeiten bei den Lieferketten für Insektizide und Pestizide und auch der Einsatz von Hilfskräften stockt. Die Regierungen und verschiedene Hilfsorganisationen wie die Welternährungsorganisation und UNICEF tun alles in ihrer Macht stehende, um eine Nahrungskatastrophe abzuwenden. Sowohl um die Ausbreitung der Heuschreckenschwärme zu stoppen, als auch zur Unterstützung der Lebensgrundlagen der Menschen sind dringend finanzielle Mittel erforderlich.

Mit Schutzanzug und Sprührucksack geht ein Schädlingsbekämpfer gegen die Heuschrecken vor.

Kenianische Schädlingsbekämpfer verwenden motorisierte Sprührucksäcke im Kampf gegen die Heuschrecken.
© FAO/Sven Torfinn

ERNTEAUSFÄLLE DURCH HEUSCHRECKENPLAGE

Tausende Kinder in Ostafrika haben nicht genug zu essen

Unsere UNICEF-Kollegen in Äthiopien sehen bereits eine bittere Tendenz: Familien und Kinder aus den Gemeinden, die in den von den Wüstenheuschrecken heimgesuchten Gebieten leben, sind stärker von Unterernährung betroffen. Bereits zwischen Januar und Februar ist im Vergleich zum Vorjahreszeitraum die Zahl der schwer akut mangelernährten Kinder um etwa 20 Prozent gestiegen.

Allein in Äthiopien hat die Heuschreckeninvasion 50 Prozent der verfügbaren Weideflächen in den am schlimmsten betroffenen Gebieten seit Beginn der Plage vernichtet. 

Schwere akute Mangelernährung ist eine der verheerendsten Folgeerscheinungen für viele Kinder in Ostafrika. UNICEF geht davon aus, dass die Zahl der Kinder in Äthiopien, die dieses Jahr wegen Mangelernährung behandelt werden müssen, um 24 Prozent und somit auf 570.000 Kinder ansteigen wird.

Ein Anstieg dieser Größenordnung kann wiederum dazu führen, dass die Kindersterblichkeit zunehmen wird. Denn stark unterernährte Kinder sterben häufiger an Infektionskrankheiten wie Masern und Malaria.

Außerdem fehlt etwa einer Million Kinder aus den ärmsten Familien durch die Schulschließungen aufgrund von Corona-Ausgangssperren und Kontaktbeschränkungen eine feste Mittagsmahlzeit, die oft die einzige Nahrungsquelle darstellt. Allein in Addis Abeba fehlt diese Mahlzeit seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie einer halben Million Kinder.

Kenia: Ein Bauer hält eine gelbe Wüstenheuschrecke in seinen Händen.

Ein Blick auf den Feind: Eine gelbe Wüstenheuschrecke in den Händen eines kenianischen Bauern.
© FAO/Sven Torfinn

Ostafrika: UNICEF und seine Partner sind da!

Von Berlin bis Bangkok, von Sydney bis Seattle – Kinder und Familien auf der ganzen Welt sind von der Covid-19-Krise betroffen. Für die Kinder Ostafrikas kommen jedoch noch allerhand andere Sorgen und Nöte dazu. UNICEF und seine Partner sorgen dafür, dass sie lebensrettende Wasser- und Sanitärversorgung sowie Hygienesets erhalten.

Trotz der stetigen Bemühungen von Regierungen, Gemeinden, Organisationen wie UNICEF und natürlich von Müttern und Vätern gibt es Zeiten, in denen zusätzliche Unterstützung unerlässlich ist.

Glücklicherweise gibt es Dinge, die getan werden können:

  • Behandlungsprogramme können ausgeweitet werden
  • gefährdete Familien können mit Geldtransfers unterstützt werden, damit sie Lebensmittel kaufen können
  • Gesundheitshelfer können geschult werden, um die richtigen Informationen im Kampf gegen Unterernährung an die Bevölkerung weiterzugeben. Hierzu gehört zum Beispiel die Ermutigung an Mütter, weiterhin zu Stillen.
Ein Versorgungshubschrauber fliegt über das Ackerland hinweg.

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen setzt die Maßnahmen im Kampf gegen die Wüstenheuschrecken in Ostafrika trotz der Corona-Beschränkungen so gut es geht fort.
© FAO/Sven Torfinn

Weitere Informationen zur Heuschreckenplage finden Sie auf der englischsprachigen Seite Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO).

KOMMENTARE

  • 21. Oktober 2020 04:42 Uhr

    Und zum Thema "heuschrecken essen"
    Es wird niemand gelingen einen Ostafrikaner zu überzeugen, eine heuschrecke zu essen. Die wissen zwar das in südost-asien insekten gegessen werden, aber die haben auch ihre eigene Meinung dazu.
    Sich zu fragen warum die denn die heuschrecken nicht essen ist ignorant und einfaeltig

  • 21. Oktober 2020 04:28 Uhr

    Ich bin seit 2008 in Kenya und anderen Ländern in ostafrica, und habe sehr viele Dinge gesehen, die in Afrika nicht passen. Es könnte zwar anders(besser) laufen, aber es passt den westlichen Nationen genauso wie es gerade ist. Eine RiesenSchande. Oft schaeme ich mich in grund und Boden für meine Hautfarbe, wenn ich in Africa bin.
    Auch wegen der Heuschrecken wird greade mal soviel unternommen, das man sagen kann, die Hilfsorganisationen tun eh alles menschen moegliche.
    Würden aber die grossen WirtschaftsNationen wirklich wollen, dann gebe es das HeuschreckenProblem schon lange nicht mehr. Aber ostafrica ist den "noblen und reichen" ländern nichts wert. Die paar gebiete mir seltenen Erden werden sowieso ausgebeutet, auch wenn dafür ganze doerfer in ghettos getrieben werden. Da kann sich ein amerikanischer oder europäischer grosskonzern nicht auch noch um heuschrecken kümmern.

  • 25. August 2020 11:44 Uhr

    Ehrlich gesagt finde ich es unanständig (mit vollem Magen und aus großer Distanz) zu fragen, warum die Menschen in Afrika nicht einfach die Heuschrecken essen.

  • 14. August 2020 10:15 Uhr

    Lieber Herr Schmidt,

    UNICEF Deutschland bemüht sich stets dringliche Probleme wie die Heuschreckenplage öffentlich zu thematisieren. Sendeanstalten handeln jedoch unabhängig und entscheiden selbst, über welche Themen berichtet werden.

    Viele Grüße,
    Tabea Mildenberger
    UNICEF Infoservice

  • 07. August 2020 12:47 Uhr

    Haben Sie keinen Einfluss auf die öffentlich rechtlichen Fernsehanstalten? Ich kenne keine Sendungen zum Thema Heuschreckenplage in Ostafrika! Keinen Aufruf dort zu spenden, wenn doch Millionen Menschen hungern, wäre das dringend erforderlich, anstatt Milliarden Euro
    nur für Europa auszugeben w/Corona. Alles sehr einseitig.

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