KONFLIKTE, KLIMAWANDEL, KRANKHEITEN: WO FÜR KINDER JETZT ALLES ZUSAMMENKOMMT
Mittwoch, 18. November 2020, 13:32 Uhr
von Sandra Bulling | 2 Kommentare

Alle 13 Sekunden stirbt weltweit ein Kind an den Folgen von Hunger. Für Kinder in vielen Ländern Afrikas ist die Ernährungssituation besonders verheerend. Das liegt vor allem auch daran, dass dort gerade mehrere Katastrophen gleichzeitig passieren.

"Die bittere Tatsache ist: Covid-19 ist eine von vielen Herausforderungen hier im Südsudan. Die Kinder wachsen mit Gewalt und Konflikten auf. Sie erleben auch in diesem Jahr wieder großflächige Überschwemmungen, die Häuser und Ernten zerstören. Dazu sind sie in Gefahr, an Masern und Polio zu erkranken; zwei vermeidbare Krankheiten, die sich wieder ausbreiten. Und dann kommt noch Corona dazu."

So schildert mir Yves Willemot, der im UNICEF-Büro im Südsudan arbeitet, die aktuelle Situation in einem Videotelefonat. Doch was er beschreibt ist nicht nur die Realität im Südsudan – so geht es Kindern in mehreren afrikanischen Ländern. Denn diese sind aktuell von verschiedenen Katastrophen gleichzeitig betroffen.

AKTUELLE KRISEN UND IHRE FOLGEN FÜR KINDER

Was genau bedeuten die Krisen für Kinder und ihr Überleben? Wie wirken sie sich auf die Ernährungssituation der Familien aus? Auch wenn die Ausgangssituation in jedem Land unterschiedlich ist, so ist es das brisante Zusammenspiel der Katastrophen, die Kinder und ihre Eltern an den Rand der Verzweiflung treiben.

Die Karte zeigt, wo Menschen derzeit akute Ernährungsunsicherheit erleben
© FAO/WFP 

Waffengewalt schafft Hungerkrisen

Konflikte sind eine der Hauptursachen für schlechte Versorgung und Hunger. Wenn Kämpfe ausbrechen, verlassen verängstigte Familien ihre Heimat und werden zu Vertriebenen im eigenen oder Nachbarland. Zurück bleiben ihre Felder, die verdorren und Nutztiere, die verenden. 

Südsudan: Vom Konflikt beschädigte Häuser und ein zerstörtes Auto

Konflikte, wie hier im Südsudan zerstören Häuser, Hospitäler, Schulen und vertreiben Familien aus ihrer Heimat.
© UNICEF/UN0236843/Rich

Schauen wir auf die zentrale Sahelzone: UNICEF-Kollegen aus Burkina Faso berichten, dass sich die Zahl der mangelernährten Kinder rapide erhöht hat, seit die bewaffneten Kämpfe aufflammten. Über eine Million Menschen sind auf der Suche nach Schutz aus ihrem Zuhause geflohen, mehr als die Hälfte von ihnen sind Kinder. Viele Familien haben ihre Lebensgrundlagen verloren und leben nun als Binnenflüchtlinge im eigenen Land. Mehr als 535.000 Kinder unter fünf Jahren haben nicht ausreichend zu essen und brauchen dringend Hilfe. 

Auch die Nachbarländer Mali und Niger sind stark vom Konflikt betroffen – die gesamte zentrale Sahelzone ist heute einer der gefährlichsten Orte zum Aufwachsen für Kinder. Neben Burkina Faso stehen auch der Südsudan und der Nordosten Nigerias am Rande einer Hungersnot. 

Aktuell steht der Konflikt in der Tigray-Region Äthiopiens im Rampenlicht der Medien. Mehr als 30.000 Menschen sind ins Nachbarland Sudan geflohen – die Zahlen steigen täglich weiter an. Die bewaffneten Kämpfe finden in einer Region statt, deren Bewohner bereits durch eine verheerende Heuschreckenplage (lesen Sie unten mehr dazu) und die Corona-Pandemie (lesen Sie unten mehr dazu) geschwächt sind. Die Zahlen mangelernährter Kinder sind im Vergleich zum Vorjahr um ein Drittel angestiegen. 

Hunger folgt auf Klimaveränderung

In vielen Regionen Afrikas spüren die Menschen die Auswirkungen des Klimawandels. Dürren werden länger und intensiver. Es kommt häufiger zu extrem starken Überschwemmungen. Trocken- beziehungsweise Regenzeiten werden unvorhersehbarer. In neun Ländern des südlichen Afrikas können derzeit mehr als elf Millionen Menschen aufgrund von Dürren und anderen Extremwetterlagen ihren täglichen Bedarf an Nahrungsmitteln nicht mehr decken. Hunger ist also häufig eine direkte Folge von Klimaveränderungen. 

Wieder sind Länder wie Mali, Niger, Südsudan oder Sambia besonders betroffen. Und Mosambik: Im letzten Jahr verwüsteten die Wirbelstürme Idai und Kenneth Mosambik und Teile Malawis und Simbabwes. Kurz darauf verschärfte sich in den stark betroffenen Regionen Mosambiks die Mangelernährung der Kinder deutlich: Mehr als 3.000 Kinder unter fünf Jahren waren lebensbedrohlich akut mangelernährt, weil die Überschwemmungen durch die Wirbelstürme die Ernten zerstört hatten. Beide Stürme waren Folgen des Klimawandels in der Region. 

"Ein Jahr nachdem Wirbelsturm Kenneth auf die Provinz Cabo Delgado traf, ist die humanitäre Situation immer noch schlecht und hat sich sogar weiter verschlimmert", sagt Daniel Timme, UNICEF-Mitarbeiter in Mosambik. "Es gab Anfang des Jahres weitere starke Regenfälle und Überschwemmungen. Dazu kommen Attacken von militanten Gruppen, die 200.000 Menschen vertrieben haben."

Wenn Plagen die Ernten vernichten

Eine Heuschreckenplage hat in weiten Regionen des östlichen Afrikas die Ernten vernichtet und somit Hunderttausenden Bauern ihre Lebensgrundlage genommen. Am stärksten betroffen sind Kenia, Somalia und Äthiopien. In Somalia ist heute jedes zehnte Kind akut mangelernährt. 

Eine Bäuerin zeigt Heuschrecken, die ihr Feld verwüstet haben

Sie sehen harmlos aus. Aber Heuschreckenschwärme brauchen nur Sekunden, um ganze Felder kahl zu fressen.
© UNICEF/UNI352827/Kanojia/AFP

Ein Schwarm von der Größe eines Quadratkilometers kann an einem einzigen Tag die Nahrung von 35.000 Menschen vernichten. Die Heuschreckenplage wird begünstigt durch Klimaschwankungen und starke Überschwemmungen in Ostafrika im vergangenen Jahr. Denn ein feuchter und warmer Boden bietet optimale Brutbedingungen. Aktuell bilden sich in der Region trotz Gegenmaßnahmen bereits neue Larven und somit weitere Schwärme. 

Die Folgen der Pandemie

Die Folgen der Corona-Pandemie für die Ernährungssituation der Familien sind gravierend: Viele Eltern haben ihre Arbeit und damit ihre Lebensgrundlage verloren und können sich Nahrungsmittel kaum noch leisten. Gesundheitsdienste und Ernährungszentren sind nicht voll leistungsfähig oder Familien trauen sich aus Angst vor einer Ansteckung nicht mehr, diese in Anspruch zu nehmen. Noch immer sind in vielen Ländern Afrikas Schulen geschlossen – damit haben viele Kinder nicht nur einen sicheren Ort zum Lernen verloren, sondern auch die einzige Chance auf eine regelmäßige Mahlzeit. 

Covid-19 wirkt wie ein Verstärker auf die Situation jedes einzelnen Landes. In Mali beispielsweise hat sich aufgrund der Corona-Pandemie hat die Zahl der lebensbedrohlich mangelernährten Kinder in diesem Jahr um 13 Prozent erhöht: Rund 188.000 Kinder brauchen dringend Unterstützung, um wieder zu Kräften zu kommen. 

Mangelernährung in Mali: Aissata mit ihrer Mutter

Die sechs Monate alte Aissata aus Mali war lebensbedrohlich mangelernährt. Erdnusspaste von UNICEF rettete ihr Leben.
© UNICEF/UNI287206/Dicko

>> Sehen und lesen Sie hier die ganze Fotoreportage über Aissata aus Mali: Wie sie wieder gesund wurde und warum das nicht selbstverständlich war.

#daskannstdu

UNICEF arbeitet in vollem Einsatz für die Kinder. Denn wenn akute Mangelernährung rechtzeitig erkannt und behandelt wird, haben die Kinder sehr gute Chancen, zu überleben und wieder gesund zu werden. 

Auch in dieser brisanten Krisensituation sorgen wir dafür, dass der Ernährungszustand der Kinder regelmäßig überprüft wird. Dazu wird unter anderem mit einem Maßband der Umfang des Oberarms gemessen. Mein Kollege Yves aus dem Südsudan erzählt mir in unserem Videotelefonat, dass während der Ausgangsbeschränkungen die Kollegen aus den lokalen Ernährungszentren Mütter darin geschult haben, ihre Kinder selbst zu messen und bei einem kritischen Messwert schnell Hilfe zu suchen. So konnten wir sicherstellen, dass jedes Kind versorgt wird, auch wenn Gesundheitsdienste eingeschränkt waren. Gleichzeitig informieren UNICEF-Mitarbeiter die Familien über gesunde Ernährung, um Mangelernährung auch langfristig zu vermeiden.

Mangelernährung im Südsudan: Eine Mutter misst den Armumfang ihres Kindes

Susan aus dem Südsudan lernt, wie sie den Armumfang ihrer Tochter Flora misst, um Mangelernährung zu erkennen. Normalerweise führt diese Untersuchung ein Ernährungsexperte durch. UNICEF schult Mütter darin, selber den Ernährungszustand ihrer Kinder zu prüfen.
© UNICEF/UNI323512/Ryeng

HELFEN SIE MIT IHRER SPENDE, KINDERLEBEN ZU RETTEN

Auch Sie können dabei helfen, Kinder vor dem Verhungern zu retten: mit einer Spende für energiehaltige Erdnusspaste. Schon nach wenigen Tagen geht es den meisten Kindern merklich besser, sie können wieder lachen und spielen. 

KOMMENTARE

  • 19. November 2020 15:05 Uhr

    WER IST DER NATÜRLICHE FEIND
    DER HEUSCHRECKE ?

  • 19. November 2020 09:15 Uhr

    Danke, dass es Euch gibt und Ihr Euch kümmert und immer wieder aufmerksam macht auf die Ärmsten.

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