HUSSEIN (10): "ALLES, WAS WIR UNS WÜNSCHEN, IST SICHERHEIT"
Montag, 30. November 2015, 16:35 Uhr
von Ninja Charbonneau | 6 Kommentare

KINDHEIT KANN NICHT WARTEN, TEIL 1

Was müssen Kinder im Krieg durchmachen? Wie erleben sie Vertreibung und Flucht? Wie geht es ihnen, wenn sie in der Fremde leben müssen? Lesen Sie in den kommenden Wochen unsere Blog-Serie: "Kindheit kann nicht warten – Flüchtlingskinder erzählen von ihrem Schicksal".

Hussein (10) aus Aleppo

Flüchtlingskinder erzählen: Hussein (10) aus Aleppo

© UNICEF/DT2015-32861/Annette Etges

Die Familie von Hussein (10) lebte als palästinensische Flüchtlinge in Syrien. Durch den Bürgerkrieg wurde sie ein zweites Mal vertrieben und hofft in Deutschland endlich auf Sicherheit und Frieden. Die grausamen Dinge, die Hussein und seine Brüder Hassan (7) und Mohammed (2) in Aleppo gesehen haben, gehen ihnen nicht aus dem Kopf.

Der zweijährige Mohammed kann nicht sprechen, aber sein Verhalten spricht Bände über die traumatischen Erlebnisse, die er bereits durchgemacht hat. Er ist aggressiv, schreit viel, lässt sich auf kein Spiel ein. Seine großen Brüder Hussein (10) und Hassan (7) haben dagegen ein großes Bedürfnis, zu reden.

Ich habe Hussein mit seinen beiden jüngeren Brüdern vor kurzem in einer Notunterkunft in Köln getroffen, was ein sehr besonderes Erlebnis für mich war.

Flüchtlingskinder erzählen: Hussein im Gespräch mit Ninja Charbonneau

© UNICEF/DT2015-32859/Annette Etges

Was sie erzählen, ist schrecklich. Ihr Alltag in einem Dorf bei Aleppo war von Gewalt und Entbehrung bestimmt, grausame Bilder von Tod und Zerstörung sind in ihrem Kopf.

 
          

"Wir haben überall nur Blut gesehen"

"In unserem Dorf sind fast alle Straßen zerstört", erzählt Hussein. "Einmal sind wir nach Latakia gefahren, und als wir zurückkamen, haben wir überall nur Blut gesehen. Unsere Verwandten und Freunde wurden getötet, und wir wussten nicht einmal, welche Kriegspartei uns bombardiert hatte."

Die Mutter denkt, dass ihre Kinder vieles vergessen hätten. Aber Hassan erinnert sich noch genau an den Tag, als sein ungeborener Bruder starb. "Meine Mutter hatte ein Baby im Bauch. Sie hat es verloren, nachdem ein Flugzeug unser Dorf attackiert hat. Es war am Muttertag, ich wollte meine Mutter trösten und habe ihr ein Geschenk gekauft", sagt Hassan.

Flüchtlingskinder erzählen: Hussein im Spielzelt des Aufnahmelagers

© UNICEF/DT2015-36305/Ninja Charbonneau

Jeden Tag griffen Raketen und Flugzeuge die Umgebung an. Wegen der Blockade gab es außerdem monatelang kaum Nahrungsmittel. Der Familie blieb keine andere Wahl, vor drei Monaten riskierte sie die Flucht. Seit zwei Monaten sind die Eltern mit den drei Jungen jetzt in Deutschland, momentan warten sie in einer Notunterkunft in Köln darauf, dass sie einer Gemeinde zugewiesen werden. "Alles, was wir uns wünschen, ist Sicherheit. Nur Sicherheit", sagt Hussein.

25 Tage Flucht durch Europa: "Wie Tiere behandelt"

Der 10-Jährige kann erstaunlich detailliert von der gefährlichen Reise nach Deutschland erzählen. 25 Tage waren sie unterwegs, und Hussein berichtet in allen Einzelheiten von jeder Etappe: Wie sie in Syrien mit Schwierigkeiten ein Taxi gefunden haben, mit dem sie in die Türkei gefahren sind. Wie sie im Dunkeln durch einen Wald laufen mussten, damit die Polizei sie nicht fand, und dass sie stundenlang nichts zu essen hatten.

Flüchtlingskinder erzählen: Hussein im Interview

© UNICEF/DT2015-32858/Annette Etges

Über das Mittelmeer schafften sie es erst beim zweiten Versuch. "Unser erster Versuch, nach Griechenland zu fahren, hat nicht funktioniert. Ich lag auf dem Boden des Bootes und viele Leute lagen über mir. Ich musste mich übergeben und konnte nicht mehr atmen. Das Boot war kaputt, wir haben es dann wieder verlassen und in einem Garten auf der Erde geschlafen." Beim zweiten Versuch gelang die Flucht, obwohl der Schmuggler die Gruppe einfach allein ließ und im Wasser verschwand.

Auf dem weiteren Weg von Griechenland Richtung Mazedonien seien sie "schlecht behandelt worden", sagen Hussein und sein Bruder Hassan. "Wir wurden geschlagen und wie Tiere behandelt." An der Grenze zu Ungarn wurden die Flüchtlinge nicht ins Land gelassen. Hussein erzählt von Tränengas. Zwei Tage später hat die Polizei sie nach Wien geschickt, wo sie einen Zug nach Deutschland genommen haben. "An der deutschen Grenze warteten viele Araber und Deutsche mit Geschenken." Der Zug endete in Berlin, aber die Familie wollte in den Westen Deutschlands, weil hier bereits Verwandte leben.

Hussein möchte endlich wieder zur Schule gehen

In der Notunterkunft für Flüchtlinge, einer Zeltstadt, gibt es ein Spielzelt und Hussein kann ein bisschen Deutsch lernen. Aber ihm ist langweilig, und er würde lieber in einem Haus wohnen.

Flüchtlingskinder: Hussein im Aufnahmelager in Köln-Chorweiler

© UNICEF/DT2015-36306/Ninja Charbonneau

Vor dem Krieg hatten sie in Syrien ein ruhiges Leben, sie hatten sogar zwei Häuser und ein Auto. Ein Haus mussten sie abgeben an Syrer, die ihr Zuhause verloren hatten. Alles, was ihnen geblieben war, haben sie verkauft, um die Flucht zu bezahlen. Noch mehr als das Schlafen im großen Gemeinschaftszelt stört Hussein, dass er nach zwei Monaten in Deutschland noch nicht zur Schule gehen kann. "Ich frage meine Mutter jeden Tag, wann ich endlich zur Schule gehen darf", sagt er.

In Aleppo, erzählt Hussein stolz, war er letztes Jahr der beste Schüler seines Jahrgangs. Seine Schule war nicht wie so viele andere zerstört. Besonders gut war er in Sprachen, Arabisch und Englisch. Jetzt wird auch Deutsch eines seiner Lieblingsfächer, sagt er. "Wie heißt du", kennt er schon, und die Zahlen bis zehn. Hussein denkt nicht, dass er jemals wieder nach Syrien zurückgehen kann. Er hat große Pläne für die Zukunft. "Ich interessiere mich für Wissenschaft, ich möchte studieren und Arzt oder Ingenieur werden."

Hussein hofft, dass er in Deutschland jetzt endlich in Frieden leben und seine Träume verwirklichen kann.

Dieser Beitrag über Hussein ist in Zusammenarbeit mit der freien Journalistin Samar Heinein entstanden. Wir bedanken uns auch bei den Johannitern für die freundliche Unterstützung.

Lesen Sie hier alle Beiträge der Serie "Kindheit kann nicht warten: Flüchtlingskinder erzählen"

Die Kinder unter den Flüchtlingen werden häufig übersehen. Wir möchten ihnen eine Stimme geben und stellen Ihnen im Blog Mädchen und Jungen vor, die auf der Flucht sind. Einige von ihnen haben wir in Deutschland interviewt, andere sind in Syrien aus ihren Häusern vertrieben worden oder sind nach Jordanien oder Libanon geflohen. Egal, wo sie sind – sie sind in erster Linie Kinder.

Erfahren Sie hier mehr darüber, wie UNICEF Kindern in Syrien und seinen Nachbarländern und auf den Fluchtrouten hilft.

KOMMENTARE

  • anonym
    03. März 2017 17:14 Uhr

    Liebe Leute
    "...sie haben uns wie Tiere behandelt...". Dies ist eine aussage die fast jeder pubertierende Asylsuchende irgendwann oder immer wieder seinen ehrlichen, selbstlosen Helfern vorwirft oder an den Kopf wirft. Wir beschäftigen auf unserem Bauernhof mit vielen verschiedenen Tieren verschiedenste Asylsuchende, eben gerade auch Pubertierende im Alter zwischen 10 und 20 Jahren. Sie alle haben auch immer wieder Kontakt mit unseren Tieren, sodass sie lernen müssen, sorgsam und liebevoll und einfühlsam mit unseren Tieren umzugehen. sie sind erstaunt wie zutraulich und anlehnungsbedürftig unsere Tiere sind. Der obenstehende Vorwurf indes wird offenbar innerhalb der asylsuchenden Jugendlichen in Asylanten-Heimen und -Camps sowie per Handyuntereinander ausgetauscht, obwohl die jugendlichen zB. von Somalia, Eritrea usw. von zuhause wissen, dass Kamele, Schafe und Ziegen für Somalier mehr gelten und respektiert werden als ihre eigenen Ehefrauen und Mütter und Schwestern. Hunde und Katzen hingegen werden von Menschen verscheucht, weil sie in ihren Heimatländern nie gefüttert werden, sondern auch Nahrungsmittel der Menschen stehlen müssen und sind daher nie handzahm. Der Vorwurf "auf der Flucht oder später wie Tiere behandelt worden zu sein" sagt jedoch nichts darüber aus, was genau geschah, sondern ist Ausdruck der permanenten Unzufriedenheit von Pubertierenden, selbst da, wo eben bei genauerem Nachfragen nichts vorfiel, weil Asylsuchende als nachgezogene Flüchtlinge bei Familiennachzug per Flugzeug einflogen und eben gerade nicht mittels marodem Boot übers Mittelmeer kamen.

    Hussein hatte auf seiner Flucht zumindest seine gesamte Familie immer bei sich, wo andere Flüchtlings-Kinder beide Elternteile zufolge Todesfalls oder auf der Flucht verloren haben, bevor sie ins fremde Land kamen. Aber ohnehin, es ist sehr, sehr hart, was er erlebte. Möge man ihm und seiner Familie schon bald eine eigene Wohnung und auch eine Schule zuteilen. Oder hat er sie zwischenzeitlich schon?

  • anonym
    20. Dezember 2016 17:08 Uhr

    Ich verstehe Fin Hoffmanns Kommentar nicht - wer soll einen Maulkorb kriegen und weg ??
    und 60% sind gegen welche Behandlung in welchem Land ?

  • anonym
    06. Oktober 2016 22:54 Uhr

    Hallo liebe Frau Charbonneau und Unifec. Vielen Dank, dass Sie Kindern eine Stimme geben!

    Die Idee finde ich gut und berührend ist der Beitrag auch auch geschrieben.

    Allerdings für mich war er zu kurz. Gerne hätte ich mehr erfahren oder auch die Stimme von Hussein gehört "den Kindern eine Stimme geben" ;-) Vielleicht können Sie bei zukünftigen Berichten für Interessierte mehr Details anbieten?

    Es ist schön zu lesen, wie es Hussein auch genoß, dass ihm jemand zuhörte. Es stimmt auch, dass Flüchtlinge auf der Flucht teilweise (aber nicht nur) erbärmlichst behandelt werden. Zwei Flüchtlinge berichteten uns aus Ungarn, wie sie dort in Gefängnisse gesteckt und mit Knüppeln von den Bediensteten zusammengeschlagen wurden – immer wieder. Andererseits gab es aber immer auch wieder sehr freundliche Menschen, die helfen.

    Alles Gute für Hussein, Hassan Mohammed und ihre Eltern. Hoffentlich entwickelt sich alles sehr positiv für sie und Hussein kann bald zur Schule!

  • anonym
    05. Oktober 2016 15:15 Uhr

    Lieber Hussein,
    willkommen in Deutschland und Glückwunsch zur gelungenen Flucht! Ich höre und lese später in aller Ruhe noch Deinen Bericht, will Dir aber vorab schon einmal von Herzen alles Gute wünschen.

    Ich wünsche Dir, dass du glücklich bist! Ich wünsche Dir, dass du gesund bist und stark. Ich wünsche Dir, dass du Spaß hast und lachst. Ich wünsche Dir, dass du zufrieden bist. Ich wünsche Dir, dass du ganz viele Freunde hast und dass alle deine Träume wahr werden.

    Alles Gute auf Deinem Weg!

  • anonym
    24. August 2016 16:17 Uhr

    Entsetzlich. Aber eine Ursache ist im Text enthalten: "Wie die Tiere behandelt". Werden Tiere in muslimischen Staaten so grausam behandelt? Ich glaube es, zu viel habe ich schon darüber gelesen. Und den Tieren steht es zu? So mitleidlos sprechen schon Kinder. Kein Wunder, wenn Europäer vielfach Vorbehalte haben. Hier gibt es Gesetze für den Schutz der Tiere und unsere Gesellschaft ist sozial so geprägt aufgewachsen. Grausamkeit gegen schwächere Geschöpfe und sogar gegen "Feinde" ist im Christentum kein Gebot.

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