Fotoreportagen

Beim Fußball vergisst Rouba (13) den tristen Alltag im Flüchtlingscamp

Dienstag, 22.12.2015, 15:52 Uhr

von Ninja Charbonneau  •  2 Kommentare

Kindheit kann nicht warten, Teil 4

Was müssen Kinder im Krieg durchmachen? Wie erleben sie Vertreibung und Flucht? Wie geht es ihnen, wenn sie in der Fremde leben müssen? Lesen Sie in den kommenden Wochen unsere Blog-Serie: "Kindheit kann nicht warten – Flüchtlingskinder erzählen von ihrem Schicksal".

Rouba (13) aus Homs, Syrien

Rouba (13) aus Homs (Syrien) ist wegen des Bürgerkriegs aus ihrer Heimat geflohen.

Rouba (13) aus Homs (Syrien) ist wegen des Bürgerkriegs aus ihrer Heimat geflohen und lebt im jordanischen Flüchtlingscamp Azraq.

© UNICEF/ Charbonneau

Rouba hat eine etwas freche Art, irgendwie erfrischend. Nicht, dass sie unhöflich wäre, aber manchmal gibt sie mir durch ein Schnalzen zu verstehen, dass sie meine Frage gerade ziemlich blöd findet. Zum Beispiel die Frage am Ende des Gesprächs, ob sie – irgendwann später einmal – gerne heiraten möchte. Zu meiner Verteidigung: Die Frage ist nicht so unberechtigt, denn wir stellen mit Sorge fest, dass viele syrische Flüchtlingsmädchen in Jordanien wegen der finanziellen Not der Familie früh verheiratet werden, und zwar häufig auch schon in Roubas Alter. Mit 13.

„Ich hatte keine Angst vor den Bomben – wir waren an diese Geräusche gewöhnt.“

Aber zurück zu Rouba. Sie kommt aus Homs und ist das sechste von neun Kindern, die jüngste Schwester ist vier. Der Großteil der Familie ist im Flüchtlingscamp Azraq in Jordanien untergekommen, eine erwachsene Schwester ist mit ihrem Mann in Homs geblieben. Roubas Vater Amer hat in Syrien auf Baustellen oder Farmen gearbeitet. „Aber als der Konflikt begann, konnte ich keine Arbeit mehr finden“, erzählt Amer. Unsere Stadt Homs wurde völlig zerstört. Wir haben gesehen, wie Kinder auf der Straße erschossen worden sind. Wir mussten dort weg.“ Rouba hat die Bomben und Flugzeuge gehört. Auf die Frage, ob sie Angst hatte, lässt Rouba wieder ein etwas verächtliches Schnalzen hören. „Ich hatte keine Angst vor den Bomben – wir waren an diese Geräusche gewöhnt“, sagt sie, ganz der coole Teenager.

Homs zerstört

UNICEF-Autos in der zerstörten Altstadt von Homs im Januar 2015 – Homs war einst berühmt für seinen kulturellen Reichtum.

© UNICEF/UNI178367/Tiku

Die Familie ist mehrfach innerhalb Syriens geflohen auf der Suche nach einem sicheren Ort, bevor sie nach Jordanien gegangen sind. Obwohl ihr das Leben im Flüchtlingscamp schwer fällt, ist Rouba froh, dass sie hier sicher ist und endlich wieder zur Schule gehen kann. Zwei Schuljahre hat sie in Syrien verpasst – der Schulweg war zu gefährlich, und die meisten Schulen waren ohnehin geschlossen. Jetzt geht sie in die achte Klasse der UNICEF-Schule im Camp und nimmt außerdem an speziellen Aufholkursen teil, um versäumten Schulstoff nachzuholen. Nachmittags verbringt sie gerne Zeit im Jugendzentrum. Hauptsache, sie ist so selten wie möglich in dem kleinen weißen Wellblech-Container ohne Wasseranschluss, der jetzt ihr Zuhause ist.

Das Flüchtlingscamp Azraq ist eine Containerstadt mitten in der jordanischen Wüste.
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Roubas neue Heimat ist ein trostloser Ort: Das syrische Flüchtlingscamp Azraq ist eine Containerstadt mitten in der jordanischen Wüste. Rund 20.000 syrische Flüchtlinge leben hier.

© UNICEF / Charbonneau
Bunte Oase im Camp: ein von UNICEF unterstütztes Jugendzentrum in Azraq.
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Bunte Oase im Camp: Ein von UNICEF unterstütztes Jugendzentrum in Azraq, in dem Rouba ihre Freizeit verbringt. Rouba und andere Jugendliche haben in einem Workshop mit der UNICEF-Partnerorganisation AptArt die Wände bemalt und einen bunten Mosaik-Boden gestaltet.

© UNICEF/ Charbonneau
UNICEF betreibt im Azraq-Camp eine Schule.
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UNICEF betreibt im Azraq-Camp eine Schule. Außerdem kümmert sich UNICEF um die Wasserversorgung und sanitären Anlagen.

© UNICEF/ Charbonneau
Azraq Camp: Rouba spielt mit ihren Freundinnen im UNICEF-Jugendzentrum im Azraq Camp ein Fangspiel.
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Rouba (2.v.r.) spielt mit ihren Freundinnen im UNICEF-Jugendzentrum im Azraq Camp ein Fangspiel. Der Kunstrasen ist der einzige grüne Fleck in diesem Camp mitten in der Wüste.

© UNICEF/ Charbonneau

„Ich mag es nicht, in einem Container zu wohnen“

„Ich mag die Schule hier und das Jugendzentrum, aber ich mag es nicht, in diesem Container zu wohnen“, sagt Rouba. „In Syrien hatten wir ein Haus. Hier haben wir zwei Container für die ganze Familie, aber in einem sind Mäuse, deshalb schlafen wir alle in einem zusammen. Aber das ist okay, wir wollen sowieso nicht nachts von unseren Eltern getrennt sein.“

Nur, wenn Rouba vom Jugendzentrum und von Max erzählt, gibt sie alle Coolness auf und strahlt vor Begeisterung. Max ist Mitarbeiter der NGO „AptArt“, einer Partnerorganisation von UNICEF, die Kunstprojekte mit den Jugendlichen organisiert. „Wir haben zusammen mit Max im Jugendzentrum die Wände angemalt und den Boden bunt gemacht, das hat mir großen Spaß gemacht. Ich mag auch die Computer- und Bastelkurse“, sagt Rouba und zeigt mir eine Tasche, die sie aus recycelten Mülltüten gemacht hat. „Aber am allerliebsten spiele ich Fußball“, so das Mädchen. Beim Fußballspiel auf dem grünen Kunstrasen gelingt es ihr, für eine gewisse Zeit den tristen Alltag im Flüchtlingscamp, die Container, den Staub, die Langeweile auszublenden.

Beim Fußball im Azraq Camp vergisst Rouba ihre Sorgen.

Rouba (Mitte) spielt am liebsten Fußball. Dabei vergisst sie alle Sorgen.

© UNICEF/ Charbonneau

Dann kam die blöde Frage nach dem Heiraten. „Nein, daran denke ich gar nicht. Ich möchte weiter zur Schule gehen. Ich möchte später einmal Malerin werden.“

Es ist inzwischen schon etwa ein Jahr her, dass ich Rouba getroffen habe. Leider weiß ich nicht, wie es ihr inzwischen geht, aber ich denke immer noch viel an sie und die anderen syrischen Kinder, die ich in Jordanien kennengelernt habe. Hoffentlich findet Rouba die Frage nach einer Heirat immer noch so abwegig. Hoffentlich geht sie weiter zur Schule und folgt ihren Träumen.

Sie ist für mich das beste Beispiel dafür, wie wichtig Schulen und Kinder- und Jugendzentren gerade in den Flüchtlingscamps sind. Sie geben den Mädchen und Jungen wieder Hoffnung. Wenn Sie die Arbeit von UNICEF in Syrien und den Nachbarländern Jordanien, Libanon, Irak und Türkei unterstützen wollen, können Sie hier gerne spenden – vielen Dank!

Lesen Sie hier alle Beiträge der Serie "Kindheit kann nicht warten: Flüchtlingskinder erzählen"

INFO

Die Kinder unter den Flüchtlingen werden häufig übersehen. Wir möchten ihnen eine Stimme geben und stellen Ihnen im Blog Mädchen und Jungen vor, die auf der Flucht sind. Einige von ihnen haben wir in Deutschland interviewt, andere sind in Syrien aus ihren Häusern vertrieben worden oder sind nach Jordanien oder Libanon geflohen. Egal, wo sie sind – sie sind in erster Linie Kinder.

Erfahren Sie hier mehr darüber, wie UNICEF Kindern in Syrien und seinen Nachbarländern und auf den Fluchtrouten hilft.

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