TODESURSACHE: GEBURT. MÜTTER UND BABYS IM KRIEGSLAND JEMEN
Mittwoch, 10. Juli 2019, 11:07 Uhr
von Ninja Charbonneau | 0 Kommentare

Jede werdende Mutter, jeder werdende Vater kennt das: Die riesige Freude, dass ein neues Leben entsteht. Und gleichzeitig die Sorge, ob mit der Geburt auch alles gut gehen wird und das Baby gesund ist. 

Für viele Eltern im Jemen ist die Sorge besonders groß. Denn im Jemen herrschen Krieg und eine Wirtschaftskrise. Kinder im Jemen sind dadurch in großer Gefahr – schon bei der Geburt. Auch für viele Mütter im Jemen ist die Geburt ihres Kindes, die ein freudiges Ereignis sein sollte, lebensgefährlich.

Jemen: Die Großmutter gibt Ali sein Fläschchen.

Die Großmutter gibt Ali ein Fläschchen – seine Mutter starb bei der Geburt.
© UNICEF/UN0318227/Alahmadi

Am Tag seiner Geburt wurde Ali zum Halbwaisen. Seine Mutter Khaizaran brachte das Baby zu Hause in einem Dorf in Sana’a zur Welt, ohne die Hilfe einer Hebamme. Die Familie war zu arm, um sich den Transport in das über 30 Kilometer entfernte Krankenhaus leisten zu können. Doch bei der Geburt gab es Komplikationen: Khaizaran bekam starke Blutungen. Ihr Mann Yahya versuchte alles, um seine Frau zu retten, aber vergeblich. Sie starb wenige Stunden nach Alis Geburt.

In die Freude über die Geburt des Sohnes und Bruders mischt sich große Trauer um die Ehefrau und Mutter von Ali und seinen älteren Geschwistern. So gut er kann, kümmert sich Vater Yahya mit Unterstützung der Großmutter und anderen Familienmitgliedern um die Kinder.

Jemen: Portrait der zehnjährigen Emarat

In Erinnerung an ihre Mutter trägt Alis Schwester Emarat (10 Jahre) die Kette von Khaizaran.
© UNICEF/UN0318207/Alahmadi

Jemen: Nur Hälfte der Krankenhäuser voll funktionsfähig

Der Jemen war bereits vor der Eskalation des Konflikts stark unterentwickelt und das ärmste Land der Region. Nach vier Jahren intensiver Kämpfe sind nur noch die Hälfte der Gesundheitsstationen voll funktionstüchtig, und auch in denen fehlen häufig qualifiziertes Personal, Medikamente und medizinische Geräte.

Noch mehr Familien sind in die Armut abgerutscht, inzwischen leben rund 80 Prozent der Bevölkerung in Armut. Eine Folge davon: Nur drei von zehn Geburten finden in einem Krankenhaus oder einer Gesundheitsstation statt. Die Müttersterblichkeit ist stark gestiegen: 2013 starben durchschnittlich fünf Frauen täglich in Folge von Komplikationen bei Schwangerschaft oder Geburt, 2018 waren es zwölf Frauen jeden Tag. Eines von 37 Babys überlebt seinen ersten Lebensmonat nicht.

Zusammengefasst: Alle zwei Stunden sterben durchschnittlich eine Mutter und sechs Babys im Jemen!

Baby Ali hat überlebt – das ist keine Selbstverständlichkeit. Denn wenn die Mutter bei der Geburt stirbt, ist das Risiko besonders hoch, dass auch das Neugeborene sein Leben verliert.

Afrah Yahia (19) sieht regelmäßig nach Baby Ali und seinen Geschwistern. Sie ist Gesundheitshelferin und überprüft, ob das Baby zunimmt und die Kinder gesund sind.

Jemen: Portrait der 19-jährigen Gesundheitshelferin Afrah Yahia.

Wir ermutigen die Frauen, dass sie ihre Babys in einem von UNICEF unterstützten Krankenhaus kostenlos zur Welt bringen.

Afrah Yahia (19)

„Aber häufig fehlt ihnen das Geld für den Transport, wenn die Wehen einsetzen. Und viele Frauen denken nach wie vor, dass es okay ist, wenn das Kind zu Hause geboren wird.“

Das kann gut gehen – aber ohne ärztliche Hilfe oder den Beistand einer ausgebildeten Hebamme ist das Risiko für Mutter und Kind sehr hoch.

Yasmin verlor zwei Babys direkt nach der Geburt

Yasmin Yousef (21) musste bereits den Tod von zwei Babys verkraften. Wie viele Mädchen und junge Frauen im Jemen hat sie direkt nach Ende der Schulzeit geheiratet und wurde bald schwanger. Yasmin war und ist selbst unterernährt, ihr erstes Baby entwickelte sich nicht gut. Bei einer Vorsorgeuntersuchung riet ihr ein Arzt zu einem Kaiserschnitt, doch die Operation konnte sie sich nicht leisten. Sie hatte keine Wahl und brachte das Kind zu Hause in Al Dhali zur Welt – ein Junge -  aber er war ganz schwach.

„Er war so krank und seine Haut sah grünlich aus. Er hat nicht einmal geweint“, erzählt Yasmin. Das Baby wurde in ein Krankenhaus gebracht und bliebt drei Tage im Inkubator, danach ging der Familie das Geld aus. „Wir nahmen unseren Sohn mit nach Hause, aber er war immer noch krank. Ich konnte seine Behandlung nicht bezahlen. Er blieb bei mir und starb nach einer halben Stunde.“

Als Yasmin wieder schwanger wurde, ging zunächst alles gut. Das Baby schien bei der Geburt gesund zu sein, drei Tage später jedoch bekam es Fieber. Ein Arzt kam ins Haus und gab ihm Medizin, das Baby schien sich etwas zu erholen. Kurz darauf starb es.

Jemen: Yasmin hält die Kleidung ihres verstorbenen Kindes in den Händen.

Yasmin Yousef blickt traurig auf die Babykleidung ihres verstorbenen Kindes.
© UNICEF/UN0318407/

Yasmin weint bei der Erinnerung an ihren erneuten schweren Verlust. „Ich habe versucht zu verstehen, warum das passiert ist, aber ich kann es nicht begreifen“, sagt sie. Sie wünscht sich nichts sehnlicher als Mutter eines gesunden Kindes zu werden.

Ein flüchtiger Sieg: Mutter Saud und ihr Baby Saeed

Manchmal ist es nur ein kurz anhaltender Sieg im täglichen Überlebenskampf im Jemen, wenn Mutter und Kind die Geburt überstehen. So wie bei Saud Humadi und ihrem Sohn Saeed. Saud lebt in einem Flüchtlingscamp für Binnenvertriebene in der Provinz Lahi im Süden Jemens. Vor drei Jahren musste sie mit ihrem Mann und den Kindern wegen intensiver Kämpfe aus Taiz fliehen.

Als ihr jüngster Sohn Saeed geboren wurde, lieh sich Sauds Mann Mansur Geld, um seine Frau in das nächstgelegene – mehrere Stunden entfernte – Krankenhaus zu bringen. Ein Glück für Saud, denn es gab Komplikationen bei der Geburt und das Baby musste per Kaiserschnitt geholt werden. Aber dadurch stiegen die Kosten, und Mansur war gezwungen, sämtliche Ersparnisse der Familie – umgerechnet rund 80 Euro – für die Gesundheit seines Sohnes und seiner Frau auszugeben.

Saud-und-Saeed-UN0320186

Saud Humadi mit ihrem jüngsten Sohn Saeed. Beide haben die Geburt überstanden, aber das Kind ist mangelernährt.
© UNICEF/UN0320186/Baholis

Mutter und Baby haben die Geburt gut überstanden, aber die Krankenhaus-Kosten haben die Familie in noch tiefere Armut gestürzt. Mansur, der nur Gelegenheitsjobs findet, hat Schwierigkeiten, genug Geld zu verdienen, um seine Familie zu ernähren. Baby Saeed ist stark mangelernährt und damit weiterhin in Lebensgefahr.

EINE CHANCE FÜR BABYS UND MÜTTER IM JEMEN

UNICEF hilft Müttern und Neugeborenen im Jemen, damit sie rund um die Geburt gut versorgt und geschützt sind. Zum Beispiel haben wir 2018 zusammen mit unseren Partnern Gemeinde-Hebammen unterstützt, die über 634.000 schwangere Frauen und stillende Mütter betreut haben. Über 228.000 Frauen hatten dank UNICEF bei der Geburt eine für Geburtshilfe qualifizierte Person an ihrer Seite.

Um das Überleben von Neugeborenen zu sichern, unterstützt UNICEF aktuell 13 Krankenhäuser einschließlich Neugeborenen-Intensivstationen in fünf Regierungsbezirken (Ammant Al-Semah, Sana’a, Dhamar, Hudaydah, und Hajjah). Wir sind dabei, diese Hilfe auf weitere Krankenhäuser auszuweiten.

Jemen: Ein mangelernährtes Baby wird auf der Station für therapeutische Ernährung behandelt.

Ein mangelernährtes Neugeborenes im Jemen auf einer Station für therapeutische Ernährung im Krankenhaus Ibn-Khaldoon.
© UNICEF/UN0320351/Baholis

Darüber hinaus geht auch unsere dringend benötigte Nothilfe weiter – zum Beispiel mit sauberem Trinkwasser, Schutz vor Cholera, Notschulen und therapeutischer Nahrung für mangelernährte Kinder. In diesem Jahr haben bis Ende Mai schon über 109.000 Kleinkinder, die lebensbedrohlich mangelernährt waren, eine Behandlung begonnen. Damit haben sie sehr gute Chancen, zu überleben und schnell wieder zu Kräften zu kommen.

Hier können Sie den Kindern im Jemen direkt helfen – vielen Dank!

RECHT AUF ÜBERLEBEN: BABYS IM JEMEN – UND WELTWEIT

Nach diesem Einblick in die harte Realität im Jemen noch ein Blick hinter die Kulissen der Neugeborenenstationen im Jemen. Sind diese neuen Erdenbürger nicht einfach süß?

Happy Birthday: 30 Jahre Kinderrechte!

In diesem Jahr werden die Kinderrechte 30 Jahre alt – denn 1989 wurde die UN-Kinderrechtskonvention ins Leben gerufen. Eines der wichtigsten darin formulierten Rechte: Das Recht auf Überleben. Es gilt für jedes Kind, unabhängig vom Geburtsland, Religion, ethnischer Zugehörigkeit, Geschlecht – eben für jedes Kind. Weltweit. 

» Zur Sonderseite 30 Jahre Kinderrechte
 

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