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Meinung

Wo Bomben fallen, hört Kindheit auf

Am Sonntag findet der G7-Gipfel unter dem Vorsitz Deutschlands statt. Gleichzeitig leiden acht Millionen Kinder in 15 Krisenländern unter schwerer akuter Mangelernährung. Wie der Krieg in der Ukraine und andere Krisen die globale Ernährungskrise verschärfen und auf welche Lösungen es jetzt ankommt, dazu Georg Graf Waldersee, Vorsitzender von UNICEF Deutschland, in seinem Kommentar.

Freitag, 24.06.2022, 13:24 Uhr

von Georg Graf Waldersee  •  0 Kommentare

Beim Treffen der Staats- und Regierungschefs der G7 auf Schloss Elmau in Bayern geht es in beschaulicher Kulisse um sehr ernste Themen – die Lebensrealität und Perspektiven von Millionen Menschen, die den aktuellen multiplen Krisen nur wenig entgegenhalten können. Krisen, für die Kinder den größten Preis zahlen.

„Wo Bomben fallen, hört Kindheit auf“, erklärte uns kürzlich ein Mitarbeiter von UNICEF angesichts der verheerenden Lage in der Ukraine. Hier – mitten in Europa – erleben wir, wie groß die Last ist, die gerade junge Menschen tragen müssen. Ja, wie ein Krieg die Zukunft einer ganzen Generation von Kindern bedroht.

Ein Junge steht in den Ruinen eines Hauses.

„Vor dem Krieg kannte ich keinen Kampflärm“, sagt der zwölfjährige Danylo aus der Ukraine. „Jetzt kann ich den Unterschied zwischen Raketen und Granaten hören.“

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Aber nicht nur in der Ukraine verursacht der Krieg furchtbares Leid. Die Folgen des Kriegs treffen gleichzeitig die Menschen in den ärmsten Ländern und Krisenregionen der Erde: zum Beispiel am Horn von Afrika, der zentralen Sahelzone, im Südsudan, Jemen und in Afghanistan. Bereits vor dem Kriegsausbruch in der Ukraine waren viele Familien in diesen Ländern aufgrund von Konflikten, Klimaschocks und den wirtschaftlichen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie nicht in der Lage, ihre Kinder zu ernähren. 

Ein schwer mangelernährtes Kind wird vermessen.

Die sieben Monate alte Rajwa aus dem Jemen leidet an Mangelernährung.

© UNICEF/UN0614741/Al-Haj

Mehrfachkrisen verschärfen Ernährungslage

Viele arme Länder sind auf Weizen und andere Lebensmittelimporte aus der Ukraine und Russland angewiesen. Doch Lieferwege und Häfen sind blockiert, die Lieferketten unterbrochen. In der Folge können sich die Familien selbst Grundnahrungsmittel nicht mehr leisten.

Bei der letzten Hungersnot in Somalia starben 2011 eine Viertelmillion Menschen, darunter viele Kinder. Die internationale Gemeinschaft erklärte, dass dies nie wieder passieren dürfe. Heute, ein Jahrzehnt später, sind fast acht Millionen Kinder unter fünf Jahren in 15 Krisenländern unmittelbar vom Tod durch schwere akute Mangelernährung bedroht, wenn sie nicht sofort therapeutische Nahrung erhalten und behandelt werden. Seit Anfang des Jahres hat die sich weltweit zuspitzende Ernährungskrise dazu geführt, dass in den 15 Ländern, die am stärksten von der Krise betroffen sind, zusätzlich 260.000 Kinder an schwerer akuter Mangelernährung leiden. Jede Minute kämpft damit ein weiteres Kind um sein Überleben.

Ein mangelernährtes Kind auf dem Arm seiner Mutter.

Allein in Somalia benötigen aktuell schätzungsweise 386.000 schwer akut mangelernährte Kinder dringend eine Behandlung - mehr als die 340.000 Kinder, die zur Zeit der Hungersnot 2011 behandelt werden mussten.

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Aus Hungerkrisen dürfen keine Hungerkatastrophen werden

Die G7-Staaten dürfen jetzt keine Zeit verlieren, denn es geht um das Leben von Millionen Menschen. Sie müssen ein konkretes und weitreichendes Maßnahmen- und Finanzpaket schnüren, das die Gesundheitssysteme in den betroffenen Ländern und weitere bereits bestehende Mechanismen stabilisiert und UN- und zivilgesellschaftliche Organisationen in die Lage versetzt, schnell, flexibel und kosteneffizient Hilfe zu leisten. Mit rund 1,2 Milliarden US-Dollar könnte die UNICEF-Organisation über einen etablierten Fund akute wie auch präventive Unterstützung im Ernährungsbereich für Mütter und Kinder bereitstellen.

Zwei mangelernährte Kleinkinder werden mit Nahrungsergänzungsmitteln gefüttert.

Nana Hadiza (28) mit ihren 20 Monate alten Zwillingen Housseina und Hassana im Krankenhaus von Maradi im Süden Nigers. Die Babys erholen sich von Mangelernährung und erhalten Erdnusspaste und Nahrungsergänzungsmittel. | © UNICEF/Dejongh

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Doch die humanitäre Nahrungsmittelhilfe allein ist nicht mehr als ein Pflaster auf einer tiefen Wunde. Um zukünftig derartige Krisen zu verhindern, müssen die G7 mehr tun als die Symptome zu behandeln. Ernährungssysteme müssen weltweit nachhaltig gesichert und gestärkt werden. Damit Kinder gut aufwachsen und sich entwickeln können, sind zudem erhebliche Investitionen in Gesundheit, Bildung, Wasser- und Sanitärversorgung sowie soziale Sicherung als zentrale Säulen der Ernährungssicherung für die ärmsten Familien erforderlich. Der Druck auf die ärmsten Familien durch Klimawandel, Covid-19-Folgen oder Konflikte wird kurz- und mittelfristig nicht nachlassen. Es ist deshalb alles zu tun, ihre Widerstandskraft gegen neue Schocks zu stärken. Dazu gibt es keine Alternative.

Sowohl das Programm als auch die bisherigen Ergebnisse der Treffen von Ministerinnen und Minister im diesjährigen G7-Prozess deuten vielversprechende Lösungsstrategien an, wie die Etablierung einer neuen globalen Allianz, die koordiniert und agil auf die aktuelle Hungerkrise reagieren kann. Dieses und weitere Vorhaben geben Anlass zur Hoffnung, dass sich auch in der Abschlusserklärung der G7 konkrete und ambitionierte Vorhaben finden werden.

Kinder sitzen in einem vertrockneten Baum.

Die Dürre in Äthiopien trifft die Bevölkerung hart.

© UNICEF/UN0635773/Pouget

Was wir vom G7-Gipfel erwarten

Angesichts der Komplexität der aktuellen Mehrfachkrisen appelliert UNICEF an die G7 Länder, jetzt die Weichen zu stellen, das Leben, die Bedarfe und auch die Zukunft von Kindern ganz grundsätzlich weltweit stärker als bisher in den Mittelpunkt zu rücken.

Verstärkte und vorausschauende Investitionen in die humanitäre Hilfe sind notwendig, um schnell und wirkungsvoll auf die akuten Notsituationen zu reagieren – in der Ukraine, aber auch in anderen Regionen der Welt.

Die Not der einen Kinder darf nicht gegen die der anderen ausgespielt werden. Die weltweiten Mittel für humanitäre Hilfe müssen gerecht verteilt und möglichst mehrjährig bereitgestellt werden, damit Organisationen wie UNICEF in der Lage sind, auf die sich verändernden Notlagen in einem sich rasch wandelnden globalen Umfeld flexibel und schnell zu reagieren.

Ein Kind liegt in einem Bett.

Ali Abubakar erholt sich in einem von UNICEF unterstützten Krankenhaus im Sudan von schwerer Mangelernährung.

© UNICEF/UNI236401/Noorani

Die G7 können mit ihren Entscheidungen dazu beitragen, dass die drastischen Auswirkungen des Klimawandels, der Covid-19-Pandemie und der weltweiten Konflikte abgefedert werden und solchen Krisen zukünftig präventiv begegnet wird. Dazu bedarf es entschlossenen Handelns. Der anstehenden G 7 Gipfel ist eine Chance, jetzt den richtigen Weg einzuschlagen.

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