NIEMALS GEWALT GEGEN KINDER
Donnerstag, 2. Juli 2020, 11:00 Uhr
von Christian Schneider | 5 Kommentare

UNICEF-Geschäftsführer Christian Schneider zu 20 Jahren Recht auf gewaltfreie Erziehung – und zu den jüngsten furchtbaren Gewalttaten an Kindern in Deutschland

Ein Kind streckt die Hand abwehrend in Richtung Kamera

© UNICEF/UN040849/Bicanski

30 Jahre nach Inkrafttreten der Kinderrechtskonvention, 20 Jahre nach Verabschiedung des Rechts auf gewaltfreie Erziehung: Man ist fast versucht, das ewige Bild vom Eisberg und seiner Spitze auf den Parkplatz verbrauchter Metaphern zu schieben. 

Aber genau dieses Bild ist so unfassbar aktuell und richtig. Es muss, gerade nach den jüngsten Erkenntnissen der Ermittler in Bergisch Gladbach, herhalten, um über diesen furchtbaren Fall oder den in Lügde oder den in Münster hinauszuschauen. Die Ermittlungen der Polizei haben in den zurückliegenden Tagen etwas mehr von dem Eisberg enthüllt. Wir schauen fassungslos auf eine Zahl von 30.000 Verdächtigen, allein in diesem Fall.

Aber gleichzeitig hören wir von der UN-Sonderbeauftragten zu Gewalt gegen Kinder, dass sich darunter ein noch viel größerer, erschreckender Koloss buchstäblich alltäglicher, tiefsitzender Gewalt gegen Kinder verbirgt. Gewalt in all ihren sehr unterschiedlichen Ausprägungen, Gewalt, die viel zu viele noch immer für selbstverständlich, mindestens nicht für skandalös halten. Gewalt, die Schätzungen zufolge jedes Jahr die unglaubliche Zahl von etwa einer Milliarde Mädchen und Jungen trifft. Das ist jedes zweite Kind auf der Welt, kaum vorstellbar, unerträglich.

Obwohl jedes Kind ein weltweit anerkanntes Recht darauf hat, ohne Gewalt groß zu werden, sind unzählbare Mädchen und Jungen tagtäglich Übergriffen ausgesetzt – in allen Ländern der Erde und in allen gesellschaftlichen Gruppen. Wie die Sonderbeauftragte Najat Maalla M‘jid sagt, haben die Covid-19-Pandemie sowie die damit einhergehenden Maßnahmen und ihre sozialen und wirtschaftlichen Folgen das Risiko der Gewalterfahrungen für Kinder jetzt noch weiter verschärft. Umso wichtiger ist es, dass wir uns noch mehr anstrengen, damit sie nicht allein sind mit dieser Gefahr, damit wir sie schützen können.

UNICEF schätzt, dass heute weltweit drei von vier Kindern zwischen zwei und vier Jahren zu Hause körperliche oder psychische Gewalt durch ihre Erziehungsberechtigten erfahren – gerade diejenigen, die für den Schutz der Kinder verantwortlich sind. In vielen Ländern hat zwar ein Umdenken begonnen, aber noch immer halten 1,1 Milliarden Eltern und Erziehungsberechtigte Schläge oder Einsperren für ganz normale Disziplinierungsmittel.

Ein Kind sitzt mit einem Teddy auf einem Bett.

© UNICEF/UN014910/Estey

So sehr uns die eingangs aufgerufenen extremen Fälle von Missbrauch oder Gewalt erschüttern, so gering ist auch heute noch unser Verständnis dessen, was alles Gewalt gegen Kinder ausmacht.

Viele Mädchen und Jungen leiden unter emotionaler Gewalt. Sie werden eingeschüchtert, ausgegrenzt oder missachtet. Es ist paradox: Was im Umgang von Erwachsenen untereinander geächtet und als schwere Verletzung des normalen, guten Miteinander betrachtet wird, wird Kindern gegenüber bis heute oft stillschweigend akzeptiert, heruntergespielt oder sogar gerechtfertigt. 

Die entsetzlichen Verbrechen an Kindern, die zuletzt in Deutschland ans Tageslicht gekommen sind, untergraben die Würde und das Wohl der Kinder in einem so grauenhaften Ausmaß, dass es sich kaum in Worte fassen lässt. Zugleich muss ihre Aufdeckung wie ein dringender, lauter Weckruf an die Politik, an die Behörden wirken – aber auch an unsere ganze Gesellschaft. 

Die verstärkten Aufklärungsbemühungen der Polizei haben zutage gefördert, was jahrelang im Verborgenen geblieben ist. Diese Anstrengungen dürfen nicht nachlassen! Die Bundesjustizministerin hat gerade Vorschläge zur Verschärfung des Strafrechts und zur Verbesserung einer effektiven Strafverfolgung gemacht. Das ist wichtig.

Entscheidend jedoch ist aus Sicht von UNICEF die Prävention und die Sensibilisierung. 

Um frühzeitig Anzeichen für elementare Kinderrechtsverletzungen zu erkennen, braucht es angemessen ausgestattete und geschulte Jugendämter. Es braucht sensible, entsprechend ausgebildete Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer, aber auch Richterinnen und Richter, Staatsanwältinnen und Staatsanwälte. Es braucht Verwandte und Nachbarn, die nicht wegsehen, die wissen, was man tun kann. Es braucht dringend und flächendeckend umfassende Schutzkonzepte an Schulen oder Kitas, wie sie der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung fordert. Es ist gut, dass die Justizministerin in ihrem Reformpaket die Prävention und die entsprechende Qualifikation im Blick hat.

Zwei Kinder sitzen auf einer Schaukel.

© UNICEF/UN014937/Estey

Und Kinder müssen in ihren Rechten gestärkt werden. 

Kinder können sich nur dann gegen Gewalt wehren und Hilfe suchen, wenn sie wissen, dass niemand das Recht hat, ihnen Schaden zuzufügen, wenn sie die Hilfsangebote kennen. 

Fest steht: Gewalt darf niemals hingenommen werden. Sich ihr entgegenzustellen, ja, sie in all ihren schrecklichen Formen zu ächten, muss als Daueraufgabe für die ganze Gesellschaft verstanden werden. 

Das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung, dass der deutsche Bundestag vor fast genau 20 Jahren beschlossen hat, war ein wichtiger Beitrag dazu. Aus Sicht von UNICEF ist es höchste Zeit, das Recht eines jeden Kindes auf ein gewaltfreies Aufwachsen viel stärker ins Bewusstsein zu rücken, hier in Deutschland wie in jedem anderen Land. Wir alle müssen unsere Einstellungen und unsere Haltung gegenüber Kindern überprüfen, müssen Kindern und ihren Perspektiven mehr Aufmerksamkeit schenken, ihnen zuhören, sie ernst nehmen, so banal das klingen mag.

Wenn die Aufmerksamkeit nach den furchtbaren Nachrichten der zurückliegenden Wochen wieder nachzulassen droht, muss eine neue Aufmerksamkeit den Kindern in unserer Gesellschaft gegenüber an ihre Stelle treten: eine Haltung der Null-Toleranz gegenüber jeglichen Formen der Gewalt.

Für UNICEF hat der Schutz vor Gewalt gegen Kinder höchste Priorität. 

Weltweit unterstützen UNICEF-Teams Regierungen, um Gesetze für verbesserten Kinderschutz einzuführen. Sie fördern Hilfsangebote für betroffene Kinder und Jugendliche und setzen Programme zur Prävention von Gewalt zum Beispiel durch Aufklärungskampagnen und Elternkurse um. 

In Indien habe ich erlebt, wie UNICEF Jugendliche aus Lebenszusammenhängen, die von extremer Ausbeutung und Gewalt geprägt sind, so stärkt, dass sie selbst Täter aus der Nachbarschaft anzeigen, dass sie andere junge Leute auf Hotlines aufmerksam machen und Familien ansprechen, in denen Mädchen oder Jungen in Bedrängnis geraten sind. Ein junger Mann äußerte als Berufswunsch: „Polizist, damit ich andere Jugendliche vor Gewalt schützen kann!“ Das spricht für sich.

In Deutschland haben wir gemeinsam mit Prof. Fegert und dem Deutschen Kinderschutzbund eine Studie zu elterlichem Erziehungsverhalten und Einstellung zu Körperstrafen in Deutschland initiiert, die wir im Herbst veröffentlichen werden. 

Der Schutz von Kindern geht uns alle an. Deshalb wäre aus Sicht von UNICEF auch die Aufnahme der Kinderrechte in die Verfassung ein wichtiger Schritt, um buchstäblich die Rahmenbedingungen für den Kinderschutz zu verbessern. 

So wie unsere Verfassung den Rahmen für das Gemeinwohl und unser Zusammenleben setzt, muss das Wohlergehen der Kinder zum Maßstab für den Zustand unserer Gesellschaft werden. 

KOMMENTARE

  • 23. September 2020 15:05 Uhr

    Danke für den Artikel - noch eine Hilfe zur Gestaltung der Teppichaktion zu #niemalsgewalt - Gewalt hinterlässt Spuren.

  • 10. Juli 2020 12:55 Uhr

    Vielen Dank für die Kommentare – dies zeigt uns, wie wichtig das Thema nicht nur uns, sondern auch Ihnen ist.

    Wir sind der Überzeugung, dass Gewalt gegen Kinder – ob sie nun physischer oder psychischer Natur ist – unter keinen Umständen toleriert werden darf und durch nichts zu rechtfertigen ist. UNICEF setzt sich in den Projektländern mit konkreten Hilfsangeboten für betroffene Kinder und weltweit mit Aufklärungsarbeit dafür ein, dass dieses wichtige Thema und das tatsächliche Ausmaß sichtbar gemacht werden und das Recht auf Schutz vor Gewalt für alle Kinder verwirklicht wird.

    Sexuelle Verstümmelungen gehören mit zu den schlimmsten Kinderrechtsverletzungen. UNICEF setzt sich dafür ein, dass diese verboten und bei Zuwiderhandlung verfolgt werden. Mit deutschen Spenden unterstützen wir beispielsweise gezielt ein Projekt gegen weibliche Genitalverstümmelung in Gambia https://www.unicef.de/informieren/projekte/afrika-2244/gambia-19280/maedchenbeschneidung-gambia/174438

    Kinderschutz ist dann wirksam, wenn ein Bewusstsein für alle Formen von Gewalt gegen Kinder – und deren Folgen – geschaffen wird. So können gesellschaftliche und individuelle Einstellungen und Verhaltensweisen verändert werden. Vor allem alltägliche Gewalt gegen Kinder wird häufig übersehen. Wie Sie richtig bemerken können Kinder auch in Kitas oder in den eigenen vier Wänden Gewalt ausgesetzt sein. Davor dürfen wir nicht die Augen verschließen. Hier Zivilcourage zu beweisen und nicht zu schweigen, ist besonders wichtig.

    Wir haben einige Anlaufstellen und Beratungsangebote zusammengestellt, die weiterhelfen können, wenn Sie Kinderrechtsverletzungen bemerken: https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/gewalt-gegen-kinder-beenden/anlaufstellen-und-beratungsangebote-bei-gewalt

    Viele Grüße
    Wiebke Eckau
    UNICEF-Infoservice

  • 06. Juli 2020 01:37 Uhr

    Das klingt schon alles schrecklich.

    Ich habe es gerade leider erleben müssen, wie unter Corona, ein vierjähriges Kind von seinem Vater, zusammengeschrien, geschlagen und als Pünktchen noch gedemütigt wurde. Habe, als ich das alles mit ansehen mußte, den Vater angesprochen, er solle das schlagen sein lassen. Wurde aufgebracht als Spasti betitelt.

    Habe den Vater, der nun mein Nachbar ist, Angezeigt auf Körperverletzung minderjähriger Kinder.

    Mittlerweile wurde die Anzeige eingestellt, weil der Vater und seine Frau es bestritten haben und den einzigen Zeugen, der der Krähengemeinschaft angehört, nix gesehen hat. Dabei habe ich diesen auch beobachten können, wie er sein Buch noch in Ruhe beiseite gelegt hat. Liegt wohl daran, meine persönliche Meinung. Ehemaliger Politiker im Rat, der möchte mit einer weißen Weste in den Ruhestand.

    Eine Schmach für das Kind.

    Ich finde es schade, dass man nicht nochmal dazu befragt wurde.

    Und von einem Kind verlangen, hier von vier Jahren, wie soll der Junge sich informieren, das muss dann einer machen, der es persönlich mitbekommen hat. Es stimmt mich sehr traurig, daß der junge kein Recht auf gewaltfreie Erziehung bekommt.

  • 03. Juli 2020 15:36 Uhr

    Besonders wichtig an Ihrem Text ist mir der Hinweis auf die alltägliche Gewalt, die man nicht an blauen Flecken und anderen Verletzungen erkennen kann. So fehlt es auch u.a. auch an belastbaren empirischen Ergebnissen über alltägliche Gewalt in Kitas, den Orten, wo die meisten Kinder heute ihren Tag verbringen und die doch eigentlich dem Schutz der Kinder dienen sollten. Aber wie in allen Organisationen, in denen Kinder mit Erwachsenen zusammen leben, kommt es auch hier zu verbalen und körperlichen Übergriffen. Dieser Tatbestand wird in der Fachpraxis leider in weiten Kreisen verschwiegen, ja tabuisiert. Auch ist das professionelle Verständnis, was alles zur Gewalt zählt, eher verschwommen, wie ich in meiner Beratungspraxis feststellen konnte. - Es wäre gut, wenn Unicef auf diesen Tatbestand einmal hinweisen könnte, um das vorherrschende Tabu zu durchbrechen. Vielen Dank! U. Rabe-Kleberg

  • 02. Juli 2020 13:54 Uhr

    Und was ist mit den sexuellen Verstümmelungen? Zu denen werden die Täter regelrecht eingeladen.

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