Statement
EINE GLOBALE KATASTROPHE FÜR KINDER VERHINDERN
Berlin/Köln
Dienstag, 5. Mai 2020, 11:15 Uhr

Georg Graf Waldersee, Vorsitzender von UNICEF Deutschland, über die Auswirkungen der Corona Pandemie auf Kinder und Familien in Entwicklungsländern und Krisengebieten anlässlich der heutigen Pressekonferenz mit Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller im Haus der Bundespressekonferenz. *

Syrien: Zwei Jungen waschen sich die Hände in einem Flüchtlingslager.

© UNICEF/UNI325083/Albam

„Covid 19 steht für eine neue, wirklich existenzbedrohende Gefahr für Millionen von Kindern und jungen Menschen: Kindern in Kriegs- und Krisengebieten und in von Armut gezeichneten Ländern, deren Gesundheits-, Bildungs- und Systeme der sozialen Sicherung ohnehin schon hemmungslos überfordert sind.

Ich danke Ihnen sehr, dass Sie mir die Gelegenheit geben, auf die Folgen der Corona-Pandemie mit Blick auf die dort lebenden Mädchen und Jungen aufmerksam zu machen. Und darüber zu sprechen, wie herausfordernd es unter den Bedingungen der globalen Gesundheitskrise ist, hier lebenserhaltende und existenzsichernde Hilfe zu leisten.

Seit einiger Zeit ist es aufgrund der weltweiten Beschränkungen der Bewegungsfreiheit, der Reise- und Transportbeschränkungen für unsere UNICEF-Teams immer schwieriger – und auch teurer – Kinder mit Impfstoffen und Hilfsgütern rechtzeitig zu erreichen.

In den vergangenen Wochen mussten bereits lebensrettende Impfkampagnen gegen Masern und Kinderlähmung für 117 Millionen Kinder – unter anderem in Afghanistan und Pakistan – vorerst gestoppt werden.

Auch deshalb könnten nicht unmittelbar durch, aber in Folge der Pandemie in den ärmsten Ländern der Erde in den kommenden Monaten Hunderttausende Mädchen und Jungen ihr Leben verlieren.

UNICEF sucht zusammen mit der WHO und anderen Partner-Organisationen mit Hochdruck nach Lösungen.

So versuchen wir, wenn möglich, besonders dringende Transporte vorzuziehen, um auf neue Ausbrüche von Masern oder Polio reagieren zu können.

Auf diese Weise konnten wir trotz der immensen Probleme seit Anfang des Jahres 17,5 Millionen Dosen Impfstoffe in den Nahen und Mittleren Osten sowie nach Nordafrika liefern.

Wir appellieren heute mit Nachdruck an Regierungen, Wirtschaft und Luftfahrtunternehmen, Transportkapazitäten zu bezahlbaren Kosten für lebensrettende Impfstoffe freizumachen.

Am bedrückendsten sind die Aussichten für Familien, die in Slums, Flüchtlingslagern und Kriegsgebieten leben.

Es ist geradezu ausgeschlossen, selbst einfachste Maßnahmen wie „Social Distancing“ oder tägliche Hygiene unter den grauenvollen Bedingungen in den Lagern der Rohingya in Bangladesch einzuhalten. Nämlich da, wo unglaublich viele Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht leben müssen.

Ist das Virus dort einmal angekommen, wird es sich sehr schnell verbreiten. Deshalb konzentriert sich UNICEF in diesen Wochen auf präventive Maßnahmen zur Verbesserung der Hygiene sowie intensive Aufklärungsarbeit, um eine Katastrophe abzuwenden.

In diesen Lagern mit seinen über 850.000 Bewohnern hat UNICEF zwar zusätzliche Waschgelegenheiten installiert sowie Desinfektionsmittel bereitgestellt. Zudem konnten mittlerweile auch Beatmungsgeräte und weiteres medizinisches Gerät dorthin geschafft werden. Angesichts der potenziell riesigen Zahl betroffener Menschen sind wir aber sehr besorgt.

In Syrien, einem Land in dem für die Kinder und Jugendlichen jetzt ihre zweite Lebensdekade im Krieg beginnt, hat unser UNICEF-Team zusammen mit seinen Partnern mit gezielten Kampagnen zur Covid-19-Aufklärung Familien und Kinder landesweit erreicht und sie, genauso wie hunderttausende Syrer in den informellen Flüchtlingslagern im Nordwesten des Landes, mit Hygieneartikeln versorgen können.

Und im Jemen, wo derzeit fünf Millionen Kinder von Cholera und lebensgefährlichem Durchfall bedroht sind, setzt UNICEF alles daran, eine minimale Wasserversorgung in Gang zu halten.

Nun ist diese Krise aber weit mehr als eine Gesundheitskrise. Sie ist auch eine sozio-ökonomische Krise.

UNICEF fürchtet, dass zusätzlich zwischen 42 und 66 Millionen Kinder durch die heraufziehende globale Rezession in extreme Armut fallen könnten – und damit weit über die 386 Millionen Kinder hinaus, die bereits heute benachteiligt und schutzlos in schlimmsten Verhältnissen aufwachsen.

Eltern von Südafrika bis Indien, die ihr tägliches Brot als Tagelöhner verdienen, haben durch die Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 und durch die weltweiten wirtschaftlichen Lockdowns von einem Tag auf den anderen die Grundlagen für ihren Lebensunterhalt verloren. Ohne soziale Absicherung hat dieser Einkommensrückgang auf null, selbst wenn er nur eine gewisse Zeit andauert, verheerende Folgen für die Kinder, denen es am Nötigsten fehlen wird.

UNICEF wurde vor 75 Jahren als globale Organisation gegründet, um in Krisensituationen zu helfen, Kindern zu helfen. Wann, wenn nicht jetzt bedarf es gerade dieser internationalen Zusammenarbeit, wenn es gilt, den Folgen dieser großen globalen Gesundheits- Wirtschafts- und sozialen Krise zu trotzen.

Es kommt gerade jetzt darauf an, entschlossen, gemeinsam und vor allem schnell zu handeln, damit aus einer weltweiten Krise keine globale Katastrophe für Kinder wird.

Unsere Reaktion muss langfristig gedacht und nachhaltig sein. Maßnahmen für Kinder müssen gezielt gestärkt werden – von Bildung über den Schutz vor Gewalt bis hin zur sozialen Sicherung der Familien.

Der deutschen Bundesregierung und ihnen persönlich, Herr Minister, möchte ich Dank und Anerkennung ausdrücken, dass sie in dieser Situation große Verantwortung übernehmen."

*Es gilt das gesprochene Wort.

Chrisitine Kahmann, UNICEF Deutschland

CHRISTINE KAHMANN

Pressesprecherin - Aktuelle Themen, Nothilfe
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E-Mail: presse(at)unicef.de