SYRIEN: AUGENZEUGENBERICHT VON DR. ESRAA IN ALEPPO

20. September 2016 von Ninja Charbonneau 5 Kommentare

Wenn man die Bilder der zerstörten syrischen Stadt Aleppo sieht, kann man sich kaum vorstellen, wie man dort leben und arbeiten kann.

Dennoch riskieren Menschen wie Dr. Esraa Al-Khalaf ihr Leben, um den Kindern zu helfen. In einem sehr persönlichen Augenzeugenbericht erzählt sie uns hier von ihrem Alltag und dem der Kinder in Aleppo – einem der gefährlichsten Orte der Welt.

Syrien, Aleppo: Dr. Esraa Al-Khalaf in einer Notunterkunft

Dr. Esraa Al-Khalaf (rechts) spricht in einer zur Notunterkunft umfunktionierten Schule in Aleppo mit Familien. 
© UNICEF/UN032199/Ourfali

Aleppo in Syrien: "Ich liebe diese Stadt"

"Ich kann mich kaum mehr an einen ‚normalen' Tag in Aleppo erinnern. Wie sollen wir inmitten dieses vernichtenden Krieges ein normales Leben führen? Aber irgendwie leben wir weiter. An den meisten Tagen vergessen wir, auf die Uhr zu sehen und nach Hause zu gehen. Ich habe hier in Aleppo Medizin studiert, und die Stadt ist mein Zuhause geworden. Aber wie die meisten Syrer bin ich in den vergangenen fünf Jahren sehr oft umgezogen.

Vor dem Krieg hatte ich ein gemütliches Haus, aber ich musste fliehen, als die Gegend zur Konfliktzone wurde. Als ich Ende 2013 nach Aleppo zurückgekommen bin, war die Stadt kaum noch wiederzuerkennen. Ich habe mein Haus und die Privatklinik verloren. Ich wurde von meiner Familie getrennt und bin mehrfach zwischen Hotels und anderen Häusern umgezogen. Letztes Jahr habe ich mich in einer relativ ruhigen Gegend niedergelassen, aber als vor kurzem die Gewalt eskaliert ist, musste ich wieder fliehen. Im Moment wohne ich bei Freunden.

Syrien: Zerstörte Straßen und Gebäude

© UNICEF NO/2016/Truls Brekke

Ich liebe diese Stadt, obwohl ich es vermisse, wie es einmal war. Es fehlt mir, in den Straßen spazieren zu gehen und mich völlig sicher zu fühlen. Ich vermisse die Altstadt und die Zitadelle. Ich hatte immer den Eindruck, dass ihre Steine sprechen können und allen davon erzählen, wie großartig diese Stadt ist.

Das kurze Leben von Ali: Belagert, ausgehungert, bombardiert

Als Ernährungsexpertin bei UNICEF komme ich mit dem Leben von vielen Kindern in Berührung. Jeden Tag denke ich an die Kinder, denen ich begegne.

Aleppo: Ein mangelernährtes Kind erhält therapeutische Nahrung.

Ein mangelernährtes Kleinkind in Aleppo erhält therapeutische Spezialnahrung.
© UNICEF/Al-Issa

Ich traf Ali, als er sechs Monate alt war und in Folge der Belagerung seiner Gegend unter schwerer Mangelernährung litt. UNICEF hat geholfen, Ali zu evakuieren. Wir haben ihn acht Monate lang behandelt und es ging ihm langsam besser. Das Lächeln auf seinem ehemals verweinten, erschöpften Gesicht war die größte Belohnung für mich.

Aber Alis Geschichte hatte leider ein tragisches Ende. Er war erst zwei Jahre alt, als er bei einer Bombardierung starb. Ich werde Alis Lächeln nie vergessen – ich sehe ihn in jedem Kind des gleichen Alters. 

Helfen Sie den Kindern in Syrien zu überleben!

Mit Trinkwasser, therapeutischer Nahrung, medizinischer Betreuung von Schwangeren und Kindern – so hilft UNICEF in Syrien auch im Kriegszustand. Die Kinder brauchen uns dringender denn je!

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Nothilfe Syrienkrise

Aleppo: Geteilte Stadt, doppeltes Leid

Ich stehe gerne früh auf, um mich auf den bevorstehenden Tag einzustellen. Ich fahre mit dem Auto durch die Straßen und beobachte die Menschen. Die wichtigsten Meetings halte ich gerne früh am Morgen ab, wenn die Stadt am ruhigsten ist. Dann geht es los: Ich mache Ortsbesuche, bewerte die Situation und was am dringendsten gebraucht wird, treffe mich mit Partnerorganisationen, gebe Empfehlungen für die nächsten Schritte und sorge dafür, dass die Kinder die benötigte Hilfe erhalten.

Zwei Mädchen in Aleppo im September 2016

Viele Menschen in Aleppo haben sich wie die Familie dieser beiden Mädchen Notunterkünfte gebaut.
© UNICEF/UN032203/Ourfali

Jeder einzelne Tag in Aleppo ist eine Herausforderung, ganz besonders seit die Kämpfe zugenommen haben. Unsere Stadt ist in einen westlichen und einen östlichen Teil geteilt. Sich zwischen beiden Teilen frei zu bewegen, ist nicht immer möglich und dadurch ist es sehr viel schwieriger, die Kinder zu erreichen. Seit Anfang des Jahres war es uns nicht mehr möglich, in die östlichen Viertel zu gelangen. Aber wir unterstützen NGOs, die im östlichen Teil von Aleppo Hilfe für Kinder und schwangere Frauen leisten, zum Beispiel die Kinder auf Zeichen von Mangelernährung untersuchen und behandeln und sie impfen.

Auch wenn ich nicht selbst in den Osten gehen kann, bleibe ich mit den dort tätigen Partnern im engen Kontakt. Wir statten sie unter anderem mit therapeutischer Nahrung aus. Aber wir brauchen dringend uneingeschränkten sicheren Zugang, um Hilfsgüter zu liefern und die Gesundheitshelfer zu unterstützen, die unter enormem Druck stehen.

Aleppo: Kinder spielen im Wasser der zerstörten Leitung

August 2016: Kinder spielen mit dem Wasser einer zerstörten Wasserleitung in Sheikh Saeed, östliches Aleppo.  
© UNICEF/UN029870/Ismail

Seuchen-Gefahr durch verschmutztes Wasser

Die Kämpfe haben schlimme Folgen für Kinder und Familien in der ganzen Stadt. Ähnliche Ernährungsprobleme sehen wir auch im Westen der Stadt, vor allem unter den rund 35.000 Menschen, die kürzlich fliehen mussten. Einige der Familien leben in Notunterkünften, die in Schulen und Moscheen eingerichtet wurden. Andere schlafen in Parks oder auf der Straße. Um diese Menschen zu versorgen, haben wir mit unseren Partner-NGOs schnell neun mobile Kliniken eingerichtet.

Ich besuche die Kinder regelmäßig und behandele Kinder gegen Durchfall. Ein paar der Kinder hatten Hepatitis A, was mir sehr große Sorgen macht. Das Risiko von Krankheiten, die durch verschmutztes Wasser verursacht werden, hat zugenommen, seit die Wasserversorgung Anfang August unterbrochen wurde. Eine Epidemie wäre für die Kinder katastrophal. Mit einem großen Programm zur Wasser-Notversorgung versucht UNICEF das Schlimmste zu verhindern.

Aleppo: Zuhair wird in einer UNICEF unterstützten Klinik untersucht

Der siebenjährige Zuhair wird in einer von UNICEF unterstützten Klinik in Aleppo untersucht.  
© UNICEF/UN031939/Al-Issa

Die Krankenhäuser in der Stadt sind völlig überlastet. Nur ein Drittel der Gesundheitseinrichtungen sind funktionstüchtig, zwei Drittel wurden zerstört oder schwer beschädigt. Ärzte und Helfer arbeiten unter extrem gefährlichen Bedingungen, viele wurden dabei getötet und verletzt. Ich habe den größten Respekt und Bewunderung für jeden einzelnen Arzt in Aleppo. Das Leben von Kindern und Familien hängt von ihnen ab. Im August habe ich einen verletzten Arzt, einen Kollegen von einer unserer Partnerorganisationen, im Krankenhaus besucht. Metallfragmente waren in seinem Gesicht stecken geblieben, nachdem seine mobile Klinik getroffen worden war. Er sah mich an und sagte: „Egal was passiert, ich will meine Stadt nicht verlassen.“

"Ich glaube fest daran, dass wir etwas verändern können"

Jedes Kind in Aleppo hat eine Geschichte. Ich muss oft an den elfjährigen Ahmad denken. Ahmad hat Krebs und ist zusammen mit seiner Mutter im Krankenhaus. Durch die Kämpfe ist die Straße zu seinem Zuhause unpassierbar. Ahmad besteht nur aus Haut und Knochen. Als wir ihn besucht haben, war er sehr neugierig auf die Fotokamera, aber er war zu schwach, um sie in seinen zitternden Händen festzuhalten. Als sie ihm aus der Hand rutsche, war der Ausdruck auf seinem Gesicht einfach herzzerreißend. Ich habe ihm stattdessen mein Handy gegeben und ihn damit getröstet, dass es viel bessere Technik hat. Ich liebe das Foto, das er damit von mir gemacht hat und sein stolzes Lächeln, als er mir das Handy zurückgab.

Syrien, Aleppo: Dr. Esraa fotografiert von Ahmad

Dr. Esraa aus Kindersicht: Das Foto hat Ahmad im Krankenhaus von ihr mit ihrem Handy gemacht.
© UNICEF/DT2016-49104/Ahmad

In Aleppo zu arbeiten ist ein Akt der Liebe und des Glaubens. Du bleibst nicht in einer der gefährlichsten Städte der Welt, wenn du nicht den Ort, die Menschen und die Kinder liebst. Du bleibst nicht hier, wenn du nicht ernsthaft an die Menschlichkeit glaubst und dich verpflichtet fühlst, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Vielleicht bin ich eine Träumerin, aber ich glaube fest daran, dass wir etwas verändern können."

Dr. Esraa Al-Khalaf ist Ernährungsexpertin bei UNICEF Syrien und arbeitet in Aleppo. Sie hat einen Doktor in pädiatrischer Medizin und hatte vor dem Bürgerkrieg ein eigenes Kinderkrankenhaus. Seit 2013 arbeitet sie für UNICEF.

Gerade wurde die brüchige kurze Waffenruhe in Syrien für beendet erklärt, noch bevor der bereitstehende Konvoi der Vereinten Nationen die dringend benötigte Hilfe zu den Menschen in Aleppo bringen konnte. Gestern wurde ein anderer Hilfskonvoi bombardiert, mehrere freiwillige Helfer der UN-Partnerorganisation Syrischer Roter Halbmond sollen getötet worden sein.

Trotz herber Rückschläge und der alltäglichen Gefahr gibt es Mitarbeiter der UNO und von Nichtregierungsorganisationen, die in der Hölle des Bürgerkriegs unermüdlich ihr Bestes geben – so wie Helferin Dr. Esraa Al-Khalaf. Menschen wie sie sind für mich echte Helden.

Bitte unterstützen Sie die Arbeit von UNICEF in Syrien – vielen Dank!

KOMMENTARE

  • anonym
    23. September 2016 23:26 Uhr

    Syrien ist total desaströs, zerstört, kaputt. Inzwischen wundert es mich, dass die Kriegsparteien immer noch Interesse an einer Fortsetzung des Krieges haben. Diese Leute sind krank im Jirn und haben nichts gutes vor. Aus einem Paradies wurde eine Hölle, Syrien ist nicht mehr das, was es einmal war. Waffenlieferungen und eine Unterstützung von Assad gehören daher eingestellt. Der IS, der den Krieg kurzzeitig verschlimmerte, ist zum Glück in der Defensive, Baghdadis Verwchlimmerungstaktik wirkt nicht. Doch Assad muss weg, auch, was kriegerische Aktivitäten angeht, man muss ihm die Unterstütng nehmen. Ansonsten sollten die Kurden und die Rebellen unterstützt werden und bei Friedensgesprächen eingeladen werden. Die Kurden sollen die Nachfolge von Assad übernehmen und mit den Rebellen einen Vertrag abschließen. Der Krieg gegen den IS muss solange weitergeführt werden, bis der IS ausgemerzt wurde, aber alle anderen Krigeshandlungen gehören eingestellt!!!

  • anonym
    23. September 2016 13:16 Uhr

    Was haben wir für Politiker, die anstatt zu handeln, sich in endlosen Gesprächen immer nur die Schuld gegenseitig zuschieben anstatt sich nachhaltig für Frieden und ein menschenwürdiges Leben auf unerer Erde einzusetzen. Auch Deutschland überlässt die Drecksarbeit anderen um seinen Nimbus zu wahren. Kritik "unter Freunden" wäre schon mal ei guter Ansatz. Stattdessen werden Medien manipuliert, damit wir die Guten sind, die wir in der Realität NICHT sind.

  • anonym
    22. September 2016 14:54 Uhr

    Respekt und Bewunderung, Frau Dr. Esraa, - man fühlt sich so hilflos!

  • anonym
    22. September 2016 14:51 Uhr

    Ich bin wie immer auf's äußerste entsetzt über die Tatsache, dass es auch im 21. Jahrhundert noch Menschen gibt, die Waffen einsetzen, um politische Ziele zu erreichen. Dazu zähle ich alle, die mittelbar oder unmittelbar in diesem Krieg schießen oder schießen lassen.
    Ich bin entsetzt, dass es auch heute noch immer Menschen gibt, die aus dem kriegerischen Elend des vergangenen Jahrhunderts noch immer keine Lehren gezogen haben. Ich bin entsetzt darüber, dass diese Menschen noch immer nicht namentlich benannt und öffentlich geächtet werden. Natürlich gibt es extrem viele von diesen Typen, denen es egal ist, ob Kinder Angst, Schrecken, Panik, Verzweiflung erleben und für ihr ganzes Leben traumatisiert werden. Es gibt sie noch immer zu viele, denen es egal ist, ob Frauen die Hauptleittragenden aller kriegerischen Konflikte sind. Sie bangen um ihre Kinder, ihre Familien und zu guter Letzt um sich selbst und sind wie ihre Kinder für den Rest ihres Lebens traumatisiert. Es ist ihnen egal, wenn die Alten ihren Lebensabend in Angst und Schrecken und völlig verzweifelt im Elend erleben müssen.
    Wann endlich begreifen wir in unserem friedlichen Land, dass wir einfach KEINE Waffen mehr exportieren dürfen. Wann endlich hören wir auf, den Amerikanern gefallen zu wollen. Gerhard Schröder und Joschka Fischer haben 2003 zum ersten und zum letzten Mal Deutschland aus dem 2. Golfkrieg zumindest in direkter Beteiligung herausgehalten. Als nächstes muss Deutschland jede militärische Infrastruktur für wen auch immer abschalten, damit es für die Betroffenen Mächte schwerer und umständlicher wird einen solchen Konflikt zu führen.
    Die gegenseitigen Beschwörungen und Beschimpfungen im UN-Sicherheitsrat sind ein Hohn auf die Situation in ganz Nordafrika, dem Mittleren und Nahen Osten. Ich kann mich nur vor den Menschen Verneigen, die wie Dr. Esraa versuchen das Leid der Menschen vor Ort ein wenig zu lindern.

  • anonym
    22. September 2016 11:40 Uhr

    Höchster Respekt! Hoffentlich bekommt diese starke Frau bald ihre Klinik zurück, hoffentlich überlebt sie das Inferno mit ihren Kindern. Und wer alles ist verantwortlich für dieses menschgemachte Elend? Bei welchen Kriegstreibern sollten wir unsere Spendengelder am ehesten einklagen? Diese ideologisch instrumentalisierten Kriege sind nur zu stoppen, wenn die Geldströme der Kriegsparteien zum Waffenkauf unterbrochen werden. Denn Humanismus und Völkerrecht sucht man vergeblich. Leider fehlt nicht wenigen Menschen auch bei uns hier, die wir noch im Frieden leben, die Phantasie dafür, dass auch Europa in den Kriegsstrudel zwischen den Großmächten hineingezogen wird. Die gegenseitigen Anschuldigungen sprechen bereits eine entsprechend gefährliche Sprache. Es hat den Anschein, dass auch deutsche Politik nicht unbedingt zur Deeskalation und zum Abbau von Spannungen beiträgt. Alles Gute und viel Glück für Frau Dr. Esraa und alle so mutig-aufrechten Helfer.

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