© Supratim Bhattacharjee, Indien

Fotoreportagen

Die Geschichte hinter dem Foto: Wenn das Zuhause in der Flut untergeht

Das diesjährige UNICEF-Foto des Jahres zeigt die elfjährige Pallavi. Das Bild ist in der von Zyklonen verwüsteten Küstenregion der Sundarbans in Indien entstanden. Aufgenommen hat es der Fotograf Supratim Bhattacharjee, der seit seiner Kindheit mit der Region und den Menschen dort verbunden ist. Ein Interview.

Dienstag, 21.12.2021, 11:00 Uhr

von Caroline Dohmen  •  0 Kommentare

Ein Gespräch mit dem Preisträger des UNICEF-Fotos des Jahres 2021

Ende November habe ich mich mit dem diesjährigen Preisträger, dem indischen Fotografen Supratim Bhattacharjee, zu einem Video-Gespräch verabredet. Ich wollte mehr über seine Arbeit als Fotograf und sein Fotoprojekt in den Sundarbans, den größten Mangrovenwäldern der Erde, in Westbengalen, Indien, erfahren –  und herausfinden, wie das Siegerbild von Pallavi entstanden ist. 

Porträt des indischen Fotografen Supratim Bhattacharjee

Der Fotograf Supratim Bhattacharjee hat das diesjährige UNICEF-Foto des Jahres aufgenommen.

© privat

Lieber Supratim, herzlichen Glückwunsch zu deiner Auszeichnung. Wie bist du zur Fotografie gekommen?

Seit meiner Kindheit faszinieren mich die Umwelt und die unterschiedlichen Facetten der Natur. Damals hatte ich noch keine eigene Kamera. Erst später bekam ich von meinem Onkel eine Kodak geschenkt. Damit begann meine Leidenschaft für die Fotografie, die seitdem immer mehr gewachsen ist. Ich liebe es, mit der Kamera Momente einzufangen. 

Mit meiner Fotografie setze ich mich für Umwelt- und Menschenrechtsfragen auf dem indischen Subkontinent ein. Die meisten meiner langfristigen Fotoprojekte befassen sich mit den Lebensbedingungen von Kindern, die in einem gefährdenden Umfeld leben. Es ist nicht einfach, die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit für diese Themen zu gewinnen. Ich hoffe, dass die Auszeichnung „UNICEF-Foto des Jahres“ Kindern, die durch den Klimawandel gefährdet sind, helfen wird, ein besseres Leben zu führen.

Wie genau ist das Gewinnerbild entstanden? 

Seit 2009 arbeite ich an einem Langzeit-Fotoprojekt, um die enormen Veränderungen in der Landschaft der Sundarbans zu dokumentieren. Das Gebiet liegt im südlichen Teil des Gangesdeltas und gehört teils zu Indien und teils zu Bangladesch. Immer wieder habe ich die Region besucht und das Ausmaß schwerer Zyklone festgehalten. Ich habe die Angst in den Gesichtern der Menschen gesehen. Ich habe die Auswirkungen der Klimaveränderungen für die Kinder erlebt, wenn zum Beispiel die Schulgebäude überflutet werden. Das Siegerbild entstand im Küstenort Fraserganj auf Namkhana Island. Hier war ich in der Monsunzeit 2020 unterwegs, um die schweren Folgen eines Zyklons festzuhalten.

Die zwölfjährige Pallavi steht vor dem Wasser, das ihr Zuhause weggeschwemmt hat.

Das UNICEF-Foto des Jahres 2021 zeigt die elfjährige Pallavi vor der von Zyklonen verwüsteten Küstenregion der Sundarbans in Indien.

© Supratim Bhattacharjee, Indien

Wie hast du Pallavi – das Mädchen auf dem Siegerbild – kennengelernt?

Als ich an diesem Tag in Fraserganj ankam, hatte die Nacht zuvor ein Zyklon getobt. Das Ausmaß der Überschwemmung war riesig: Ohne den Schutz eines Deiches, war Fraserganj durch die Fluten komplett verwüstet worden. Die Menschen liefen durcheinander und versuchten verzweifelt, die Reste ihres Hab und Guts aus dem Meerwasser zu retten. Pallavi, das Mädchen auf dem Foto, war eine von ihnen. Ihr Zuhause, in dem sich auch ein kleiner Teeladen befand, war komplett zerstört worden. Pallavi stellte sich tapfer der verheerenden Situation und versuchte ruhig zu bleiben. Ihre starke Persönlichkeit, die sie dem zerstörerischen Anstieg des Meeres entgegensetzte, brachte mich dazu, sie zu fotografieren.

Indien: Menschen versuchen am Ufer ihr Hab und Gut aus den Fluten zu retten.
Indien: Das haus, was am Ufer stand, wurde komplett weggerissen durch die Flut.

Zwischen den Bildern liegen nur wenige Tage - infolge eines Zyklons wurden Häuser auf Namkhana Island in den Sundarbans komplett überschwemmt. Der Versuch der Menschen, ihr Zuhause zu retten, ist vergeblich. | © Supratim Bhattacharjee, Indien

Wie leben Familien in den Sundarbans?

Die Sundarbans umfassen den größten Mangrovenwald der Welt sowie sumpfige Inseln, die teilweise bewohnt sind. Hier leben die Menschen vor allem von Landwirtschaft und Fischerei. In den Wäldern der Mangroven sind sie unterwegs, um Honig zu sammeln, oder auf den engen Bächen, um zu fischen.

In meiner Kindheit besuchte ich regelmäßig meine Großeltern, die in den Sundarbans lebten, und genoss die Ruhe abseits des Stadt-Trubels in Baruipur nahe Kalkutta, wo ich aufwuchs. Mich faszinierte schon damals, wie sich die Menschen hier von regelmäßigen Tropenstürmen und Fluten nicht unterkriegen ließen.

Vermehrte Zyklone, Überschwemmungen und die Abholzung der Mangrovenwälder haben die Landschaft und das Leben in den Sundarbans im Laufe der Jahre stark verändert. Und die Auswirkungen werden von Jahr zu Jahr heftiger. Das Salzwasser zerstört bei Überschwemmungen den fruchtbaren Boden und das Zuhause vieler Familien. Es gibt nicht genügend zu essen, Familien stecken in einer finanziellen Krise und werden obdachlos. Viele der Bewohner sehen sich auf der Suche nach Arbeitsmöglichkeiten, Unterkunft und einem besseren Leben gezwungen, in die Großstädte zu ziehen.

Die Kinder leiden am meisten: Durch die akute Armut bleibt ihnen der Zugang zu Bildung verwehrt. Die meisten lernen nie Lesen oder Schreiben. Sie arbeiten dann entweder selbst in der Landwirtschaft oder Fischerei oder sie bleiben zu Hause, um der Familie bei der Hausarbeit zu helfen. Mädchen müssen früh heiraten. Für sie ist es dann besonders schwer, eine Ausbildung zu erhalten.

Vorher: Die Küstenregion der indischen Sundarbans vor den Auswirkungen eines Zyklons.
Nachher-Bild: Die Küste der indischen Sundarbans nach den Überschwemmungen.

Durch heftige Zyklone und Überschwemmungen in Folge des Klimawandels verändert sich die Landschaft und das Leben der Menschen in den Sundarbans innerhalb kürzester Zeit. | © Supratim Bhattacharjee, Indien

Welche Rolle spielt der Klimawandel?

Der Klimawandel ist ein großes Thema. In den letzten Jahrzehnten haben wir alle auf die eine oder andere Weise die Veränderungen in der Natur miterlebt. In den Sundarbans habe ich selbst gesehen, wie sich die Landschaft im Laufe der Zeit durch die globale Erwärmung und ständige Wirbelstürme gewandelt hat. Durch die Erderwärmung steigt der Meeresspiegel. Die Inseln in der Küstenregion werden immer weitreichender durch die heftigen Sturmfluten überschwemmt. Viele Inseln sind bereits untergegangen und es gibt Vorhersagen, dass ein großer Teil des Gebiets der Sundarbans in den nächsten Jahren unter Wasser sein wird. Wenn es so weitergeht, wird selbst Kalkutta eines Tages überflutet sein.

Hinzukommt die rücksichtslose Abholzung der Mangrovenwälder. Vielen Menschen auf den Inseln ist nicht bewusst, welche weitreichenden Folgen das haben kann. Durch die Abholzung wird der natürliche Lebensraum ausgelöscht. Mehrere Inseln in den Sundarbans haben ihre „grüne Aura“ bereits verloren. Dadurch wird der natürliche Schutzwall gegen die Fluten, der die Böden vor der Zerstörung geschützt hat, immer weiter abgebaut.

Mit meiner Fotografie möchte ich das Bewusstsein für den Klimawandel in den Sundarbans und seine Auswirkungen auf das Leben der Kinder in dieser Region schärfen.

Wiedersehen mit Pallavi

Supratim ist immer noch in Kontakt mit Pallavi, dem Mädchen auf dem Siegerbild, und ihrer Familie. Nachdem er von seiner Auszeichnung erfahren hatte, machte er sich direkt auf den Weg nach Namkhana Island, wo er das Foto ein Jahr zuvor aufgenommen hatte.

Selfie von Supratim Bhattacharjee mit Pallavi, dem Mädchen auf seinem UNICEF-Foto des Jahres 2021.

Wiedersehen ein Jahr später: Supratim trifft Pallavi an dem Ort wieder, an dem er 2020 das Foto des Jahres aufgenommen hat.

© Supratim Bhattacharjee, Indien

Supratim, du hast Pallavi wiedergetroffen. Wie hast du sie gefunden?

Das Foto habe ich letztes Jahr im August aufgenommen. Damals wurde Pallavis Haus durch den Zyklon vollkommen zerstört. Die Familie war gezwungen, sich etwas Neues aufzubauen. Das machte die Suche nicht ganz einfach. Die Familien dort sind sehr arm, sie haben in der Regel kein Handy oder sind einfach über das Internet erreichbar.

Als ich den Ort, an dem ich das Foto aufgenommen hatte, wieder besuchte, fragte ich die Bewohner*innen und machte einen Plan, wo Pallavi nun sein könnte. Nach einiger Zeit fand ich sie und ihre Familie tatsächlich. Aus Angst, eine erneute Überschwemmung könnte wieder alles zerstören, hatten sie sich etwa einen Kilometer weit entfernt von der Küste niedergelassen.

Pallavi heute, ein Jahr nachdem Supratim Bhattacharjee das UNICEF-Foto des Jahres 2021 von ihr aufgenommen hat.

Die inzwischen zwölfjährige Pallavi hofft auf eine bessere Zukunft für sich und ihre Familie.

© Supratim Bhattacharjee, Indien

Wie geht es Pallavi heute?

Pallavi ist heute zwölf Jahre alt. Sie hat zwei jüngere Geschwister, mit denen sie zusammen mit ihren Eltern und ihrer Großmutter in einer kleinen Hütte wohnt, die nur aus einem Raum besteht. Die Familie ist sehr arm. Ihr Vater verdient als Kraftwagenfahrer den Lebensunterhalt für die ganze Familie – weniger als 100 Dollar pro Monat. Ihre Mutter macht den Haushalt und hält die Familie zusammen. 

Pallavi ist bei einer lokalen Schule registriert. Das bedeutet leider nicht, dass sie auch wirklich regelmäßig am Unterricht teilnimmt. Durch die große Armut sind viele Familien der Region darauf angewiesen, dass ihre Kinder zuhause mithelfen. 

Ihr Leben hat sich seit dem vergangenen Jahr kaum verändert. Sie hofft, wie ihre ganze Familie, auf eine bessere Zukunft. Die Corona-Pandemie hat die Situation der Familie zusätzlich erschwert. Einige Monate konnte Pallavis Vater aufgrund der Kontaktbeschränkungen nicht arbeiten. Damit blieben auch die Gehaltszahlungen aus. 

Trotz dieser oft ausweglosen Situation beeindrucken mich Pallavis Stärke und Zuversicht – und das strahlt sie auch auf dem Siegerbild aus. 

UNICEF-Foto des Jahres

Mit dem internationalen Wettbewerb „UNICEF-Foto des Jahres“ zeichnet UNICEF Deutschland Bilder und Reportagen professioneller Fotojournalist*innen aus, die die Persönlichkeit und die Lebensumstände von Kindern auf herausragende Weise dokumentieren.

Voraussetzung für die Teilnahme ist die Nominierung durch eine*n international renommierte* Fotografie-Expert*in. 

Mehr Infos und eine Übersicht aller ausgezeichneten Fotoreportagen auf www.unicef.de/foto

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