VERGESSEN WIR DIE ROHINGYA NICHT

24. August 2018 von Laura Sandgathe 2 Kommentare

Fast eine Million Flüchtlinge. Mehr als 500.000 Kinder. Überleben im größten Flüchtlingslager der Welt. Hunger, Krankheiten, Monsun. Hoffnungslosigkeit.

Fast eine Million Menschen. Und die Welt interessiert sich kaum für sie.

Die Flüchtlinge gehören der Volksgruppe der Rohingya an, die vor Gewalt in Myanmar (auch Burma genannt) nach Bangladesch geflohen sind. Ende August 2017 machten sich Hunderttausende auf die Reise über den Fluss Naf und über die Grenze.

EIN JAHR IM FLÜCHTLINGSLAGER: ROHINGYA ERZÄHLEN

Zwei von ihnen sind Abu Ahmed und sein kleiner Sohn Mohammed. Sie leben im Flüchtlingscamp Shamlapur in Bangladesch. „Als mein Haus in Brand gesteckt wurde, nahm ich mein Kind. Mein Sohn Mohammed war 40 Tage alt. Auf der Flucht wurde meine Frau erschossen. Sie war erst 25“, sagt Abu. Jetzt ist er alleinerziehender Vater. Über seinen Sohn sagt er: „Er will immer auf mir schlafen. Ich habe meine Eltern auch verloren, als ich jung war. Deshalb liebe ich meinen Sohn sehr.“

Ein Achtjähriger und die Sorge um die Zukunft

Rohingya Flüchtlingscamp: zwei Jungs laufen durch Schlamm

Mohammed Junaid (8) kam mit deformierten Beinen auf die Welt. Auf den schlammigen Wegen des Rohingya-Camps fällt ihm das Laufen besonders schwer. Zum Glück hat er seinen Freund Omer. Der hilft ihm wo immer er kann.
© UNICEF/UN0226420/Patrick Brown

Ein anderer ist Mohammed Junaid. Die Mutter des Achtjährigen starb früh an einer Krankheit, sein Vater wurde auf der Flucht erschossen. Mohammed kam mit deformierten Beinen auf die Welt. Die oft schlammigen Wege des hügeligen Flüchtlingslagers bereiten ihm Probleme. „Ich versuche, ohne Hilfe zu laufen. Aber es ist nicht leicht.“ Sein bester Freund Omer stützt ihn. Doch Mohammed macht sich große Sorgen um die Zukunft: „Wie soll ich in einem Camp wie diesem überleben, wenn es für mich so schwierig ist zu laufen?“

Und da ist Rupchanda Begum, ein zehn Jahre altes Mädchen, das eines Tages auf offener Straße verschwand. „Ich denke, jemand hat sie mitgenommen“, sagt ihre Tante Rahiema. Rupchandas Eltern waren in Myanmar ermordet worden.

Vier Schicksale, die berühren. Sie zeugen von dem Leid und den teils unüberwindbar scheinenden Hindernissen, mit denen die geflohenen Rohingya konfrontiert sind. Während zu Beginn der Krise noch viele Medien in Deutschland und anderen Ländern über die Situation der muslimischen Minderheit berichteten, sind die Rohingya heute kaum noch Thema. Doch die Rohingya-Krise dauert an. Noch immer sitzen die Menschen in Camps in Bangladesch fest. Abu und sein Sohn Mohammed, der Junge Mohammed Junaid, die verschwundene Rupchanda und ihre Familie - Menschen wie wir mit Träumen von einem besseren Leben. Die noch immer unsere Hilfe brauchen. Die es verdienen, dass die Welt sich für sie interessiert.

HILFSORGANISATIONEN VON ANFANG AN VOR ORT

Das Flüchtlingscamp Balukhali. Die Hütten, in den Tagen nach der Ankunft hastig aus Bambus und Wellblech aufgebaut, sind in den vergangenen Monaten etwas befestigt worden. Wege wurden mit Ziegelsteinen und Sandsäcken verstärkt, mancherorts gibt es Straßenlaternen. Kleine Shops haben eröffnet, in denen die Menschen Lebensmittel, aber auch Schuhe oder einen neuen Haarschnitt erwerben können.

Ein Hauch von Normalität. Trotzdem ist jeder Tag geprägt von zahlreichen Herausforderungen. Es gibt kaum Arbeit in den Flüchtlingslagern, die meisten Rohingya sind arm und haben kein Geld, um in den kleinen Läden einkaufen zu gehen. Einige Kinder sind mangelernährt. Während des Monsun, der noch bis etwa November dauern wird, wird nun auch sauberes Trinkwasser knapp. Über verschmutzte Lebensmittel und Wasser können sich Krankheiten ausbreiten. 

UNICEF und Partner-Hilfsorganisationen wie das Welternährungsprogramm der UN, die WHO und Oxfam sind seit den frühen, chaotischen Tagen der Rohingya-Krise vor Ort. Sie haben dazu beigetragen, das Leben in den Camps besser zu organisieren. Unter anderem behandeln unsere Helfer in Gesundheitszentren Kinder gegen Mangelernährung und impfen sie gegen Krankheiten wie Polio oder Masern. Wir bohren Bohrlöcher für sauberes Trinkwasser und bauen sanitäre Anlagen. Hier erfahren Sie mehr über unseren Einsatz bei den Rohingya in Bangladesch und können für sie spenden.

Rohingya-Kinder brauchen Schutzräume

Doch nicht nur die äußeren Lebensumstände sind nach wie vor schwierig für die geflohenen Rohingya. Auch die oft traumatischen Erlebnisse der Flucht belasten sie, insbesondere die Kinder. Viele haben mitangesehen, wie Eltern, Geschwister oder andere Angehörige starben. Vor allem Mädchen sind in Gefahr, sexuell ausgebeutet zu werden. Einige von ihnen werden als Kinder verheiratet. Andere Mädchen und Jungen verschwinden auf offener Straße, wie Rupchanda Begum.

Rohingya: Mohamed verlor auf der Flucht aus Myanmar seinen Arm

Mohamed Faisal (13) hat auf der Flucht aus Myanmar seinen linken Arm verloren. Doch mehr als eine Armprothese wünscht er sich, dass er wieder zur Schule gehen kann.
© UNICEF/UN0227741/Patrick Brown

Die Kinder brauchen sichere Orte, an denen sie das Erlebte verarbeiten, spielen, einfach Kind sein können. Und an denen sie lernen können. Davon träumen viele Flüchtlingskinder, wie etwa der 13-jährige Mohamed Faisal. Er verlor auf der Flucht durch eine Kugel seinen linken Arm und beinahe sein Leben. Wichtiger als eine Armprothese ist Mohamed jedoch, dass er wieder zur Schule gehen kann: „Ich bin sehr unglücklich, dass ich hier nicht lernen kann.“

UNICEF unterstützt rund 1.200 Lernzentren in den Flüchtlingslagern, in denen derzeit rund 140.000 Kinder im Alter bis 14 Jahren unterrichtet werden. Das Angebot für Ältere wie Mohamed soll ausgebaut werden. Mit 136 Kinder- und 500 Jugendzentren schaffen wir kinderfreundliche Orte, an denen Kinder und Jugendliche Schutz und Ansprechpartner finden. Außerdem lernen sie hier, welche Rechte sie haben.

Rohingya: Zwei Mädchen lernen zusammen

Tasmin (links), Schülerin aus Bangladesch, unterrichtet ihre Freundin Rajima (rechts, beide 10), die Rohingya ist. Rajima muss ihren Eltern im Haushalt helfen und kann deshalb nicht zur Schule gehen. 
© UNICEF/UN0228997/Zhunt Chakam

Ein Projekt, das Mut macht: Kunst gibt Kindern eine Stimme

In den Kinderzentren dürfen sie sich ausdrücken, dürfen lachen und fröhlich sein. Zum Beispiel beim Malen. Im Flüchtlingslager Balukhali haben Kinder ein Wandgemälde gestaltet, das ihre Geschichte erzählt. 

„Sie beginnt mit den Häusern in Myanmar, die sie verlassen mussten, über die Reise in überfüllten Booten über den Fluss Naf bis hin zu den Schulen, in denen sie in Zukunft gern lernen wollen“, erzählt Max Frieder, Mitgründer von „Artolution“, einer Partnerorganisation von UNICEF. „Es tut uns gut, wenn Leute kommen und uns etwas beibringen“, sagt das zehnjährige Flüchtlingsmädchen Umme.

Die Rohingya brauchen uns. Wir dürfen sie nicht vergessen.

SPENDEN SIE FÜR ROHINGYA IN BANGLADESCH

UNICEF-Mitarbeiter waren vom ersten Tag an in den Flüchtlingslagern vor Ort und an der Seite der Kinder. Bereits die Rohingya-Flüchtlinge im August 2017 wurden von unseren Teams schnell und gezielt mit Wasser und Medikamenten versorgt. Kinder erhielten feste Anlaufstellen und Betreuung durch geschultes Personal. Mittlerweile ist UNICEF in den Flüchtlingscamps fest eingerichtet und versorgt die Kinder jeden Tag mit Wasser, Nahrung, medizinischer Hilfe und Bildungsangeboten. 

Bitte unterstützen Sie die Nothilfe für die Rohingya-Kinder in Bangladesch! Jede Spende hilft.

KOMMENTARE

  • 28. August 2018 11:04 Uhr

    Guten Tag Frau Hofmann,

    vielen Dank für Ihre Anregungen und Ihr Engagement. UNICEF ist auch in muslimischen Ländern aktiv und bittet dort um Spenden. So wie wir als deutsches Komitee für die Spendenarbeit in Deutschland verantwortlich sind, entscheiden auch in den muslimischen Ländern die Ländervertretungen, zu welchen Themen und Anlässen sie um Spenden bitten. UNICEF Türkei beispielsweise macht auf seiner Webseite auf die Lage der Rohingya aufmerksam: https://www.unicefturk.org/yazi/arakan

    Viele Grüße,
    Laura Sandgathe
    UNICEF-Online-Redakteurin

  • 27. August 2018 18:08 Uhr

    Die "muslimische Welt" feiert in diesen Tagen das sog. Opferfest.
    dabei werden auch die Ärmsten der Armen mit dem Fleisch der geopferten Tiere - aber natürlich auch (moderner interpretiert) mit Spendengeld und Sachspenden - mitversorgt.
    Ich frage mich nun, ob UNICEF nicht in muslimischen Ländern eigen Aktionen für die Rohinga starten könnte - es sind doch schließlich "Brüder und Schwestern im Glauben" - vielleicht warten viele Menschen auf so ein gute Gelegenheit zu helfen. Und auch die Kinder im Jemen könnten so eine globale Hilfe finden.

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