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Kinder weltweit

"Viele haben nichts zu essen außer trockenes altes Brot, getunkt in Tee"

Es ist derzeit nicht leicht, einen genauen Überblick über die Lage in Afghanistan zu bekommen. Nur wenige haben Zugang zum Land, die Sicherheitslage ist bedrohlich. Wir von UNICEF sind weiter vor Ort. Hier schildert Salam Al-Janabi, Sprecher von UNICEF Afghanistan, was er im Einsatz für Kinder erlebt.

Donnerstag, 21.10.2021, 09:37 Uhr

von Laura Sandgathe  •  0 Kommentare

Wir erreichen Salam Al-Janabi im UNICEF-Büro in Kabul. Er ist erst vor wenigen Tagen von einer Reise in die Provinz Herat zurückgekehrt, wo er mit vielen Familien sprechen konnte. Im Video teilt er seine persönlichen Eindrücke mit uns. 

Salam Al-Janabi spricht Englisch. Unter dem Video können Sie seine Kernaussagen auf Deutsch lesen.

Das sagt UNICEF-Mitarbeiter Salam Al-Janabi zur Lage der Kinder in Afghanistan

"Das Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps" 

"Am verzweifeltsten ist die Lage in Afghanistan für die Kinder außerhalb von Kabul, in den ländlichen Gegenden, den Provinzen. 

Ich habe mit unserem Team das Ernährungszentrum des regionalen Krankenhauses in Herat besucht. Das Zentrum hat eigentlich Platz für 60 Kinder, bei unserem Besuch waren 90 dort. Die meisten von ihnen wurden wegen schwerer akuter Mangelernährung behandelt, viele von ihnen litten unter zusätzlichen Krankheiten und Komplikationen. Die Gesundheitshelferinnen erzählten uns, dass jeden Tag mehr Kinder kommen.

Die afghanischen Krankenschwestern und Gesundheitshelfer arbeiten, ohne Gehalt zu bekommen. Die Gesundheitshelferinnen fühlen sich zudem nicht völlig sicher. Deshalb organisieren sie sich in längeren Schichten und arbeiten 24 Stunden oder auch zwei Tage, bevor sie nach Hause gehen. Dann bleiben sie ein paar Tage zuhause, bevor sie wieder zur Arbeit kommen."

"Die Familien haben Hunger, im wahrsten Sinne des Wortes"

"Dem Welternährungsprogramm zufolge haben 14 Millionen Menschen in Afghanistan nur eine Mahlzeit am Tag oder vielleicht zwei. Und diese Mahlzeit besteht aus trockenem alten Brot, das sie in Tee tunken. 

Ich habe die Eltern gefragt, wie sie über die Runden kommen: Es gibt keine Arbeit. Die Region Herat wurde schwer von der Dürre getroffen. Die meisten Menschen hier sind Bauern und haben derzeit kein Einkommen. Welche Möglichkeiten haben sie? Sie können ihre Kinder losschicken, um Plastik zu sammeln. Das können sie verkaufen, um Geld für Brot zu haben. Der Druck für die Familien ist riesig. Und das betrifft nicht nur die Familien, die schon vorher von Armut betroffen waren. Auch Familien, denen es zuvor besser ging, haben Schwierigkeiten, Essen auf den Tisch zu bringen.

Afghanistan: Ein mangelernährtes Mädchen wird über eine Sonde ernährt

Amina ist 18 Monate alt. Sie wird in einer von UNICEF unterstützten Klinik in Herat gegen Mangelernährung behandelt. Ihre Mutter Jahan Bibi sagt: "Wir verkaufen alles was wir haben, um Geld für Lebensmittel zu verdienen. Wir haben kaum etwas zu essen und ich bin zu schwach, um Amina zu stillen."

© UNICEF/UN0530483/Bidel

Im regionalen Krankenhaus von Herat traf ich auch einige Mütter. Eine hatte eine Tochter, Amina, die sich zum Glück dank der Behandlung von ihrer lebensbedrohlichen Mangelernährung erholte. Ihre Mutter erzählte mir, dass die Familie kaum etwas zu essen habe. Sie selbst aß so wenig, dass sie zu schwach war, um Amina zu stillen."

"Die UNICEF-Hilfe läuft"

"In Herat gibt es ein großes Gebiet außerhalb des Stadtzentrums, in dem Familien leben, die durch Dürre und Konflikt innerhalb des Landes vertrieben wurden. Sie leben dort seit etwa drei Jahren, es ist fast wie eine eigene kleine Stadt. Wir haben dort erlebt, dass die UNICEF-Hilfe läuft. Es war wunderbar zu sehen, dass die Schulzelte geöffnet waren, ebenso wie die Kinderzentren. Diese kleinen weißen Zelte zwischen all den Lehmbauten zu sehen, war unglaublich inspirierend."

UNICEF-Zelte in Afghanistan

Diese Zelte stehen in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Wir von UNICEF bieten hier psychosoziale Unterstützung für Kinder an, damit sie die Erlebnisse der letzten Wochen verarbeiten können.

© UNICEF/UN0502895/

"Mobile Gesundheitsteams impfen nach wie vor Kinder"

"Etwa 2.000 Gesundheitsstationen mussten schließen. Um diesen Verlust aufzufangen, erhöhen wir die Zahl unserer mobilen Kliniken. Mit diesen mobilen Teams erreichen wir Familien auch in den entlegensten Gebieten. Derzeit haben wir etwa 60 mobile Teams, wir erhöhen die Zahl auf 100. 

Afghanistan: Kinder werden in einer mobilen Klinik untersucht
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Viele Eltern sind mit ihren Kindern gekommen: Der Arzt der mobilen Klinik untersucht eines nach dem anderen.

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Afghanistan: Ein Arzt einer mobilen Klinik impft ein Kind
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Dieses Baby bekommt eine Impfung. Nicht zuletzt für die Routine-Impfungen für Babys und Kleinkinder spielen die mobilen Kliniken derzeit eine wichtige Rolle in Afghanistan.

© UNICEF/Afghanistan/Israr

Ich habe einige der Teams getroffen, sie sind unglaublich. Sie impfen nach wie vor Kinder gegen Polio oder untersuchen sie auf Mangelernährung. Es arbeiten weibliche und männliche Ärzt*innen in den Teams. Es ist sehr ermutigend. Die mobilen Teams sind ein Beispiel für das, was wir ganz aktiv tun können, damit Kinder überleben."

"Vielerorts gehen ältere Mädchen nicht zur Schule. Doch das Bild ist nicht überall gleich"

"Die Bildungssituation macht uns große Sorgen. Vier Millionen Kinder gehen nicht zur Schule. Mittlerweile haben zwar in allen Provinzen die Grundschülerinnen und Grundschüler wieder Unterricht, und es ist großartig sie auf dem Schulweg zu sehen mit ihren UNICEF-Rucksäcken. Das macht mich sehr froh. 

Afghanistan: Mädchen gehen mit UNICEF-Rucksäcken zur Schule
© UNICEF/UN0518456/Bidel

Doch vielerorts gehen ältere Mädchen nicht zur Schule. Das Bild ist jedoch nicht überall gleich. Wir wissen zum Beispiel von fünf Provinzen, in denen auch ältere Mädchen jetzt zur Schule gehen. Das macht uns Mut. In der östlichen Region des Landes gab es die Ankündigung, dass Gesundheitshelferinnen und Lehrerinnen zurück zur Arbeit kommen sollen. Wenn so etwas passiert, wenn sich eine Tür öffnet, dann nutzen unsere Kolleg*innen vor Ort das sofort. Es ist ein sehr komplexes Bild."

"Wir werden mehr und mehr Not sehen"

"Wir haben wir jetzt Zugang zu Gebieten, zu denen wir zuvor keinen hatten. Wir werden mehr und mehr Not sehen und wir müssen die Nothilfe dringend ausweiten. Wir von UNICEF holen mehr Mitarbeitende ins Land, alle UNICEF-Büros sind geöffnet. Ich bitte Sie, uns bei unserem Einsatz zu unterstützen, damit wir für jedes Kind da sein können."

"Wir sind hier, um Hoffnung zu bringen"

"Wenn ich durch die Straßen gehe und Kinder lernen höre, Kinder lachen höre oder ein Kind weinen, weil es gerade geimpft wird, dann bedeutet das Hoffnung. Die Situation kann für Eltern in Afghanistan gerade sehr dunkel sein. Doch solange wir von UNICEF Hoffnung bringen können – Hoffnung für Kinder, für Mütter – denke ich wir sollten und wir müssen und wir sind hier, um genau das zu tun."

UNICEF bleibt vor Ort – mit Ihrer Unterstützung

Unsere Mission ist klar: Wir bleiben in Afghanistan und halten die Nothilfe für Kinder und ihre Familien aufrecht. Denn die Mädchen und Jungen brauchen sie dringend.

Dafür brauchen wir Ihre Unterstützung. Helfen Sie den Kindern in Afghanistan mit Ihrer Spende, zum Beispiel für eines der Hilfsgüter, die aktuell besonders benötigt werden. Jeder Beitrag hilft. Vielen Dank!

Spenden für Afghanistan

Unser Versprechen: Ihre Spende kommt bei den Kindern an

Als Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen sind wir unabhängig und politisch neutral. Wir ergreifen in jedem Land der Welt ausschließlich Partei für Kinder – so auch in der aktuellen Afghanistankrise. Wenn Sie für unsere Nothilfe-Arbeit in Afghanistan spenden, dann fließt das Geld direkt in unsere Hilfsprojekte vor Ort oder an unsere Partner, mit denen wir uns gemeinsam für die Kinderrechte in Afghanistan einsetzen. UNICEF ist seit über 70 Jahren ununterbrochen in Afghanistan für Kinder aktiv.

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