UNICEF-Vorstandsvorsitzender Dr. Jürgen Heraeus

DIE MENSCHEN AUF DEN PHILIPPINEN BRAUCHEN JETZT UNSERE SOLIDARITÄT

12.11.2013 - Gespräch mit Dr. Jürgen Heraeus, Vorsitzender von UNICEF Deutschland

Weltweites Entsetzen nach der Taifun-Katastrophe auf den Philippinen: Wie stellt sich die Lage der Kinder aktuell da?

Jürgen Heraeus: UNICEF-Mitarbeiter berichten aus der besonders stark verwüsteten Provinz Leyte tragische Situationen. Sie fanden umherirrende Kinder, die ihre Eltern verloren haben. Es gibt kein Wasser, keine Nahrung. Hunderttausende sind obdachlos. Da dies sehr arme Gebiete sind, waren die Kinder schon vor der Katastrophe schlecht ernährt und bei schlechter Gesundheit. Krankheiten wie Durchfall oder Lungenentzündung sind jetzt große Gefahren. Man rechnet mit weiteren Regenfällen. Die Hilfe von UN und Regierung ist angelaufen, aber es wird dauern, bis sie breit greift.

Haben wieder einmal alle Frühwarnsysteme versagt?

Jürgen Heraeus: Die Philippinen haben eigentlich einen ganz guten Katastrophenschutz, die Menschen wissen auch, was sie in einem solchen Fall tun müssen, denn jedes Jahr ziehen 20 Taifune über die Inseln. UNICEF unterstützt dort seit Jahren die Gemeinden, Schutzmaßnahmen aufzubauen, um Risiken für die ärmsten Menschen zu verringern. So wurden schon vor dem Eintreffen des Taifuns viele Menschen evakuiert. Die Wucht und die Ausdehnung waren aber zu groß. Die schlimmsten Befürchtungen wurden übertroffen.

Wo muss die Hilfe jetzt ansetzen? Wie hilft UNICEF?

Jürgen Heraeus: Jetzt muss eine Versorgungskette und die Logistik aufgebaut werden. Dazu muss man aber auch wissen, an welchen Orten man zuerst ansetzen muss, die Not möglichst rasch zu lindern. Es werden Hilfsgüter aus lokalen Warenlagern bereitgestellt. Ein Hilfsflug aus dem zentralen Warenlager in Kopenhagen bringt heute Materialien zur Wasseraufbereitung im Wert von rund einer Million Euro. Generatoren werden beschafft, denn die Stromversorgung funktioniert nicht. Da, wo die Obdachlosen in größeren Lagern sind, ist Hilfe leichter zu organisieren. Die verstreuten kleineren Ortschaften sind meist noch abgeschnitten.

Kommen Spendengelder aus Deutschland wirklich an? Wie groß ist die Spendenbereitschaft der Deutschen bislang?

Jürgen Heraeus: Die Tragödie löst bei jedem mitfühlenden Menschen Betroffenheit aus. Seit Freitag haben wir viele Spenden über unsere Homepage erhalten. Dort findet man auch weitere Informationen. Viele Medien wie zum Beispiel die TV-Sender informieren und weisen darauf hin, dass jetzt Hilfe gebraucht wird. Ich denke, dass sich jetzt viele Menschen daran erinnern, wie wichtige es war, nach der Flut im Sommer bei uns Solidarität zu zeigen. UNICEF arbeitet seit vielen Jahren auf den Philippinen und hat dort ein gut organisiertes Netzwerk über das die Spenden wirksam eingesetzt werden. Der Taifun übertrifft alles, was wir hier bei uns unter einem normalen Sturm verstehen. Das Ausmaß der Katastrophe wird erst nach und nach sichtbar werden.