SYRIEN: NACH DEN STERNEN GREIFEN
Montag, 11. März 2019, 09:33 Uhr
von Andrea Floß | 0 Kommentare

Bodoor, 17, aus Syrien lebt seit fünf Jahren mit ihrer Familie im jordanischen Flüchtlingslager Azraq. Ihr Name bedeutet „Vollmond“ – kein Wunder, dass sie nach den Sternen greift und Astronautin werden will. Hier erzählt sie ihre Geschichte.

  

Bodoor vor einem Astronauten-Graffiti 
© UNICEF/UN0263747/Herwig 

  

„Mein Leben in Syrien war ganz normal. Ich bin jeden Tag zur Schule gegangen. Es war schön ruhig, es gab keine Angst. Als ich zwölf Jahre alt war, kam der Krieg. Ich habe mein Zuhause geliebt, aber wir mussten unsere Heimat verlassen.

Sieben Monate sind wir noch in Syrien geblieben. Dann haben meine Eltern entschieden, nach Jordanien zu gehen. Mein Vater sagte, er will eine Zukunft für seine Kinder. In Syrien wäre das nicht möglich. Hier hätten wir keine Perspektive oder Hoffnung auf Bildung. Es gab keine Schulen, und mein Vater wollte unbedingt, dass wir weiter lernen. Es war in Syrien nicht mehr sicher. Ich war sehr traurig, als ich gehen musste.

Wir fuhren mit dem Auto nach Jordanien – zehn Stunden waren wir unterwegs. Am 14. Juni 2014 kamen wir an. Das Leben im Flüchtlingscamp in Azraq war so schwierig. Wir hatten anfangs keinen Boden in unserem Haus, nur Steine und Sand. Es gab keinen Strom, kein Wasser. Wir mussten Wasser von weit her holen. Anderthalb Jahre hat es gedauert, bis die Häuser im Camp fertig waren. Jetzt ist es schon besser.

Bodor vor den Zäunen des  jordanischen Flüchtlingslager Azraq.

Ich habe mich mit meinem neuen Leben arrangiert. Meinen Platz hier gefunden. Es ist nicht leicht, aber ich muss stark sein und an meine Zukunft denken.

Ich glaube an das Schicksal, ich kann es nicht ändern. Wenn ich an zu Hause denke, fühle ich mich so traurig und muss weinen. Jedes Mal sage ich mir, ich darf nicht, aber dann weine ich trotzdem wieder. Ich kann nicht anders. 

Ich freue mich, hier zur Schule gehen zu können. Viele Kinder haben diese Chance nicht. Meine Lieblingsfächer sind die Naturwissenschaften – speziell Astronomie. Ich liebe den Weltraum. 

  

Bodoor im Science Lab in ihrer Schule. 
Bodoor im Science Lab in ihrer Schule.

© UNICEF/UN0263728/Herwig

    

Als ich nach Azraq gekommen bin, saß ich oft draußen vor dem Wohnwagen. Es gibt keinen Strom, keine Lichter, deshalb ist es hier sehr dunkel. Ich schaute in den Himmel und zum ersten Mal konnte ich die Sterne richtig sehen – so viele Sterne! Es war einfach großartig, und ich wollte mehr darüber wissen. 

Als ich noch in der Stadt lebte, ist mir das nie so aufgefallen. Ich war neugierig und habe gegoogelt, was Galaxien oder die Milchstraße sind und wie man Astronautin werden kann. Ich habe alles darüber gelesen: Bücher über den Mond, die Planeten und die Sterne, Galaxien und Sonnen, Astronomie generell. Einige Bücher handeln von Asteroiden. Das ist alles im Weltraum. Jetzt habe ich alle Bücher aus der Bibliothek durch und warte auf mehr.

   

Bodor liest im von UNICEF unterstützten Lernzentrum. 
Bodoor liest in der Bücherei des von UNICEF unterstützten Lernzentrums im Azraq Camp.

© UNICEF/UN0263760/Herwig

Kein Mensch zweiter Klasse

Wenn ich die Sterne und den Himmel sehe, fühle ich mich glücklich. Die Sterne leuchten so hell, das gibt mir Trost und Klarheit. Immer wenn ich traurig bin, gehe ich nach draußen und schaue nach oben. Dann geht es mir richtig gut. Es fühlt sich an, als wäre ich den Sternen ganz nah, weit weg von Sorgen und Traurigkeit.

Warum halten uns die Leute für Menschen zweiter Klasse? Ich habe es mir nicht ausgesucht, Flüchtling zu sein. Ich wollte meine Heimat nicht verlassen und woanders leben. Es war nicht meine Entscheidung. Es ist doch egal, wo wir herkommen, ob aus Jordanien, Syrien oder Libanon. In erster Linie sind wir alle Menschen, keine Außenseiter. 

Bodoor hält Plakat mit Botschaft über Gleichberechtigung der Geschlechter

Wir sind alle gleich. Trotzdem werden hier bei uns Jungen und Mädchen nicht gleichbehandelt. Das ist nicht fair.

Ich habe den gleichen Verstand wie ein Junge, kann denken wie er, etwas schaffen und alles sein, was ich will. Ich finde es zum Beispiel seltsam, dass nur die Jungen bei uns im Camp Fahrrad fahren dürfen. Wir Mädchen nicht, wir müssen laufen. Mädchen haben auch mehr Aufgaben, Wasser holen zum Beispiel. Sie müssen kochen und sauber machen. Warum müssen die Jungen das nicht und dürfen Fahrrad fahren?

Für Mädchen in meinem Alter ist es schwierig, wenn sie verheiratet werden, ohne die Schule abzuschließen. Uns wird gesagt, dass Bildung uns nichts nützt und dass wir ins Haus unseres Ehemannes gehören. Aber ich sage: Das ist falsch. Durch Bildung können wir alles erreichen.

Close-Up-Aufnahme von Bodoor, die seit 2014 mit ihrer Familie im Flüchtlingslager lebt.

Ich möchte meine Träume wahr machen. Ich will Astronautin werden. Ich möchte neue Planeten kennenlernen und Galaxien.

Ich bin etwas Besonderes, denn kein anderer hat diesen Wunsch. Aber ich mag es, einzigartig zu sein. Jeder träumt doch von etwas anderem. Wenn mein Traum in Erfüllung gehen würde, wäre ich die erste syrische Frau auf dem Mond. Ich möchte unsere Erde vom Mond aus sehen und den Sternen näher sein. 

Ich müsste dann bei der NASA in Amerika arbeiten oder in England Astronomie studieren. So unmöglich ist das nicht und ich werde alles dafür tun. 

Ich werde weiter lernen und ich brauche jede Unterstützung. Sonst bleibe ich nur eine Träumerin und ewig hier in diesem Camp."

**Anmerkung der Redaktion: Dieser Blogbeitrag ist eine Adaption des Artikels von UNICEF Australien, der hier im Original erschien.

PERSPEKTIVEN SCHAFFEN FÜR KINDER WIE BODOOR

Syrien Krieg: Syrisch Kinder vor Wand mit "Frieden"-Graffitis

© UNICEF/DT2017-58603/Ninja Charbonneau

Nach acht Jahren Krieg kennen die jüngeren Kinder aus Syrien keinen Frieden mehr oder haben ihre Heimat noch nie gesehen. Gewalt, Verlust und Vertreibung haben mittlerweile die Hälfte der Kindheit von Jugendlichen geprägt. Gerade in dieser Situation ist es besonders wichtig, dass Mädchen und Jungen zur Schule gehen, eine Ausbildung machen oder einen Beruf erlernen können. Und sie brauchen psychosoziale Unterstützung, um mit ihren Erlebnissen zurechtzukommen.

Eine friedliche Zukunft des Landes wird nur möglich sein, wenn diejenigen gestärkt und geschützt werden, die heute Kinder sind. 

Sie können dabei mit einer Spende ganz konkret helfen!

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