Dominique Hyde, Leiterin UNICEF Jordanien

KINDERN HELFEN – WAS KÖNNTE SCHÖNER SEIN?

Von Dominique Hyde, UNICEF-Leiterin in Jordanien

Kriege, Krisen und Katastrophen bestimmen mein Leben. Denn ich bin Entwicklungshelferin, seit über 20 Jahren schon. Meistens arbeite ich in Nothilfeeinsätzen, dort, wo Familien auf der Flucht sind und uns brauchen, um zu überleben. Seit ein paar Jahren leite ich nun das UNICEF-Büro in Jordanien, und gleich vorneweg: ich bin sehr stolz darauf, für UNICEF zu arbeiten.

Die furchtbare Krise in Syrien – und ihr Einfluss auf unsere Arbeit in Jordanien – war ein schleichender Prozess. Wir haben seit Beginn der Auseinandersetzungen die Situation genau verfolgt. So konnten wir uns vorbereiten und Hilfsgüter an verschiedenen Orten des Landes bereitstellen – Medikamente, Zusatznahrung, Wasserkanister, Decken und Planen. Denn dass Jordanien irgendwann Flüchtlinge aufnehmen würde, war uns klar. Die Situation in Syrien eskalierte immer weiter – es war nur eine Frage der Zeit. Wir waren bereit.

Eines Tages kam schließlich von der jordanischen Regierung der Auftrag, in der jordanischen Wüste ganz in der Nähe zur syrischen Grenze ein Flüchtlingslager aufzubauen. Von der Entscheidung bis zum Eintreffen der ersten Flüchtlinge blieb uns gerade einmal eine Woche Zeit. Das Lager Za’atari sollte wirklich mitten in der Wüste entstehen. Dort gibt es nichts, nur Hitze und Staub und ein Wind, der einem Tränen in die Augen treibt. Und an diesem trostlosen Ort sollten zukünftig zehntausende Flüchtlinge versorgt werden – das nenne ich eine Herausforderung. Unterkünfte, Kliniken, Wasserversorgung, Kinderzentren – alles! Und wir haben es geschafft! Wir haben sprichwörtlich die Ärmel hochgekrempelt und gemeinsam mit unseren Partnern Tag und Nacht gehämmert, gebohrt, gebaut. Auch das gehört zu unserem Job.

Ich habe in meinem Leben schon viele Einsätze gehabt, doch die Situation in Syrien berührt mich mehr als alle zuvor. Ich glaube, das liegt an einer Begegnung mit einer Flüchtlingsfamilie im April letzten Jahres. Die Familie war aus Homs in Syrien geflohen und in einem jordanischen Übergangszentrum aufgenommen worden. Eine Bombe war auf ihr Haus gefallen. Drei der Kinder wurden durch Splitter und Flammen total entstellt. Man konnte nur ahnen, wie sie einmal ausgesehen haben.

Diese Kinder waren einfach zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort. Sie können nichts für diesen Krieg. Und doch wurde ihr Leben durch diesen Krieg zerstört. Die Mutter erzählt mir, dass sie in der Umgebung der Kinder keine Spiegel zulässt. Ihre kleine Tochter fragt sie jeden Tag: „Mama, bin ich schön?“ Und die Mutter sagte mir: „Für mich sind meine Kinder die schönsten der Welt.“ Diese Begegnung hat mich sehr mitgenommen und beschäftigt mich bis heute.

Ich werde oft gefragt, warum ich diese Arbeit mache. Ich habe selbst zwei Töchter, zehn und drei Jahre alt. Mein Mann ist auch Entwicklungshelfer, bei einer anderen UN-Organisation. Morgens gehe ich oft schon um sechs Uhr aus dem Haus. Mein Mann ist auch viel unterwegs, von daher ist es nicht einfach, unser Familienleben zu organisieren. Aber ich weiß auch, dass ich Kindern in Not nicht gut helfen kann, wenn ich nicht genug Ausgleich durch meine Familie bekomme, wenn es mir selbst nicht gut geht. Meine Stunden mit meinen Kindern, mit meiner Familie und mit meinen Freunden geben mir unwahrscheinlich viel Kraft.

Meine Mitarbeiter sind meine zweite Familie – ich bin für sie verantwortlich, ich muss sie auch beschützen. Viele Kollegen sind noch viel öfter in den Flüchtlingslagern unterwegs als ich. Sie sehen die grausamen Verletzungen der Kinder, sie hören die schlimmen Geschichten über Folter und Tod, Angst und Terror. Es ist nicht einfach, auch für erfahrene Helfer, damit umzugehen. Deshalb habe ich dafür gesorgt, dass meine Mitarbeiter vertrauliche psychologische Unterstützung bekommen.

Warum tu ich mir das an? Die Antwort ist einfach: Weil mein Beruf für mich nicht nur ein Job ist, er ist eine Berufung. Meine Arbeit erfüllt mich, ich kann mir nicht vorstellen, jemals irgendetwas anderes zu tun. Kindern zu helfen - was könnte schöner sein?

Frühjahr 2013 - Die Kanadierin Dominique Hyde leitete von 2010 bis 2013 das UNICEF-Büro in Jordanien. Vorher hat die 41-Jährige für verschiedene Entwicklungsorganisationen gearbeitet, unter anderem für das Welternährungsprogramm. Sie ist verheiratet und hat zwei Töchter.

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