Syrien: Kinder in Zabadani auf ihrem Weg zur Schule.
© UNICEF/UN0430194/ShahanSyrien: Kinder in Zabadani auf ihrem Weg zur Schule.
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12 Fakten zur Kindheit in Syrien: Aufwachsen zwischen Bürgerkrieg, Armut und Hunger

Im Bürgerkriegsland Syrien sind Kinder und ihre Familien ständig in Gefahr – es gibt nur wenige Orte auf dieser Welt, wo Kinder so häufig und andauernd um ihr Leben fürchten müssen. Wie leben und überleben die Kinder in Syrien? Wie bewältigen sie den Alltag inmitten andauernder Gewalt und Zerstörung? Wie fühlt es sich an, wenn die ganze Kindheit durch Krieg bestimmt wird? Und: Wie bewahren sie die Hoffnung auf eine bessere Zukunft?


von Johanna Wynn Mitscherlich

12 Fakten, die Sie über das Leben der Kinder in Syrien wissen sollten

Aber zunächst: Was ist Syrien eigentlich für ein Land?

Syrien liegt im Nahen Osten und ist etwa halb so groß wie Deutschland. Das Land grenzt an Israel, den Libanon, Türkei, Irak und Jordanien und hat Zugang zum Mittelmeer. Besonders bekannt ist die Hauptstadt Damaskus, deren Geschichte bis in die Steinzeit zurückreicht.

Viele Jahrzehnte war Syrien ein beliebtes Touristenziel. Nicht nur die lange und reiche Geschichte des Landes, sondern auch die ganz unterschiedlichen Landschaften begeisterten Besucher*innen: Im Südosten des Landes liegt die Syrische Wüste, der Süden ist von Vulkanen und Lavafeldern geprägt, im Osten gibt es bis zu 2.800 Meter hohe Gebirge und im Westen das Mittelmeer.

Die Hintergründe des Bürgerkriegs in Syrien

Heute leben etwa 17 Millionen Menschen in Syrien – das sind etwa 4-5 Millionen weniger als vor Kriegsbeginn. Die politische Situation im Land war viele Jahre instabil. 2011 kam es zu friedlichen Massenprotesten, bei denen Oppositionelle Reformen, Freiheit und den Rücktritt des Präsidenten Bashar al-Assad forderten. Dabei waren die Hoffnungen im sogenannten Arabischen Frühling groß, vor allem nach den Aufständen in Tunesien und Ägypten. Doch es entwickelte sich ein komplizierter und brutaler Bürgerkrieg mit vielen unterschiedlichen Akteuren und Interessen. 

Wie ist die politische Situation in Syrien heute? 

Heute tobt in Syrien eine der größten humanitären Krisen unserer Zeit, mit Konsequenzen für die syrische Bevölkerung, die kaum noch zu fassen sind. Vor allem für Kinder bedeutet der Krieg Not, Leid und Entbehrungen – die ganze nächste Generation fürchtet um ihre Zukunft. 

Nach einem Konflikt, der bereits länger dauert als beide Weltkriege zusammen, benötigen 14,6 Millionen Menschen humanitäre Hilfe (März 2022) – das sind über 80 Prozent der Bevölkerung und mehr als jemals zuvor. „Mehr als 6,5 Millionen Kinder brauchen Hilfe, das ist ein neuer, trauriger Rekord“, sagt Adele Khodr, UNICEF-Regionaldirektorin für den Mittleren Osten und Nordafrika. „Sie leben in ständiger Angst und Unsicherheit.“

Zwei Mädchen in ärmlicher Kleidung stehen Hand in Hand vor einem beschädigten Gebäude.
© UNICEF/Syria 2020/Johnny Shahan

Trotz zahlreicher Friedensverhandlungen – zuletzt in Berlin im Januar 2022 – scheint ein Ende des Konflikts in weiter Ferne. Die Situation ist eingefroren, der Konflikt zu einem Stellvertreterkrieg mit zahlreichenden Akteuren geworden.  Was klar ist: Im Syrienkrieg gibt es vor allem Verlierer*innen, und ganz besonders hart treffen die Bomben, Hunger und Elend die nächste Generation des Landes: die Kinder.

Wie ist das Leben der Kinder in Syrien?

Wir haben zwölf Fakten gesammelt, die helfen sollen, die Situation der Jungen und Mädchen in Syrien besser zu verstehen.

1. Viele Kinder haben nichts als Krieg erlebt

Über ein Jahrzehnt Krieg – das ist eine lange Zeit im Leben eines Menschen. Für Kinder wie den zwölfjährigen Azzam (Foto unten) bestimmt der Krieg die gesamte Kindheit, ihr Leben.

Azzam war gerade einmal fünf Jahre alt, als eine Bombe auf eine der vielen Flüchtlingsunterkünfte, in denen er in seinem kurzen Leben schon gewohnt hat, fiel. Seine kleine Schwester wurde getötet, sein Vater schwerstverletzt. Azzam verlor sein Bein. Gewalt, Trauer um Familie und Freunde, und immer wieder Flucht vor dem Konflikt – wie Azzam geht es Millionen von Kindern in Syrien.

Syrien: Der 12-jährige Azzam zusammen mit seinen drei Schwestern.
© UNICEF/UN0603137

„Seit Beginn des Krieges im Jahre 2011 sind in Syrien fast fünf Millionen Kinder geboren worden. Sie kennen nichts anderes als Krieg und Konflikt. In vielen Teilen Syriens leben sie weiterhin in Angst vor Gewalt, vor Landminen und explosiven Überresten des Krieges“, sagte der Leiter von UNICEF Syrien, Bo Viktor Nylund. 

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Kinder-Porträts aus Syrien: 12 Gesichter, 12 Schicksale

Ein Leben ohne Angst und Schrecken? Das kennen die meisten Kinder in Syrien nicht. „Ich habe jahrelang geweint, sobald ich ein lautes Geräusch gehört oder auch nur einen Tropfen Blut gesehen habe. In Sicherheit habe ich mich nie gefühlt, ich hatte immer Angst“, erzählt Azzam. Sich an den Krieg gewöhnen? Davon kann auch nicht die Rede sein, wenn man in ihn hineingeboren wurde. 

Damit die Kinder mit ihrer Not nicht allein gelassen werden, sind seit Beginn des Konflikts 2011 250 UNICEF-Nothelfer*innen vor Ort und versorgen die Kinder mit lebenswichtigen Hilfsgütern wie Nahrungsmitteln, sauberem Wasser und Hygieneartikeln. Außerdem leistet UNICEF medizinische Hilfe, unterstützt Schulen und Lehrer*innen und baut kinderfreundliche Zentren auf. Hier haben Kinder wie Azzam einen Ort, um zu spielen und die Erlebnisse zu verarbeiten. Tag für Tag arbeiten unsere Helfer*innen daran, Kindern und ihren Familien dringend benötige Hilfe und so Hoffnung in ihr Leben zu bringen. 

2. Zuhause? Das kennen viele Kinder nur aus Erzählungen

Zuhause, das ist für viele der Ort, an dem das Herz sich wohlfühlt. Da, wo wir uns sicher fühlen und unsere Familie um uns herumhaben. Einen solchen Ort kennen Millionen syrische Kinder allerdings nur aus Erzählungen. „Das Leben dieser Kinder ist geprägt von Verlust, Risiko und Unsicherheit“, berichtet eine syrische UNICEF-Helferin. „Ein elfjähriges Mädchen sagte zu mir: ‚Ich weiß nicht, was das Wort Zuhause bedeutet‘“. 

Seit Kriegsbeginn sind fast 13 Millionen Menschen auf der Flucht – etwa die Hälfte von ihnen hat Syrien verlassen, die andere Hälfte lebt als Flüchtling im eigenen Land. Insgesamt 3,1 Millionen Kinder sind in Syrien auf der Flucht, weitere 2,7 Millionen Kinder leben in Nachbarländern wie der Türkei, Jordanien oder im Libanon.

Die Lebensbedingungen auf der Flucht sind hart: Einige Menschen leben in Zeltstädten, in denen sie auf engstem Raum zusammenleben und wo es an ausreichendem Wasser und Essen fehlt. Der Großteil der Flüchtlinge lebt jedoch in Gastgemeinden, die nach Jahren des Krieges selbst nicht mehr viel haben, das sie teilen können. Mit bis zu 20 Familienmitgliedern teilen sie sich kleine Zimmer oder kommen in Rohbauten ohne Wasseranschlüsse oder Strom unter. Häufig haben sie nicht mehr als ein paar dünne Matratzen, auf denen sie nachts eng nebeneinander auf dem Boden schlafen. 

Syrien-Krieg: Moath (5) ist mit seiner Familie nach Jordanien geflüchtet

Der fünfjährige Moath lebt zusammen mit seiner Mutter Fadwa und sieben Geschwistern in einer kleinen Wohnung in der Nähe der jordanischen Hauptstadt Amman. Insgesamt 20 Tage musste er im Krankenhaus behandelt werden, weil der Schimmel an den Wänden ihrer Bleibe seine kleinen Lungen krank gemacht hat.

© UNICEF/UNI304416/Matas

Um Syrer*innen auf der Flucht zu helfen, arbeitet UNICEF in Syrien selbst und auch in den Nachbarstaaten Irak, Jordanien, Libanon und der Türkei. Wir versorgen zusammen mit unseren Partnerorganisationen die Geflüchteten in den Camps und Nothilfezentren mit Trinkwasser und sanitären Anlagen, ermöglichen Kindern, wieder in die Schule zu gehen und helfen ihnen bei der Bewältigung ihrer Erlebnisse. 

3. Arm sein ist die Regel, nicht die Ausnahme

Der zweijährige Ammar (Foto unten) ist eins von Millionen Kindern, die in Syrien und den Nachbarländern in Armut aufwachsen. 90 Prozent der Kinder leben mittlerweile in Armut – dabei war vor dem Konflikt extreme Armut in Syrien so gut wie nicht vorhanden. In den Nachbarländern Syriens gelten über 70 Prozent der syrischen Flüchtlinge als arm. Im Libanon sind es sogar neun von zehn Syrer*innen. 

Der zweijährige Ammar litt unter akuter Mangelernährung.
© UNICEF/UN0315802

Extreme Armut: Das bedeutet, dass die Familien weniger als zwei Euro am Tag zur Verfügung haben. Ohne humanitäre Hilfe können die Menschen nicht überleben. 

Die Kinder brauchen immer mehr Hilfe, denn ihre Familien können selbst Brot oder Milch nicht mehr bezahlen.  Die Preise für Nahrungsmittel, Medikamente und Kleidung sind explodiert, auch als Ergebnis des Ukraine-Kriegs. Im März 2022 war die Inflation in Syrien so hoch wie das letzte Mal vor 30 Jahren. Der Großteil der Familien hat zwar mindestens ein arbeitendes Familienmitglied – dennoch müssen die Haushalte im Schnitt 50 Prozent mehr für Essen ausgeben, als sie im Monat verdienen können. Die Schuldenberge sind hoch und belasten die Familien stark.

4. Mehr als eine Mahlzeit am Tag gibt es nicht – eine halbe Millionen Kinder hungert

Drei Mahlzeiten am Tag – und eine davon warm? Davon träumen Hunderttausende Kinder und ihre Eltern in Syrien, die nicht genug zu essen haben. Die kleine Zahra (Bild unten) war schon bei der Geburt stark untergewichtig, denn ihrer Mutter fehlten während der Schwangerschaft wichtige Nährstoffe.

Syrien-Krieg: Ein Mädchen ist mangelernährt und bekommt Erdnusspaste
© UNICEF/UNI310540/Romenzi

In den letzten Jahren musste ihre Mutter Alaa immer wieder mit Zahra fliehen. „Ich konnte meiner Tochter nie genug zu essen geben. Sie wurde immer schwächer und kränker“, berichtet Alaa. Dank einer von UNICEF unterstützten mobilen Klinik erhält Zahra nun therapeutische Nahrung. So langsam kommt das kleine Mädchen wieder zu Kräften. 

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Hungersnot, Ernährungskrise, Mangelernährung – Was ist das?

Mehr als eine halbe Millionen Kinder geht abends hungrig ins Bett und die Prognosen für die nächsten Monate sind düster: Etwa 245,000 sind so mangelernährt, dass ihr Leben dadurch bedroht ist. Eine Analyse des Welternährungsprogramms schätzt, dass in ganz Syrien über zwölf Millionen Menschen nicht ausreichend zu essen haben. Das sind fast 60 Prozent der gesamten Bevölkerung und so viele Menschen wie Belgien Einwohner*innen hat. 

In den letzten drei Jahren hat sich die Zahl der hungernden Kinder in Syrien verdoppelt. Schuld daran hat auch die Dürre, die vor allem den Nordosten des Landes hart trifft und die schwerste Wasserkrise seit 70 Jahren ausgelöst hat (siehe Fakt 9). Ohne Regen bleibt die Ernte aus und vielerorts gibt es nicht mehr ausreichend Getreide, Gemüse und Früchte.

Und was es noch an den Ladentheken gibt, kann sich kaum eine Familie leisten: Über 200% sind die Preise allein in den letzten zwei Jahren gestiegen. Selbst Familien mit höherem Einkommen können damit nur etwa 60% der normalerweise benötigten monatlichen Einkäufe abdecken, wie etwa Brot, Eier oder Milchprodukte. 

„Nur etwa eins von vier Kindern bekommt ausreichend zu essen“, berichtet Adele Khodr, UNICEF-Regionaldirektorin für den Mittleren Osten und Nordafrika. „Die Auswirkungen in der Ukraine auch auf die Lebensmittelpreise verschlimmern die ohnehin schon schlechte Situation noch weiter.“

Für Eltern wie Alaa gibt es wohl nichts Schlimmeres, als ihre Kinder vor Hunger leiden zu sehen. Auch, weil die Auswirkungen des Hungers die Entwicklung vor allem von Kleinkindern stark beeinträchtigen. Ihre Motorik und ihre kognitiven Fähigkeiten können sich nicht richtig entwickeln, wenn den Kindern Nährstoffe und Kalorien fehlen.

In großen Konvois bringt UNICEF daher Hilfsgüter nach Syrien und in die Nachbarländer, gefüllt mit Nahrungsmitteln, Medikamenten und Hygieneartikeln. Wir untersuchen die geflüchteten Kinder in den Notunterkünften auf Mangelernährung und behandeln sie mit therapeutischer Spezialnahrung gegen den Hunger. Mütter erhalten Unterstützung, wie sie ihre Neugeborenen am besten versorgen können. 

Syrien: Abir (22) mit ihrem Sohn Ishak (1).

Der anderthalbjährige Ishak war so mangelernährt, dass er selbst zum Spielen zu schwach war. „Er war viel zu dünn. Es machte mich unendlich traurig, ihn so kraftlos zu sehen“, sagt seine Mutter Abir. „Ich bin so froh, dass es ihm heute endlich gut geht und ich ihm beim Spielen zusehen kann.“

© UNICEF/UN0634998/Belal

5. Viele Mädchen tragen Hochzeitskleid statt Schuluniform

Die 18-jährige Siba (Foto unten) hat ein klares Ziel: Sie will, dass im Flüchtlingscamp Zaatari in Jordanien mehr junge Mädchen Schuluniform statt Hochzeitkleid tragen. „In unserer Gesellschaft ist es sehr üblich, dass vor allem Mädchen früh heiraten. Seit dem Krieg ist das noch viel schlimmer geworden, denn viele Eltern wissen nicht, wie sie ihre Kinder sonst versorgen können“, sagt die Schülerin.

Za'atari Flüchtlingscamp: Die 18-jährige Siba auf dem Weg nach Irbid.
© UNICEF/UN0216407/Herwig

Zusammen mit anderen jungen Erwachsenen nimmt Siba an einem UNICEF-Projekt teil, in dem Start-Ups im Camp unterstützt werden. Als junge Unternehmerin lernt sie dabei alles, was sie braucht, um ihre Idee, mit Theaterstücken auf das Problem der Kinderheirat hinzuweisen, in die Tat umzusetzen. 

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Kinderehen weltweit: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Und das Problem ist groß. Im Libanon etwa sind rund 40% der syrischen Mädchen unter 19 Jahren bereits verheiratet. Bei jeder dritten Ehe von Syrern in Jordanien ist ein Ehepartner, meist das Mädchen, noch unter 18 Jahren.

Kinderheiraten gab es auch vor dem Konflikt – da waren sie, mit etwa 13 Prozent, in Syrien jedoch seltener. Immer wieder berichten Eltern, dass sie ihre Töchter aus Angst vor Gewalt und Hunger verheiratet haben. Sie hoffen, dass sie sie so beschützen und ihnen finanzielle Stabilität geben können.

Leider ist häufig das Gegenteil der Fall: Die Kindheit der Mädchen endet abrupt. Sie sind besonders häufig Gewalt von ihren Partnern ausgesetzt, werden aus ihrem sozialen Umfeld herausgerissen und müssen meistens die Schule verlassen um sich um Haushalt und Kinder zu kümmern. Auch das Gesundheitsrisiko ist groß: Teenager-Mütter leiden in der Schwangerschaft und bei der Geburt ihrer Kinder besonders häufig an Komplikationen.

Nicht selten werden die Kinderehen auch früh geschieden oder nie offiziell registriert. Geschiedene junge Frauen werden dann nicht selten in ihren Gemeinschaften stigmatisiert, mit weitreichenden Auswirkungen auf ihre psychische Gesundheit, ihr soziales und wirtschaftliches Leben.

6. Schultüte, Bleistift und Heft? Für viele Kinder ist Schule nur ein Traum. 

Heute ist Schule meist nur ein Traum, der für viele Kinder in weite Ferne gerückt ist. 2,4 Millionen Kinder – das sind mehr als München und Köln zusammen Einwohner*innen haben – gehen in Syrien nicht zur Schule. In den Nachbarländern ist die Situation nicht besser. Im Libanon etwa hat fast jedes dritte syrische, schulpflichtige Kind, noch keine Schule von innen gesehen.

Seit Kriegsbeginn wurden tausende Schulen zerstört, beschädigt, oder werden als Militäranlagen oder Flüchtlingsunterkünfte genutzt. In nur einem Drittel findet noch Unterricht statt. Vielerorts ist es auch schlichtweg zu gefährlich, Kinder in die Schule zu schicken: Über 700 Angriffe auf Bildungseinrichtungen und Personal wurden von den Vereinten Nationen seit 2011 bestätigt. Als Flüchtlinge fehlen den Familien oft auch wichtige Papiere wie etwa Geburtsurkunden. Ohne Geburtsurkunden können Kinder jedoch häufig nicht zur Schule gehen, vor allem nicht, wenn sie als Flüchtling im eigenen Land leben.

Syrien-Krieg: Asma (16) bereitet sich auf ihr Examen in Aleppo vor

Die 16-jährige Asma bereitet sich auf ihr Examen in Aleppo vor. Gewalt und Flucht haben sie zwei Jahre gekostet, in denen sie nicht in die Schule gehen konnte. Sie arbeitete auf einer Farm, um ihre Familie finanziell zu unterstützen.

© UNICEF/UN0398447/Chnkdji

Eine UNICEF-Umfrage unter syrischen Familien zeigt, dass der Mangel an Bildung für ihre Kinder die Eltern stark beschäftigt. „Es ist offensichtlich, dass die Wunden tief und die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Menschen enorm sind. Bildung für Kinder und Armut gehören zu den größten Sorgen der Menschen,“ sagte Ted Chaiban, früher UNICEF-Regionaldirektor für den Mittleren Osten und Nordafrika.

Ganz klar ist auch: Häufig drücken die Kinder die Schulbank nicht, weil sie stattdessen arbeiten müssen. Ein Drittel der Familien berichtet, dass ihre Kinder nicht zur Schule gehen, weil sie mitdazuverdienen müssen. Eine Entscheidung, die für die meisten Eltern blanker Horror und absolut letzter Ausweg ist.

Hunderte an Jungen werden auch als Kindersoldaten rekrutiert. „Die Kinder sind überall gefährdet und werden angegriffen. Dabei ist der Schutz von Kindern in Konflikten ein grundlegendes Prinzip des Völkerrechts. Diese rote Linie sollte nie überschritten werden“, so UNICEF-Regionaldirektor Geert Cappelaere. Etwa ein Viertel der Kindersoldaten in Syrien ist Schätzungen zu Folge jünger als 15 Jahre. Die Kindheit in Syrien ist kurz, die Auswirkungen, die das für Land, Leute und Wirtschaft haben wird, jedoch langanhaltend. 

Doch es gibt auch gute Nachrichten: Fast fünf Millionen Kinder in Syrien und in den Nachbarländern können trotz aller Widrigkeiten weiterhin lernen. Dies ist vor allem den Bemühungen von Lehrerinnen und Lehrern, dem Bildungspersonal, Partnern vor Ort und der großzügigen Hilfe der UNICEF-Unterstützerinnen und Unterstützer zu verdanken. UNICEF hat in Flüchtlingscamps Zeltschulen errichtet, versorgt Kinder und Lehrer*innen mit Unterrichtsmaterialen. Bei Weiterbildungen lernen Lehrer*innen, wie sie auf die bestimmten Lernbedürfnisse der Kriegskinder eingehen, und dabei auch die seelische Versorgung der Kinder immer im Blick haben können.

Grafik UNICEF Hilfe in Syrien 2021
© UNICEF / Mitscherlich

7. Ein Arztbesuch? Auch im Notfall häufig keine Option! 

Der Krieg in Syrien hinterlässt täglich Spuren: Bomben zerstören ganze Stadtteile und gefährden immer wieder Menschenleben. Im Schnitt wurde ein Kind in Syrien alle acht Stunden zwischen 2011 und 2021 getötet oder verletzt. Häufig sterben Kinder auch, weil die ärztliche Versorgung im Land zusammengebrochen ist.

Nur etwa die Hälfte der Krankenhäuser und Gesundheitsstationen in Syrien sind voll funktionstüchtig. Für viele Familien eine extreme Belastung: Denn nicht nur für verwundete Kinder und Erwachsene mangelt es an ausreichender Versorgung; sondern auch Patient*innen mit chronischen Krankheiten wie etwa Diabetes fehlt es zum Beispiel an Insulin. Etwa 45 Prozent der Todesfälle in Syrien gehen auf behandelbare Krankheiten wie Krebs, Diabetes oder Asthma zurück. Immer wieder werden Gesundheitsstationen auch ganz gezielt attackiert: Es ist nicht überraschend, dass so mehr als die Hälfte des medizinischen Personals entweder geflohen ist oder getötet wurde.

UNICEF unterstützt daher mobile Kliniken, die mit Medikamenten und medizinischem Equipment ausgestattet sind. Sie fahren direkt dorthin, wo medizinische Unterstützung am dringendsten benötigt wird. Außerdem impfen wir Millionen Kinder gegen Krankheiten wie Polio oder Masern. 

8. Kinder mit Behinderungen haben es besonders schwer

Tausende Kinder müssen ihren Alltag auch mit teils schweren Behinderungen bewältigen.  Nur selten gibt es für sie Behandlungen, Operationen oder Physiotherapie, die ihre Entwicklung fördern und ein Stück Lebensqualität zurückbringen können. Die Zahl der Menschen mit Behinderungen schnellt immer weiter in die Höhe, auch, weil vielerorts Minen nicht geräumt werden können.

Fast jeder dritte Syrer und jede dritte Syrerin, die älter als zwölf Jahre ist, lebt mit einer Behinderung. Ohne ausreichende medizinische und psychologische Behandlung erholen sich die Kinder nur schwer von ihren Verletzungen und den traumatischen Erlebnissen. 

Syrien: Maram (12) vor einer Ruinen-Kulisse.
© UNICEF/UN0603200/Deeb

Die 12-jährige Maram ist eine von ihnen. „Mama, wird mein Fuß wachsen, wenn ich mehr Gemüse esse?“ Das fragte Maram ihre Mutter Sahar, als sie mit vier Jahren bei einem Angriff ihr Bein verlor. Zu jung, um zu verstehen, welches Unrecht ihr geschehen war, musste das kleine Mädchen mit ihrer Familie immer wieder vor Kämpfen fliehen.

Zur Schule ging sie nur selten: Die Flucht, die Angst vor lauten Stimmen und Geräuschen, aber auch die fiesen Kommentare von anderen Kindern machten ihr zu schaffen. Endlich zurück in ihrer alten Nachbarschaft besuchte Maram eines der UNICEF-Kinderzentren. „Die Freiwilligen haben uns zugehört und ermutigt, wieder in die Schule zu gehen. Sie haben uns Stück für Stück darauf vorbereitet. Ich habe mich wieder selbstbewusster gefühlt. Ich wusste, ich kann das. Und ich will wieder zur Schule gehen.“ 

UNICEF unterstützt in Syrien vor allem auch Kinder mit Behinderungen und hilft Schulen, sie besser in den Unterricht zu integrieren. 

Syrien: Abdulla (14) lernt zuhause.

Bild 1 von 5 | Seit Beginn des Konflikts in Syrien sind über 13.000 Kinder getötet oder verletzt worden. Wie der 14-jährige Abdullah, leben sie häufig mit lebenslangen Behinderungen. UNICEF unterstützt Kinder mit Behinderungen und ihre Familien mit Bargeldzahlungen, damit sie etwa Gehilfen oder Rollstühle anschaffen können. 

© UNICEF/UN0603274/Chnkdji
Syrien: Der 12-jährige Jumaa zusammen mit seinen Freunden.

Bild 2 von 5 | „Wir haben nach Essen gesucht, als ich auf eine Mine getreten bin und mein Bein verloren habe“, erzählt der 12-jährige Jumaa. Nach Jahren des Krieges sind Minen ein großes Risiko für die Menschen in Syrien. Seit einigen Monaten nimmt Jumaa an UNICEFs psychosozialen Aktivitäten teil, wo er lernt, mit seiner Behinderung besser umzugehen. „Ich weiß jetzt, dass ich alles erreichen kann. Es hat über ein Jahr gedauert, aber mittlerweile kann ich sogar wieder mit meinem Fahrrad fahren. Ich hätte nie gedacht, dass das wieder möglich ist.“

© UNICEF/UN0646048/Janji
Junge syrische Mädchen nehmen an einem Computerkurs teil.

Bild 3 von 5 | Zur Schule zu gehen, einen Beruf zu lernen und am Gemeinschaftsleben teilnehmen? Das ist für Kinder und Jugendliche mit Sehbinderungen besonders schwer. In einem UNICEF-Zentrum in Aleppo lernen sie daher Englisch und wie sie trotz ihrer Behinderungen einen Computer nutzen können. So haben die Jugendlichen bessere Aussichten auf einen Job und eine bessere Zukunft. 

© UNICEF/UN0660415/Janji
Syrien: Hana (13) freut sich über ein Schulzertifikat.

Bild 4 von 5 | Sie würde niemals wieder laufen können, sagten die Ärzte der damals 8-jährigen Hana. Ihre Wirbelsäule wurde durch einen Granatsplitter verletzt. Monatelang sprach das Mädchen nicht und traute sich nicht, das Haus zu verlassen. UNICEF-Sozialarbeiter*innen besuchten und ermutigten sie, in eins der kinderfreundlichen Zentren zu kommen. Mittlerweile ist Hana 13 Jahre alt und geht wieder in die Schule. Dreimal pro Woche hilft ihr ein Physiotherapeut, wieder laufen zu lernen.  

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Syrien: Der 12-jährige Azzam spielt mit seinen Freunden im Sportunterricht.

Bild 5 von 5 | Kinder mit Behinderungen sind in Konfliktländern wie Syrien besonders gefährdet. Ohne Rollstühle, Physiotherapie und psychische Unterstützung werden sie häufig an den Rand der Gesellschaft gedrängt, stigmatisiert und ausgeschlossen. Auch Azzam hörte auf, zur Schule zu gehen – zu mühsam war der Schulweg mit dem Holzstock, den er als Krücke nutzen musste. Heute hat er einen Rollstuhl und geht in eine von UNICEF unterstützte Schule, die besonders auf die Bedürfnisse von Kindern mit Behinderung ausgerichtet ist. 

© UNICEF/UN0603134/Belal

9. Unsichtbare Wunden – die Kinderseelen leiden 

Nicht alle Spuren, die der Krieg hinterlässt, kann man direkt sehen. Immer wieder berichten unsere Kolleg*innen vor Ort, dass sie Kinder treffen, die viel zu still sind. Die regungslos an den kalten Wänden ihrer behelfsmäßigen Unterkünfte lehnen. Denen Struktur im Chaos um sie herum fehlt. Die Kinder mussten in ihrem kurzen Leben viel erleben, viel aushalten: Schätzungen gehen davon aus, dass etwa Dreiviertel aller syrischen Flüchtlinge unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. Dabei gibt es ganz Syrien nur noch etwa 70 Psychiater*innen und psychologische Hilfe ist eine absolute Seltenheit. 

Umso wichtiger sind die psychosozialen Zentren von UNICEF. UNICEF hilft jedes Jahr zehntausenden Mädchen und Jungen mit psychosozialer Hilfe in Kinderzentren und durch mobile Teams.

Syrien-Krieg: Ahmad spielt Ball in einer Flüchtlingsunterkunft

Der elfjährige Ahmad musste mit seiner Familie in eine Schule fliehen, wo er im Moment lebt. „Die Kämpfe waren überall. Menschen sind gerannt und ich habe Schüsse und Militärflugzeuge gehört. Wir sind stundenlang gelaufen. Wir konnten nichts mitnehmen oder einpacken. Fliehen ist so schrecklich, ich hatte so große Angst. Jetzt fühle ich mich besser. Ich bin froh, dass UNICEF hier Spiele und Aktivitäten für mich und die anderen Kinder organisiert.“

© UNICEF/UN0583352/
Syrien: Kinder basteln in einem UNICEF-unterstütztem Center.

Der Krieg in Syrien hinterlässt vor allem bei Kindern viele unsichtbare Wunden. Amina hatte jahrelang mit großen Ängsten zu kämpfen, nachdem ihr Zuhause zerbombt und ihr Vater und ältester Bruder getötet wurde. „Ich hatte so große Angst. Immer, wenn ich jemanden weinen hörte, habe ich mir die Ohren zugehalten.“ Ihre Mutter brachte sie in eines der UNICEF-Zentren, wo sie lernte, mit dem Erlebten anders umzugehen. „Ich habe verstanden, dass ich nicht die Einzige bin, die leidet. Alle Menschen, die ich kenne, leiden und haben Probleme. Ich habe gelernt, wieder auf das Gute im Leben zu schauen und nicht im Schmerz und in den schrecklichen Erinnerungen zu versinken.“

© UNICEF/UN0603132/Belal
Syrien: Die 14-jährige Fatima in einem von UNICEF unterstützen Center.

Nachdem ihr Zuhause zerbombt und ihr Bruder dabei schwer verletzt worden war, hatte Fatima immer wieder Alpträume. Vor allem bei lauten Geräuschen schrak sie immer wieder zusammen und wurde sehr ängstlich. „Meine Mutter brachte mich zu einem der UNICEF-Zentren. Die Spiele und Gespräche haben mir sehr gutgetan, es geht mir endlich besser. Ich gehe sogar wieder zur Schule. Ich möchte nie wieder einen Tag Schule verpassen!“

© UNICEF/UN0603183/Deeb
Syrien-Krieg: Rimas (5) ist im Flüchtlingscamp geboren | © UNICEF/Herwig

Rimas lebt im Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien, in das Zehntausende Menschen aus Syrien geflohen sind. Mit 5 Jahren kam sie dort in den Kindergarten, mittlerweile geht sie in eine von UNICEF geführte Schule. „Ich habe große Träume. Ich möchte gerne Ärztin werden. Ich muss also gut aufpassen im Unterricht und viel lernen.“ 

© UNICEF/UN0241696/Herwig
Syrien-Krieg: Kinder spielen Tauziehen | © UNICEF/Belal

UNICEF setzt alles daran, Kinder und ihre Familien zu stärken und ihnen insbesondere Zugang zu Bildung und Lernangeboten zu ermöglichen. Bei Spielen, Theaterstücken und Sportfesten können die Kinder das Erlebte zumindest zeitweise vergessen und einfach wieder Kind sein. Gleichzeitig lernen sie bei Gesprächsrunden, wie sie trotz der traumatischen Erlebnisse wieder positiv aufs Leben blicken können. 

© © UNICEF/UN0620874/Belal

10. Heiße Sommer – eisige Winter

Kniehoher Schnee, eisige Hagelstürme mit bis zu 80km/h und wochenlang Minusgrade: Nicht die erste Assoziation, die die meisten Menschen in Deutschland mit Winter im Nahen Osten haben, aber immer wieder bittere Realität in Syrien und den Nachbarländern.

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Im Zelt bei -3 Grad? So leben Kinder in Syrien auf der Flucht

Vor allem im Nordwesten Syriens, an der Grenze zur Türkei, sinkt das Thermometer auf bis zu -15 Grad. In den Zeltstädten kann man dann den Atem der Kinder in ihren zerrissenen Hemden und Flipflops sehen – so kalt ist es. Im Dezember 2021 und Januar 2022 haben Schneestürme und Fluten die Zelte und das Hab und Gut von tausenden Menschen unter sich begraben oder weggespült. Immer wieder erfrieren auch Kinder, die der Nässe und Kälte des eisigen Winters nur wenig entgegenzusetzen haben.

Auch Menschen, die außerhalb der Camps in Städten unterkommen, sind im Winter besonderen Gefahren ausgesetzt. Aufgrund der Wirtschaftskrise und des anhaltenden Konflikts haben viele kein Geld für Heizöfen, Gas und warme Kleidung. „Im Winter lasse ich meine Kinder nicht vor die Tür. Es ist zu kalt und sie haben keine warme Kleidung“, berichtet die 21-jährige Heyham, Mutter von drei kleinen Kindern.

Syrien: Die 21-jährige Heyam steht mit ihren Kindern vor einem Flüchtlingszelt.
© UNICEF/UN0430188/Belal

Unsere UNICEF-Kolleg*innen vor Ort berichten auch, dass Kinder schwere Rauchvergiftungen bekommen. In ihrer Not verbrennen sie Reifen, Schuhe und Müll, um warm zu bleiben. Für ihre Gesundheit und die Umwelt hat das schwere Folgen, und immer wieder brechen auch Brände in den Lagern aus, bei denen auch Kinder ersticken. „Die Situation ist besonders schlimm, wenn es regnet oder schneit. Die Kinder kommen dann komplett nass und voller Matsch in die Schule“, berichtet Jalal Tatari, Direktor eines UNICEF-Lernzentrums in Zabadani.

Kinder in syrischem Flüchtlingscamp im Winter.

Kinder in einem zugschneiten Camp im Nordwesten Syriens. Die Temperaturen erreichten hier bis zu -15 Grad.

© UNICEF/UNI296658/Alshami

Während die Winter in Syrien kalt sind, erreichen die Temperaturen im Sommer bis zu 47 Grad. Ohne Ventilatoren knallt die Sonne unbarmherzig auf die Zeltdächer und heizt die Luft so sehr auf, dass sie den Menschen ins Gesicht zu schneiden scheint. Sandstürme fegen immer wieder über die Camps hinweg, zerreißen die Zelte und verursachen Atemwegserkrankungen bei den Bewohner*innen.

Im Nordosten Syriens hat es seit Jahren nicht genug geregnet. Die Dürre bedeutet für die vielen Bauern und Bäuerinnen, dass ihre Ernten verkümmern, Lebensmittel ausgehen und sie kein Einkommen erzielen können.

Die Hitze ist auch deswegen so gefährlich, weil nur die Hälfte der Menschen ausreichend und sauberes Wasser haben. Durchfallerkrankungen, Krätze oder Hepatitis breiten sich so aus und auch Covid hat leichtes Spiel, wenn die Menschen ganz grundlegende Hygienemaßnahmen wie Händewaschen nicht einhalten können. Mancherorts findet man  schon ganze Geisterdörfer, da alle Menschen ihr Zuhause auf der Suche nach Wasser und Nahrung verlassen haben.  

Zwar sind Dürren und Schneefall in der Region nichts Ungewöhnliches, aber der Klimawandel hat diese Extreme in den letzten Jahren enorm verschlimmert. Trockenzeiten, Hitzewellen und Schneestürme stellen immer wieder neue Rekorde auf.

Selbst Aufzeichnungen der NASA zeigen: In der ganzen Region ist die Dürre seit Jahren so schlimm wie das letzte Mal vor 900 Jahren. Die Winter und Sommer werden immer lebensbedrohlicher und härter, während vor allem Kinder auf der Flucht den Wetterextremen immer weniger entgegensetzen können.

Um Kinder in den heißen Sommern und kalten Wintern zu unterstützen, liefert UNICEF sauberes Wasser in großen Tanks in die Flüchtlingslager in Syrien und den Nachbarstaaten. Für die kalte Jahreszeit verteilt UNICEF warme Kleidung, Decken und wasserfeste Stiefel und auch Bargeld, damit Familien sich das zum Leben Notwendigste kaufen können. Jedes Zelt, jeder Heizofen oder warme Decke kann ein Kinderleben retten. 

11. Covid-19 macht auch vor den Trümmern und Camps keinen Halt 

Abstand halten, Homeoffice, AHA-Regel: Die Maßnahmen, mit denen wir uns in den letzten Jahren vor Covid geschützt haben, sind in einem Bürgerkriegsland nicht so einfach umzusetzen. In den Notunterkünften und Flüchtlingslagern gibt es für Kinder und ihre Familien kaum Möglichkeiten, Hygiene-Regeln zum Schutz vor einer Ansteckung einzuhalten. 

Insgesamt ist die Inzidenz zwar eher niedrig, das liegt jedoch vor allem daran, dass kaum getestet wird. Überall fehlt es an Impfungen, FFP2-Masken, Isolationsstationen und Inkubatoren. Die Gesundheitsversorgung im Land ist stark zusammengebrochen und es gibt nur unzureichende medizinische Hilfe.

Syrien: Einas (23) informiert über die Corona-Impfung

„Wir stellen sicher, dass die Menschen alle Infos zu Covid erhalten, die sie brauchen. Ich glaube fest daran, dass sie sich und ihre Liebsten so besser schützen können“, sagt Elinas, eine UNICEF-Gesundheitsmitarbeiterin.

© UNICEF/UN0614683/Alsebai

UNICEF stattet Gesundheitshelfer*innen in ganz Syrien mit Schutzmasken und medizinischem Material aus, damit sie sich vor einer Ansteckung schützen können. In Informationskampagnen klärt UNICEF über das Corona-Risiko auf und darüber, wie Eltern sich und ihre Kinder am besten schützen können.

Die Impfquote ist mit nur zwölf Prozent für die erste Dosis eine der niedrigsten weltweit. UNICEF arbeitet rund um die Uhr daran, mehr Impfstoff nach Syrien zu bekommen, vor allem auch in entlegenere Regionen. Zusammen mit dem Gesundheitsministerium verbreitet UNICEF über Radio, Fernsehen und bei Veranstaltungen wichtiges Wissen darüber, wie Menschen sich schützen können. 

Mohamed aus Syrien erhält eine Corona-Impfung.

Der 40-jährige Mohamed bekommt seine zweite Covid-Impfung. 

© UNICEF/UN0648793/Shahan

12. Die Finanzkrise macht das Leben der Kinder noch härter – Hilfe ist heute nötiger denn je!

Der Krieg hat nicht nur Hunderttausende Häuser zerstört und Menschenleben gekostet, er hat das Land auch finanziell ruiniert. Die Wirtschaft des Landes hat sich seit 2011 halbiert und die Währung des Landes, die syrische Lira, hat seit Beginn des Konflikts einen 70-fachen Wertverlust erfahren.

Vor allem der Kollaps der libanesischen Wirtschaft hat diesen Wertrückgang beschleunigt, ebenso wie die US-Sanktionen gegen das Land. Familienmitglieder, die im Ausland leben, können so nur noch schwer Geld an ihre in Syrien verbliebenen Familienmitglieder schicken. Ein giftiger Mix aus Jahren des Kriegs und der Zerstörung, Dürre, Inflation, Arbeitslosigkeit und des wirtschaftlichen Zusammenbruchs werden arme Familien auch in den kommenden Monaten nicht aufatmen lassen.

Auch die weltweite Corona-Krise (Fakt 10) hat vielen Familien die Lebensgrundlage genommen und ihre Situation weiter verschärft: Familienväter haben ihre Jobs verloren; während monatelanger Ausgangssperren konnten Menschen ihre Produkte nicht mehr auf den Märkten verkaufen und auch Familien, die vorher noch zur Mittelschicht zählten, gelten nun als arm. 

Was bedeutet die Wirtschaftskrise konkret für die Kinder? Die Auswirkungen ziehen sich durch fast jeden Lebensbereich: Die Kinder essen weniger, ihre Familien können sich selbst das Lebensnotwendigste kaum leisten. Immer häufiger schicken Eltern ihre Kinder zum Arbeiten statt in die Schule oder verheiraten ihre minderjährigen Töchter, weil sie sie anderswo besser versorgt hoffen.

Ohne humanitäre Hilfe geht es nicht. Aber nach elf Jahren Krieg wird es immer schwieriger, die notwendige finanzielle Unterstützung für Syrien zu bekommen. So ist der Hilfsapell der Vereinten Nationen nur zu etwa einem Drittel finanziert (August 2022).

Krieg in Syrien: Kinder erhalten Hilfsgüter von UNICEF

Auch kleine Spendenbeiträge helfen, Kinder gesund, warm und sicher zu halten. Die vierjährige Mariam und ihre Brüder erhalten warme Kleidung bei einer Hilfsverteilung von UNICEF. „Ich mag meine neuen Kleider. Sie sind so schön warm. Wir haben keine Heizung.“ 

© UNICEF/UN0274650/Herwig

Nur noch selten hören wir über Syrien in den Nachrichten, und auch im Hinblick auf zahlreiche andere Konflikte, wie etwa in der Ukraine oder Afghanistan, rückt die Situation im Nahen Osten in den Hintergrund. Dabei ist die Situation der Kinder in Syrien heute schlimmer, als sie jemals war.

14,6 Millionen Menschen benötigen allein in Syrien im Jahr 2022 Unterstützung – 1,2 Millionen mehr als noch ein Jahr zuvor. Hinter jeder dieser Zahlen stecken die Geschichten und Schicksale von Kindern, die auch hoffen, dass sie nicht vergessen werden. 

Hilfe für die Kinder in Syrien

Sie möchten den Kindern in Syrien helfen? Dann unterstützen Sie den UNICEF-Einsatz vor Ort mit einer Spende. Wir versprechen: Jeder Beitrag kommt an. Vielen Dank!

Johanna Wynn Mitscherlich
Autor*in Johanna Wynn Mitscherlich

Johanna Wynn Mitscherlich arbeitet freiberuflich für UNICEF. Sie hat viele Jahre im Nahen Osten gelebt und gearbeitet, mit einem Fokus auf die humanitäre Situation in Syrien.