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Wir dürfen nicht zulassen, dass noch mehr Kinder sterben

Einige Gebiete in Somalia steuern auf eine katastrophale Hungersnot zu. Mehr als einer halben Million Kindern droht der Hungertod. Sie brauchen jetzt unsere Hilfe. Ein Kommentar von Christian Schneider, Geschäftsführer bei UNICEF Deutschland, zur Situation der Kinder in Somalia.


von Christian Schneider

Dieser Meinungsbeitrag von Christian Schneider erschien zuerst in der Augsburger Allgemeine.

Seit Monaten läuten die Alarmglocken, und sie werden immer lauter. Doch mit jedem weiteren Tag steuern einige Gebiete Somalias auf eine katastrophale Hungersnot zu. Mehr als einer halben Million Kindern droht der Hungertod, wenn sie nicht sofort lebensrettende Hilfe erhalten. Sie können nicht darauf warten, dass eine offizielle Hungersnot ausgerufen wird. Für viele von ihnen ist es bis dahin zu spät.

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Hungersnot, Ernährungskrise, Mangelernährung – Was ist das?

Die schlimmste Dürre am Horn von Afrika seit 40 Jahren, steigende Lebensmittelpreise und Instabilität haben sich in dem von Armut geprägten Land zu einem `perfekten Sturm´ zusammengebraut. Unsere UNICEF-Kolleg*innen berichten von Müttern, die tagelang mit ihren Kindern unterwegs sind, weil in ihrer Heimatregion jegliche Lebensgrundlagen erschöpft sind. Die ihre anderen Kinder bei Angehörigen zurücklassen müssen, um Hilfe für eines von ihnen zu suchen. Die die Gesundheitszentren erreichen, wenn es für manche der Mädchen und Jungen bereits zu spät ist.

Somalia: Ein kleines Mädchen sitzt auf dem Boden und schaut in die Kamera.

Marwo (10 Monate alt) litt unter Mangelernährung und schwerem Durchfall, als sie in das Stabilisierungszentrum eines Krankenhauses in Mogadischu in Somalia kam.

© UNICEF/UN0644292/Fazel

Schon jetzt leben viele Menschen in Somalia unter Bedingungen, die einer Hungersnot gleichkommen. Dabei sind diese extremen Krisen immer vorhersehbar und damit eigentlich vermeidbar. Bei der verheerenden Hungersnot in Somalia im Jahr 2011 starben mehr als 260.000 Menschen, darunter viele Kinder. Die internationale Gemeinschaft war sich einig, dass dies nie wieder passieren dürfe, dass sie frühzeitig reagieren muss. Doch leider ist es häufig so, dass eine Hungerkrise erst mit der offiziellen Erklärung einer Hungersnot die nötige Aufmerksamkeit bekommt – viele Eltern trauern dann schon um ihre Kinder.

2011 wie auch schon Ende der neunziger Jahre habe ich angesichts der Hungerkrisen in der Region Somalia besucht. Die Verzweiflung völlig ausgezehrter Mütter, die nach Wochen des Hungerns und zig Kilometern auf der Flucht mit ihren Kleinkindern endlich Hilfe erreichen, habe ich nie vergessen. Elf Jahre später kämpfen dort erneut mehr als 500.000 schwer mangelernährte Kinder um ihr Überleben. Wieder suchen geschwächte Familien in Notlagern Zuflucht, hoffen auf Wasser, Nahrung und Behandlungsmöglichkeiten für ihre Kinder.

Mütter sitzen mit ihren Kindern auf Matrazen in Betten und auf dem Boden in einem Krankenhaus.

Weil die Betten in den Stabilisierungszentren überfüllt sind, müssen Mütter mit ihren Kindern auf dem Boden Patz nehmen.

© UNICEF/UN0663250/Sewunet

Aber angesichts der globalen Krisenlage findet die Not in Somalia und den anderen Ländern am Horn von Afrika kaum Gehör. Die bisherige finanzielle Hilfe wird dem immensen Bedarf nicht gerecht. Allein in den ersten sieben Monaten dieses Jahres hat UNICEF schon 730 Todesfälle schwer mangelernährter Kinder in stationärer Behandlung gezählt. Die tatsächliche Zahl verstorbener Kinder ist vermutlich viel höher.

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Foto-Reportage: Die verheerenden Folgen der Dürre für Kinder am Horn von Afrika

Fest steht: die Zeit läuft ab. Umso wichtiger ist es jetzt, die Nothilfe für Kinder schnell und deutlich aufzustocken, um Leben zu retten. Doch es wird nicht ausreichen, Feuer zu löschen. Neben der humanitären Hilfe müssen Ernährungssysteme sowie die grundlegende und gesundheitliche Versorgung von Kindern weltweit nachhaltig gesichert und gestärkt werden. Indem wir Gesundheitssysteme langfristig und verlässlich verbessern. Indem wir innovative Programme fördern, die Familien vor den Auswirkungen des Klimawandels schützen. Indem wir entschlossen handeln, jetzt.

Info

Hintergrund Hungerkrise


Grundlage für die Ausrufung einer Hungersnot ist die Einschätzung einer internationalen Arbeitsgruppe nach den sogenannten "IPC-Phasen", die hierfür umfangreiche Daten erhebt. Eine Hungersnot (engl. „Famine“), ist erreicht, wenn in einem Gebiet mindestens 20 Prozent Haushalte betroffen sind, jedes dritte Kind unter fünf Jahren an akuter Mangelernährung leidet und mindestens zwei von 10.000 Menschen täglich aufgrund von Mangel an Nahrungsmitteln oder einer Kombination von Hunger und Krankheiten sterben.
Anfang September warnten die Vereinten Nationen, dass es von Oktober bis Dezember in den Baidoa und Buurhakaba eine Hungersnot geben werde.


Afghanistan: UNICEF-Geschäftsführer mit Schülerinnen in einem Learning Center | © UNICEF
Autor*in Christian Schneider

Christian Schneider ist seit 2010 Geschäftsführer des Deutschen Komitees für UNICEF, ein Schwerpunkt der Arbeit ist seit Jahren die Situation von Kindern in Krisenregionen. Er hat Ethnologie, Politikwissenschaften und Publizistik studiert und war vor der Zeit bei UNICEF als Journalist für verschiedene Tageszeitungen tätig.

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