GEFÄHRLICHE KINDHEIT IM SLUM - INTERVIEW ZUM UNICEF-FOTO DES JAHRES
Donnerstag, 19. Dezember 2019, 11:00 Uhr
von Katharina Kesper | 3 Kommentare

Der Preisträger des UNICEF-Foto des Jahres 2019 im Interview

Das Siegerbild des Wettbewerbs "UNICEF-Foto des Jahres" stammt in diesem Jahr von dem deutschen Fotografen Hartmut Schwarzbach. Entstanden ist es bei einem seiner Besuche in den Slums von Manila – von einem Boot aus machte er das eindrucksvolle Bild der 13-jährigen Wenie.

Philippinen: Stolz präsentiert Wenie ihr eigenes Siegerbild des UNICEF-Foto des Jahres 2019.

Wenie ist das Mädchen auf dem UNICEF-Foto des Jahres 2019. Stolz hält sie ihr eigenes Siegerbild in der Hand.

Bei der Pressekonferenz und Preisverleihung in Berlin lerne ich Hartmut persönlich kennen. Ich stelle ihm Fragen zu seinem Engagement für die Kinder auf den Philippinen und natürlich zu Wenie. Vor wenigen Tagen erst hat er sie erneut besucht.

Lieber Hartmut, herzlichen Glückwunsch und Gratulation zur Auszeichnung! Wie entstand das UNICEF-Foto des Jahres?

Seit meinem ersten Besuch 1984 auf den Philippinen beschäftige ich mich regelmäßig mit dem Thema Kinderarmut. Im Sommer 2018 habe ich erneut für eine Fotoreportage in Manila zum Thema Slums und Kinderarbeit recherchiert. Es war ein Sonntagnachmittag – der 24. Juni 2018 um genau zu sein – als die vielen Kinder im Meer schwammen und nach Plastikmüll fischten. Mit dabei war auch Wenie. Mit einem Freund und Guide habe ich mir ein Boot gemietet, von dem aus die Bilder entstanden sind.

Philippinen: Fotograf Hartmut Schwarzbach mit einer Gruppe von Kindern in der Manila Bucht.

Die Kinder und Familien in der Bucht von Manila besucht der Preisträger jedes Jahr.
© Hartmut Schwarzbach

Ohne die Bilder von Fotografen und Kameraleute bleiben Geschichten oft unerzählt. So wären die Auswirkungen der Katastrophen wie zum Beispiel des Taifuns Haiyan 2013 überhaupt nicht in der westlichen Welt bekannt geworden. Erst nach der Bildberichterstattung rollten damals die Hilfswelle an. Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, diese Themen in das Bewusstsein der Menschen zu rücken.

Philippinen: Hartmut Schwarzbach mit seiner Kamera in der Manila Bucht.

Schwarzbach berichtet seit vielen Jahren aus den Armenvierteln von Manila. Dieses Bild entstand während der nun ausgezeichneten Fotoreportage 2018.
© Hartmut Schwarzbach

Wie leben die Kinder in Tondo, die täglich Plastikmüll sammeln?

Im Stadtteil Tondo am Hafen von Manila leben 70.000 Einwohner pro Quadratkilometer – viele in den sogenannten Todeszonen am Meer. Der größte Slum der Philippinen ist ein Gebiet, in dem weltweit die meisten Menschen auf einem Fleck leben. Die Enge in den Wellblechsiedlungen ist unbeschreiblich: Es dringt kaum Tageslicht in die Gassen. Kein guter Platz für eine glückliche Kindheit. Viele Mütter wissen nicht, wie sie ihre Kinder durchkriegen sollen.

Die Kindersterblichkeit ist wegen Mangelernährung und schlechter Hygiene hoch. Hautkrankheiten, Durchfall, Dengue und auch die Infektionskrankheit Leptospirose sind weit verbreitet. Eine Chance auf einen guten Job haben die Familien nicht. Die meisten Kinder arbeiten vor und nach der Schule: Sammeln Plastik und Metall, denn Tondo ist auch die Müllhalde der Stadt. Kinderarbeit ist verboten auf den Philippinen, aber hier geht es ums nackte Überleben.

Warum suchen die Kinder Plastikmüll im Hafenbecken von Manila?

Viele Kinder im Alter zwischen zehn und dreizehn Jahren fischen in Teamarbeit Plastik aus der Bucht von Manila. Sie leben oftmals direkt am Meer in einer sogenannten „Danger Zone“ in Wellblechhütten aus Restholz – ohne Strom, fließendem Wasser oder Toiletten. Vor oder nach der Schule schwimmen sie hinaus, wenn Tide und Strömung es zulassen, und sammeln Plastik. Das verkaufen sie an Junk-Shops, so heißen hier die Recyclinghöfe. Den Erlös teilen sie untereinander auf. Sie sind eine große Hilfe für ihre Familien, die zu den Ärmsten der Armen gehören. Die Arbeit ist lebensgefährlich, denn die hygienischen Verhältnisse sind katastrophal. Ich kenne Kinder, die an Lebensmittelvergiftungen gestorben sind.

Was weißt du über Wenie – das Mädchen auf dem Siegerbild?

Wenie war zum Zeitpunkt der Aufnahme 13 Jahre alt. Ihre Eltern haben sich vor ein paar Jahren getrennt, deshalb wohnte sie bis vor kurzem mit ihrer Mutter May und ihren drei Geschwistern sowie ihrer Großmutter in Tondo im Slum an der Road 10. Vor kurzem hat Wenies Mutter allen Mut für einen Neuanfang zusammengenommen und ist mit ihrer Familie nach Bataan – fünf Autostunden westlich von Manila – gezogen. Hier mietet sie ein kleines Haus für umgerechnet 27 Euro im Monat.

Philippinen: Wenie mit ihrer Mutter und ihren drei Geschwistern vor ihrem neuen Haus.

Wenie lebt jetzt mit ihrer Mutter Mary und ihren Geschwistern in einem Haus in den Bergen von Banawang Bagac.
© Hartmut Schwarzbach

„Die Natur ist sehr schön hier, und wir sind nicht so oft krank, aber ich fühle mich hier nicht zu Hause. Alle meine Freunde sind in Manila,“ erzählt Wenie.

Trotzdem hat Wenies Mutter ihren Kindern das Leben gerettet und sie vor den vielen Gefahren im Slum beschützt. Diese reichen nämlich weit über die vielen Krankheiten des verschmutzen Wassers im Fluss hinaus. Drogenkonsum – viele Kinder schniefen „Rugby“, eine billige Droge aus Klebstoff – aber auch sexueller Missbrauch sind weitere von vielen Gefahren, denen Kinder im Slum von Manila ausgesetzt sind.

Philippinen: Hartmut Schwarzbach zeigt Wenie und ihrer Mutter das Siegerbild 2019.

Hartmut Schwarzbach mit der inzwischen 15-jährigen Wenie und ihrer Mutter Mary vor ihrem Haus im Dezember 2019.
© Hartmut Schwarzbach

Ich habe Wenie und ihre Familie kurz vor der Preisverleihung noch einmal besucht – diesmal in ihrem neuen Zuhause. Dabei ist auch dieses Foto entstanden, wo ich Wenie das Bild von ihr mitgebracht habe, das den diesjährigen Fotopreis gewonnen hat.

Du hast mir erzählt, dass du Wenie ein Schulstipendium finanzieren möchtest. Wie funktioniert das?

Ich habe meine bisherigen Schulstipendien über die Canossa-Tondo Children´s Foundation finanziert. Das ist eine von italienischen Priestern gegründete Organisation, die Tausenden von Slumkindern den Schulbesuch ermöglicht, in dem sie die monatlichen Grundkosten der Schüler übernehmen. Bildung ist der Schlüssel raus aus der Armutsfalle.

Wenie nimmt aktuell wegen ihrer Lerndefizite an einem alternativen Lehrprogramm der Regierung teil, aber der Lehrer ist oft nicht da, und der Unterricht ist auch nur einmal die Woche. Wenn sie die Prüfung bestanden hat, kann sie wieder auf eine normale Schule gehen. „Ich möchte die High School beenden und später dann andere Kinder unterrichten“, erzählte mir Wenie stolz bei meinem letzten Besuch.

Philippinen: Die 15-jährige Wenie lacht mit Freunden ihres alternativen Lernprogramms.

Heute nimmt Wenie an einem alternativen Lernprogramm der Regierung teil. Manchmal vermisst sie aber ihre Freunde im Slum von Manila.
© Hartmut Schwarzbach

Noch eine persönliche Frage: Du bist seit vielen Jahren Fotojournalist, wie bist du zur Fotografie gekommen?

Mein Großvater hat bereits als Fotograf in Wien gearbeitet, da ist mir wohl was in die Wiege gelegt worden. Nach ein paar Jahren als Tageszeitungsfotograf habe ich an der Fachhochschule Dortmund Foto-Design studiert, um dann als Fotojournalist Reportagen zu fotografieren. 1984 hat mich der Spiegel für die EDSA Revolution (das war eine friedliche Bürgerprotestbewegung auf den Philippinen, die zum Sturz des Diktators Ferdinand Marcos führte) in das südostasiatische Land geschickt. Dort hatte ich meinen ersten Kontakt mit extremer Massenarmut – der Besuch auf der Müllhalde Smokey Mountain war mein Schlüsselerlebnis zur langjährigen Beschäftigung mit dem Thema Kinderarmut und Kinderrechte.

KOMMENTARE

  • 22. Dezember 2019 15:50 Uhr

    Bewegende Bilderserie von den Lebensverhältnissen auf Philippinen. Vieles davon erlebe ich während meiner Stiftungsarbeit dort immer wieder selbst und versuche, ein paar Kindern zu helfen, insbesondere bei der Schulbildung.

  • 22. Dezember 2019 03:04 Uhr

    Ich bin erschüttert, solche katastrophalen Lebensumstände sehen zu müssen!
    Besonders jungen Menschen bedeutet dies eine absolut lebensunwerte Zukunft. Menschen aus aller Welt müssen sich dazu aufgerufen fühlen, dem weltweiten Überlebenschaos ein Ende zu bereiten!
    Wir, alle Menschen auf dem Planeten Erde, sind dringend dazu aufgerufen, alles Mögliche zu tun, was unserer Umwelt und der Existenz allen Lebens zugute kommt!! Sonst sind wir Alle für eine hoffnungsvolle Zukunft verloren!
    Leute, werdet aktiv! Die Politik scheitert auf der ganzen Welt!

  • 20. Dezember 2019 10:11 Uhr

    Fridays for Future macht nur Sinn, wenn Kinder in die Schule gehen.

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