Statement

Die Narben der Kinder in Gaza

Statement von UNICEF-Sprecherin Tess Ingram beim heutigen Press Briefing im Palais des Nations in Genf

Genf/Köln

Gestern habe ich Gaza nach zwei Wochen wieder verlassen. Es war mein zweiter Besuch in diesem Jahr.

Was mich bei diesem Besuch besonders bewegt hat, war, wie viele Kinder Verletzungen erlitten haben.

Ich begegnete ihnen nicht nur in den Krankenhäusern, sondern auch auf den Straßen. In ihren behelfsmäßigen Unterkünften. Sie gehen ihrem nun dauerhaft veränderten Leben nach.

In den vergangenen sechs Monaten wurden bei schweren und oft wahllos erscheinenden Angriffen unglaublich viele Kinder verletzt, die durch das Grauen des Krieges für immer gezeichnet sind.

Die Gesamtzahl der verletzten Kinder in diesem Konflikt ist schwer zu ermitteln. Laut jüngsten Daten des palästinensischen Gesundheitsministeriums wurden seit Beginn des aktuellen Konflikts mehr als 12.000 Kinder in Gaza verletzt. Dies entspricht rund 70 Kindern pro Tag.

Es ist davon auszugehen, dass die Zahlen höher sind, da nur ein kleiner Teil der gemeldeten Zahlen zu verletzten Menschen aufgeschlüsselt wird, um festzustellen, ob es sich um ein Kind handelt.

Die Kinder sind zu den Gesichtern dieses anhaltenden Krieges geworden. Von verheerenden Verletzungen bei Luftangriffen bis hin zur traumatischen Erfahrung, gewalttätige Auseinandersetzungen mitzuerleben, zeichnen ihre Geschichten ein erschütterndes Bild der menschlichen Folgen dieses Konflikts.

Stellen Sie sich vor, Sie würden einer Leibesvisitation unterzogen, blieben ohne Kleidung und würden stundenlang verhört. Als man Ihnen sagt, dass Sie in Sicherheit seien und gehen können, laufen Sie schnell die Straße entlang und beten. Doch dann wird auf Sie geschossen. Ihr Vater wird getötet, und eine Kugel dringt in Ihr Becken ein und verursacht schwere innere und äußere Verletzungen, die eine rekonstruktive Operation erfordern.

Genau dies habe er erlebt, sagte mir Yousef in einem Feldlazarett in Khan Younis. Er ist 14 Jahre alt.

Während meines Besuchs begegnete ich auch einem neunjährigen Mädchen mit schweren offenen Wunden von einer Explosion.

Einem 16-jährigen Mädchen, das seine Eltern verloren hat und sich von einem Beinbruch erholt.

Einem 13-jährigen Jungen, der sich drei Monate nach einer schwierigen Armamputation, die ohne Betäubung durchgeführt wurde, noch immer erholt.

Und einem zehnjährigen Jungen auf einer Intensivstation. Er kaufte gerade Kräuter, als ihm in den Kopf geschossen wurde. Er starb am nächsten Tag.

Das sind nur fünf der Kinder, die in den vergangenen sechs Monaten verletzt wurden. Ich habe so viele weitere getroffen. Es gibt Tausende ähnlicher Geschichten, wahrscheinlich weit mehr als 12.000.

Diese Zahl der verletzten Kinder spiegelt zwei Dinge wider:

Erstens, die Art dieses Krieges – er ist unberechenbar, trifft häufig die Zivilbevölkerung, darunter auch Kinder, und kostet Zehntausende Menschen das Leben; und zweitens, seine unverhältnismäßigen Auswirkungen auf Kinder – jeder zweite Mensch in Gaza ist ein Kind.

Kinder tragen einen großen Teil der Narben dieses Krieges.

Die Tausenden von Verletzten in Gaza erhalten kaum die notwendige medizinische Versorgung, die sie benötigen. Die medizinischen Leiter einiger der elf noch teilweise funktionierenden Krankenhäuser sagten mir, dass der Mangel an Personal und medizinischer Ausrüstung – Nadeln, Nähte, Anästhetika – negative Auswirkungen auf die medizinische Versorgung habe, die sie leisten können, insbesondere während Operationen. Und so leiden verletzte Kinder häufig unter schweren Schmerzen.

Es gibt kaum medizinische Evakuierungen – laut WHO erhielten weniger als die Hälfte der Patienten, die einen Antrag auf medizinische Evakuierung gestellt haben, eine Genehmigung. Nur etwa 3.500 Menschen, meist Kinder, wurden für die medizinische Versorgung ins Ausland evakuiert. Das sind weniger als 20 pro Tag.

Medizinische Notfälle müssen Zugang zu medizinischer Versorgung haben oder den Gazastreifen verlassen können. Verletzte oder kranke Kinder, die medizinisch evakuiert werden, müssen von Angehörigen begleitet werden dürfen.

Angesichts von 70 verletzten Kindern pro Tag muss die Zahl der medizinischen Evakuierungen erhöht werden, damit sie dringend medizinisch versorgt werden können.

Alle zehn Minuten wird ein Kind getötet oder verletzt, daher brauchen wir vor allem einen Waffenstillstand. Nur so kann das Töten und Verstümmeln von Kindern ein Ende finden.

Ihre zerschmetterten Körper und zerbrochenen Leben sind ein Zeugnis der Brutalität, vor der sie sich nicht schützen können.

Von seinem Krankenhausbett in Khan Younis aus bat mich Yousef, diese Botschaft weiterzugeben: „Beendet den Krieg, es ist genug. Wir sind Kinder, was haben wir getan? Ich wurde getroffen – was habe ich getan, dass ich so leiden muss?“

Christine Kahmann

Christine KahmannSprecherin - Nothilfe

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