ZEHN FRAGEN ZUR FLÜCHTLINGSKINDER-INITIATIVE IN DEUTSCHLAND

UNICEF hat gemeinsam mit dem Bundesministerium für Frauen, Senioren, Familie und Jugend eine „Initiative zum Schutz von Frauen und Kindern in Flüchtlingsunterkünften“ ins Leben gerufen.

Dazu ein Interview mit Rudolf Schwenk, dem Flüchtlingskoordinator ad interim von UNICEF in Deutschland.

Das Gespräch führte UNICEF-Mitarbeiter Gregor Henneka am 29. März 2016

Porträt Rudolf Schwenk

EIN GUTER START FÜR KINDER

Was tut UNICEF aktuell für Flüchtlingskinder in Deutschland?
Ein Hauptfokus unserer Arbeit liegt auf dem Kinderschutz. Wir koordinieren das Gesamtschutzkonzept zusammen mit dem Familienministerium sowie den verschiedenen Akteuren, die hier ja schon seit langem tätig sind.

Dabei können wir unsere UNICEF-Erfahrung aus den Herkunftsländern einbringen, da wir ja auch dort aktiv sind, und sie an den deutschen Kontext anpassen. Ein Hauptaugenmerk liegt dabei auf den begleiteten Kindern, das heißt denjenigen, die mit mindestens einem Elternteil in Deutschland sind. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden vom Jugendhilfesystem derzeit vergleichsweise gut betreut und versorgt.

Die Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland werden dezentral verwaltet. Entsprechend gibt es unterschiedliche Standards – in der Regel haben jede Organisation, die Wohlfahrtsverbände, oder die entsprechenden Länderbehörden ihre eigenen. Dazu kommen Flüchtlinge aus vielen verschiedenen Herkunftsländern – eine komplexe Situation. Es geht also nicht darum, neue Standards oder bürokratische Regeln zu schaffen. Vielmehr geht es darum, die vielen positiven Bemühungen, die es bereits gibt, zusammenzuführen und ein Gesamtschutzkonzept zu vereinbaren. Das ist die technische Unterstützung, die UNICEF mit seiner weltweiten Erfahrung und Rolle als UN-Organisation anbietet. Zusammen mit den Trägern von Einrichtungen stellt UNICEF zudem Pilotmodelle auf und wird diese Modelle dann über die jeweiligen Partner in die Fläche bringen, um wirklich bleibenden Mehrwert für die Kinder zu schaffen.

Oft werden zudem nicht ausreichend Daten zu kinderspezifischen Aspekten erhoben – was sowohl das Monitoring, als auch Vergleiche und gezielte Reaktionen sehr schwierig macht. Es besteht also der Bedarf für systematisches Monitoring der qualitativen Situation von Flüchtlingskindern in Flüchtlingsunterkünften. Das wollen wir verbessern. So entsteht eine große Synergie zwischen der weltweiten Erfahrung von UNICEF und der nationalen Kompetenz: Das Deutsche Komitee für UNICEF spielt ja schon lange eine führende Rolle in Sachen Kinderrechte in Deutschland.

Wie ist die Situation von Kindern und Familien in Erstaufnahmeeinrichtungen?
Die Empfehlungen von UNICEF-Experten haben aufgezeigt, dass viele Unterkünfte nicht besonders kinderfreundlich sind. Dabei geht es in der Regel um drei Komponenten: qualifiziertes Personal, geeignete Räumlichkeiten und strukturierte Konzepte.

Viele Kinder sind schon seit Jahren nicht mehr in die Schule gegangen und haben traumatische Erlebnisse hinter sich. Es geht daher darum, die räumlichen Bedingungen zu schaffen, dass sie wieder Kinder sein können – spielen, toben, mit anderen Kindern zusammen sein. Es geht um ein Stück Normalität – als Übergangslösung, bevor die Kinder dann regulär in Kindergärten, Schulen und anderen Institutionen aufgenommen werden können.

Warum braucht die Regierung dabei die Hilfe einer Organisation wie UNICEF?
Deutschland hat, und das will ich ausdrücklich betonen, ein erfolgreiches und etabliertes System der Kinder- und Jugendhilfe, das seit Jahrzehnten vergleichsweise gut funktioniert. Allerdings ist dieses System natürlich aufgrund der besonderen Situation 2015 an seine Grenzen geraten.

Die staatlichen Stellen können daher Unterstützung sehr gut gebrauchen. Es ist doch ein Zeichen der Stärke, sich einen Partner wie UNICEF ins Boot zu holen und von der Erfahrung dieser Organisation zu profitieren statt zu sagen „brauchen wir nicht, können wir alleine“.

Die Flüchtlinge sollen doch eigentlich nur eine gewisse Zeit in Deutschland bleiben. Warum will UNICEF trotzdem nachhaltige Hilfen für Kinder schaffen?
Kinder haben vom ersten Tag an das Recht, geschützt zu werden. Deutschland hat die UN-Konvention über die Rechte der Kinder unterschrieben. Deshalb ist es ein Imperativ, die darin enthaltenen Rechte zum Beispiel auf Schutz und Bildung auch zu gewährleisten.

Zudem reden wir bei temporären Unterkünften schnell von Monaten, das fühlt sich für ein Kind an wie Jahre. Daher ist es wichtig, dass auch in diesen Einrichtungen verbindliche Standards für Kinderfreundlichkeit und Kinderschutz etabliert werden.

UNICEF will zum Beispiel geschützte Bereiche für Frauen und Kinder schaffen – was heißt das konkret?
Zuallererst müssen Frauen und Kinder sicher sein vor Gewalt und Missbrauch, daher müssen Schutzkonzepte greifen. Dazu gehören abgetrennte Räumlichkeiten, die als Rückzugsräume dienen können, und in denen sie sich geschützt entfalten können.

Wie das dann jeweils aussieht, hängt natürlich von Fall zu Fall ab – es ist etwas anderes, ob wir von einer Turnhalle oder ähnlichen Massenunterkünften sprechen oder von Gebäuden, in denen es bereits entsprechende Räumlichkeiten gibt. Wir schauen uns die Situation vor Ort gemeinsam mit dem örtlichen Träger an und schauen, was wir gemeinsam verbessern können. Deshalb sind vereinbarte Mindeststandards, an denen man sich orientieren kann, so wichtig. UNICEF unterstützt diese internationalen Standards in ähnlichen Situationen überall auf der Welt.

UNICEF will auch für Spiel- und Freizeitmöglichkeiten sorgen - gibt es nicht Wichtigeres?
Solche Angebote vermitteln den Kindern in Notunterkünften eine gewisse Normalität, und das ist unglaublich wichtig nach all dem, was sie physisch und psychisch durchgemacht haben. Sie sind zudem ein Ansatzpunkt für psychosoziale Betreuung, die den Kindern hilft, das Erlebte zu verarbeiten.

Und sie bieten den Pädagogen die Möglichkeit, sich mit den Kindern intensiver zu beschäftigen und eventuell gefährdete Kinder rechtzeitig zu identifizieren. Nicht zuletzt ist es auch eine Chance, mit anderen Kindern zusammenzukommen – ein ganz wichtiger erster Schritt der Integration, auch für die Eltern.

Wie sollen die Empfehlungen von UNICEF die vielen Kinder auch erreichen?
Natürlich ist die Föderalismusstruktur mit Bund, Ländern, Kommunen sowie den zahlreichen Trägern, die die Einrichtungen betreiben, komplex. Alles ist sehr dezentralisiert und oft auch stark abhängig von der jeweiligen Finanzierung.

Umso wichtiger ist es, dass wir einen Minimalkonsens haben, der dann auch flächendeckend umgesetzt werden kann, um essentielle Schutzmechanismen zu gewährleisten.

Alle Akteure wollen etwas für Kinder erreichen. Der Wille ist da, und vielerorts gibt es ja auch bereits großartige Angebote. Was die Behörden und die verschiedenen Organisationen gemeinsam mit den vielen Ehrenamtlichen bereits geleistet haben, ist herausragend. Es sind die fachlichen Aspekte und spezialisierte Schulungen, bei denen UNICEF ansetzt. Insbesondere jetzt, wo sich die Situation etwas zu stabilisieren scheint, ist ein guter Moment, um solche qualitativen Aspekte einzubringen.

Das Bundesfamilienministerium hat den Bedarf erkannt und daher gemeinsam mit UNICEF die „Initiative zum Schutz von Frauen und Kindern in Flüchtlingsunterkünften“ ins Leben gerufen. In diese Mechanismen bringen wir unsere Expertise ein. Wir haben vor Ort in Berlin nur ein kleines Team, aber weltweit Fachexperten, auf die wir zurückgreifen können. Es geht also im Wesentlichen um technische Expertise und die Unterstützung bereits vorhandener Strukturen.

Mit dieser technischen Expertise erstellen wir Pilotmodelle, um zu zeigen, wie die Umsetzung der Richtlinien dann in der Praxis idealerweise aussehen kann. Dazu gehört auch die Entwicklung beziehungsweise Übersetzung von Schulungsmaterialien, sowie die Ausbildung von Trainern, die diese Modelle dann in die Fläche bringen – mit den entsprechenden Partnern.

Was sind die größten Herausforderungen?
Es ist eine neue Situation für uns alle, dass UNICEF in einem Land wie Deutschland operativ tätig wird. Alles musste sehr schnell gehen: Uns personell aufstellen, Partnerschaften aufbauen, mit der Regierung definieren, was wir in der konkreten Situation leisten können – und all das während die Implementierung von konkreten Aktivitäten bereits angelaufen ist. Denn die betroffenen Kinder können ja nicht warten.

Wie wird diese Arbeit von UNICEF in Deutschland finanziert?
Gemeinsam mit dem Deutschen Komitee versuchen wir, den Finanzbedarf für die UNICEF-Aktivitäten in Deutschland selbst aufzubringen - ohne dringend benötigte finanzielle Mittel von anderen Projekten weltweit „wegzunehmen“.

Wir wollen zum Beispiel gezielt Stiftungen und andere Großspender gewinnen. Für die Umsetzung der Maßnahmen durch die verschiedenen Akteure vor Ort stellt die Bundesregierung Mittel zur Verfügung.

Wann haben Sie ihr Ziel erreicht?
Wenn ein Kind, das so viel durchgemacht hat, bei uns in Deutschland einen guten Start hat. Wenn egal wo es sich aufhält seine Rechte geschützt sind, es Entfaltungsmöglichkeiten hat, und es ein Stück weit Normalität empfindet, nach allem was es durchgemacht hat. 

UNICEF-Info zum Download

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