© UNICEF/UNI483126/Media ClinicJames Elder von UNICEF hat Anfang Dezember während der Feuerpause den Gazastreifen besucht.
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James Elder im Gazastreifen: „Ich habe noch nie so viel Trauer gesehen“

Am Tag vor Beginn der temporären Waffenruhe reist unser UNICEF-Kollege James Elder mit einem humanitären Konvoi von UNICEF und anderen UN-Organisationen in den Gazastreifen. In Videos, Interviews und Sprachnachrichten schildert er die Lage der Kinder in Gaza. Und sieben Tage später erlebt er hautnah den Beginn der erneuten Bombardierungen.


von Sandra Bulling

Als UNICEF-Sprecher reist James Elder seit Jahren in Krisengebiete wie die Ukraine, Somalia oder Afghanistan, um auf die Situation von Kindern in humanitären Notsituationen aufmerksam zu machen. Was er im Gazastreifen erlebt, erschüttert den erfahrenen humanitären Helfer besonders.

Nachdem er die Grenze von Ägypten aus in den Gazastreifen überquert hat, schildert James regelmäßig seine Eindrücke. In einem Video vom 30. November sagt er: "Heute in Gaza, nur wenige Stunden nach Beginn der Feuerpause, habe ich wohl mehr Trauer gesehen als an irgendeinem anderen Tag in meinem Leben. Es ist, als hätten sich Angst und Traurigkeit überall festgesetzt."

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"Ich möchte, dass kein Kind stirbt"

Während nun endlich mehr Lkw mit Hilfsgütern von UNICEF und anderen Organisationen über die Grenze fahren, begegnet James Elder Kindern, Eltern, Ärzt*innen und UNICEF-Mitarbeiter*innen.

Als Teil eines humanitären Konvois fährt er bis in den Norden des Gazastreifens, der vorher kaum mit lebensrettender Hilfe erreicht werden konnte. Er ist dabei, als verletzte Kinder mit einem Bus aus dem Al-Shifa Krankenhaus in Gaza-Stadt im Nasser-Krankenhaus in Khan Yunis im Süden des Gazastreifens ankommen. Es sind tragische Bilder, die er sendet: Kinder mit Verbrennungen. Kinder mit bandagierten Gliedmaßen, mit Granatensplittern im Körper. Weinende Kinder. Kinder, die unter Schock stehen.

James Elder von UNICEF hat Anfang Dezember während der Feuerpause den Gazastreifen besucht.

Als die Waffenruhe beginnt, reist James Elder, Sprecher von UNICEF International, mit einem Hilfskonvoi von UNICEF und anderen UN-Organisationen in den Gazastreifen.

© UNICEF/UNI483126/Media Clinic

Der Beschuss beginnt erneut

Sieben Tage später endet die vorübergehende Waffenruhe. James berichtet am Morgen des 1. Dezember aus dem Nasser-Krankenhaus: „Wir hören Schüsse. Nur 50 Meter von hier ist eine Rakete eingeschlagen. Ich sehe noch den Rauch. Wir haben uns beeilt, weil die Angriffe oft hintereinander kommen."

Und weiter: "Etwa eine Stunde später sahen wir die ersten Verletzten ins Krankenhaus kommen. [...] Die Kinder sind heute Morgen von den Raketen und den Explosionen aufgewacht. Die Eltern haben einen Ausdruck völliger Hilflosigkeit im Gesicht, das sollte kein Elternteil erleben. [...]."

James schildert, dass das Nasser-Krankenhaus das größte noch funktionierende Krankenhaus ist, es läuft auf 200 Prozent seiner Kapazität. Hunderte Frauen und Kinder schlafen auf den Gängen. Überall sieht man Kinder mit Kriegsverletzungen.

James Eindrücke nach Wiederaufnahme der Kämpfe

Die erste Nacht unter Beschuss war auch für ihn traumatisch:

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Wie ist es, jetzt in Gaza ein Kind zu sein?

"Die Sonne ging gerade auf. Es war eine Nacht unerbittlicher Einschläge. Keine fünf oder zehn Minuten, in denen nicht irgendetwas über uns hinwegflog oder irgendwo der Himmel erleuchtet wurde. Und dann die 1,8 Millionen Menschen, die hier im Süden Schutz suchen. Sie schlafen so eng beieinander in den Notunterkünften, Matratze an Matratze... dass davon auszugehen ist, dass jede Granate jemanden getroffen hat."

"Ich bin erst 20 Minuten vor Sonnenaufgang eingeschlafen und dann sofort wieder aufgewacht. Vögel pickten mit ihren Schnäbeln an der Fensterscheibe. Ich glaube, sie wollten nur dem Lärm entfliehen. Wie wir alle."

Es ist der Lärm, den James in seinen Botschaften immer wieder beschreibt, die ohrenbetäubenden Explosionen, die alles übertönen.

Nasser-Krankenhaus: Ein Krankenhaus am Limit

Im Nasser-Krankenhaus trifft James den Jungen Mohamed. Er wurde durch eine Explosion verletzt. „So sieht Krieg aus“, erzählt James. „Es ist außergewöhnlich, dass das Gesundheitspersonal sofort zur Stelle ist. Sie sind seit 36 Stunden im Einsatz. Und sie sind hier. Aber sie können so nicht weitermachen.“

Der 13-jährige Mohamed wurde schwer verletzt

"Bitte sag allen, dass dieser Krieg aufhören muss", sagt Mohameds Vater verzweifelt zu James, als dieser das Krankenhaus besucht. Das Krankenhaus ist voll mit Menschen, alle laufen aufgeregt umher, mittendrin - auf einem Bett im Gang - sitzt Mohamed weinend auf dem Bett.

Viele Mitarbeiter der Krankenhäuser sind erschöpft, haben selbst Angehörige verloren. So wie die UNICEF-Mitarbeiterin, die James erzählte, dass ihre Schwester getötet wurde.

Marwa ist 21 Jahre alt und studierte Medizin bevor der Krieg begann. Sie spricht mit James über ihr Leben, über ihre Träume und Hoffnungen. "Eigentlich sollte ich studieren, aber die Universität wurde bombardiert. Jetzt lebe ich in einem Flüchtlingslager. Wir können kaum überleben. Ich träume von einem Leben, wo keine Ärztin ohne Narkose operieren muss. Wo kein Arzt seine Patient*innen sterben sehen muss, weil es keinen Strom gibt."

Und sie hat eine wichtige Botschaft, die sie James mitgibt: „Wir sind zwei Millionen Menschen, die gefangen sind und nirgendwo hin können. Wir sollten der Welt mehr wert sein. Wir haben ein Leben, das wir leben sollten.“

„Es bricht mein Herz“, schreibt James zu dieser Begegnung auf der sozialen Plattform “X” (vormals Twitter).

"Wir haben ein Leben, das wir leben sollten"

Am Montag, den 4. Dezember, rund eine Woche nach seiner Ankunft, verlässt James den Gazastreifen. Die Eindrücke wird er für immer mitnehmen. Unsere lokalen UNICEF-Mitarbeiter*innen bleiben vor Ort – und arbeiten weiter rund um die Uhr, um die Familien in Gaza mit dem Nötigsten zu versorgen, wo immer die Sicherheitslage es zulässt.

Während der Feuerpause: Hilfsgüter treffen ein

Während der Feuerpause konnte UNICEF seine Hilfe ausweiten und überlebenswichtige medizinische Hilfsgüter und Medikamente an Krankenhäuser im gesamten Gazastreifen liefern. Mikronährstoffe für Kinder gehören ebenso zu den Hilfsgütern wie Trinkwasser und Treibstoff, um Entsalzungsanlagen und Brunnen wieder in Betrieb zu nehmen. Doch die Hilfe reicht nicht aus. Weitere UNICEF-Lkw stehen an der Grenze bereit, um so schnell wie möglich weitere Hilfsgüter nach Gaza zu bringen.

UNICEF in Israel

In Israel haben die schrecklichen Angriffe des 7. Oktober tiefe Spuren in der Psyche der Kinder hinterlassen. Viele haben Freund*innen oder Angehörige verloren. Noch immer werden Familienmitglieder als Geiseln festgehalten. Auch die regelmäßigen Angriffe und Raketenwarnungen setzen Kinder unter enormen Stress und lösen Ängste aus.

UNICEF ist in Israel seit 2009 als eines von weltweit 33 UNICEF-Nationalkomitees aktiv. Das israelische Nationalkomitee wirbt um Unterstützung für die UNICEF-Arbeit weltweit und setzt sich für die Förderung und Sensibilisierung für Kinderrechte ein.

Mit Programmarbeit ist UNICEF in Israel aktuell nicht aktiv. Länder mit höherem Einkommen – wie Israel – sind in der Regel selbst in der Lage, die Kinder im Land angemessen zu versorgen.

UNICEF-Hilfe in einem Land erfolgt jeweils auf Einladung und in Absprache mit der jeweiligen Regierung. Sollte UNICEF um Unterstützung gebeten werden, stehen wir selbstverständlich bereit.

Sandra Bulling, Deutsches Komitee für UNICEF
Autor*in Sandra Bulling

Sandra Bulling leitet die Abteilung Programmkommunikation und bloggt über Themen der internationalen Nothilfe und Entwicklungszusammenarbeit.