© UNICEF/UN0609116/Alhamdani

Kinder weltweit

Krisen, von denen kaum jemand weiß

Der Krieg in der Ukraine beschäftigt uns alle - täglich gibt es neue Informationen. Doch wie sieht die Lage in anderen Krisengebieten der Welt aus? Hier erzählen wir Kindergeschichten aus Ländern, die gerade kaum in Schlagzeilen zu finden sind.

Montag, 02.05.2022, 09:00 Uhr

Konflikte abseits der Medien

Was passiert gerade im Jemen, in Myanmar oder in Venezuela? Wie sieht die Lage in vielen anderen Krisen- und Konfliktgebieten der Welt aus? Wir rücken den Fokus auf Kindergeschichten, die gerade in keiner Schlagzeile zu finden sind - dort aber ebenso stehen müssten.

Jemen: Sieben Jahre Krieg verschlimmern den Hunger

Immer mehr Menschen im Jemen leiden Hunger und haben oftmals nur eine Mahlzeit pro Tag zu essen. Für Kinder ist die Gefahr besonders hoch zu erkranken, wenn sie zu wenig lebensnotwendige Nährstoffe erhalten. Mehr als zwei Millionen Kinder unter fünf Jahren leiden im Jemen bereits an akuter Mangelernährung - über 500.000 von ihnen sind lebensbedrohlich mangelernährt.

Walid erzählt uns seine Geschichte. Der dreifache Familienvater ist verzweifelt: "Die Lage im Jemen ist schlimm. Wir kämpfen jeden einzelnen Tag des Jahres darum, Nahrung, Wasser und notwendige Lebensmittel zu beschaffen." Weil es immer weniger zu essen gibt, erkrankte Walids jüngste Tochter Ghosoon vor drei Monaten an Unterernährung. Glücklicherweise besucht ein mobiles Gesundheitsteam von UNICEF das Dorf, in dem die Familie lebt, um betroffenen Kinder mit  lebensrettender therapeutischer Milch und hochkalorischer Erdnuspaste zu versorgen.

Die dreijährige Ghosoon litt an schwerer akuter Unterernährung, als das UNICEF-Team sie untersuchte. In einem Ernährungszentrum konnte sie sich erholen und nahm langsam wieder zu. Ihr Vater Walid ist froh: "Das Leben hier ist tragisch, viele Regenfälle lassen Bäche überlaufen und Krankheiten breiten sich aus. Wir haben jede Lebensgrundlagen verloren."

Jemen: Maymouna, Hilalah und Ghosoon haben heute etwas zu essen.

Maymouna, Hilalah und Ghosoon haben heute etwas zu essen. Sie leben mit ihrer Familie in Marib, einer Kleinstadt im Jemen.

© UNICEF/UN0609116/Alhamdani

Syrien: Kein Frieden in Sicht

In Syrien herrscht Krieg - seit elf Jahren. Für viele Kinder ist das ein ganzes Leben. Sie kennen nichts anderes. Sie erleben Gewalt und traumatische Erlebnisse oder müssen ihr Zuhause verlassen. So wie Maram, die heute zwölf Jahre ist.  Sie wuchs während des anhaltenden Konflikts auf, und mit nur vier Jahren verlor sie ein Bein. 

Viele Orte im Land liegen in Trümmern und sind kontaminiert mit Landminen und explosiven Kriegsrückständen. Allein im letzten Jahr wurden nach offiziellen Angaben der Vereinten Nationen fast 900 Kinder in Syrien gewaltsam getötet oder verletzt. 

Viele tragen wie Maram Verletzungen und Behinderungen mit sich, die sie ein Leben lang prägen. Und dann sind da noch Schlafstörungen, eine tiefe Traurigkeit, Angst und andere Anzeichen psychischer Belastungen. So war es auch bei Maram: Durch die ständigen Unruhen des Konflikts machten ihr laute Geräusche zunehmend Angst. 

Nachdem die Familie mehrfach wegen anhaltender Kämpfe umziehen musste, sind sie in ihr altes Viertel in Aleppo zurückgekehrt. Dort besucht Maram nun ein von UNICEF unterstütztes Kinderzentrum. Hier wird sie durch eine*n persönliche*n Helfer*in betreut und erhält psychosoziale Unterstützung, um die traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten. Maram gefällt es hier sehr gut: "Alle sind so freundlich und hilfsbereit." Inzwischen ist sie viel selbstbewusster geworden. Sie geht gerne zur Schule und liebt es zu lernen.

Syrien: Die zwölfjährige Maram macht ihre Schulaufgaben auf dem Boden ihrer Zuhauses.

Aleppo, Syrien: Ganz konzentriert macht Maram ihre Schulaufgaben zuhause. Die Zwölfjährige liebt es zu lernen.

© UNICEF/UN0603204/Deeb

Venezuela: Die Krise nimmt kein Ende

Häufig übersehen, doch eine der schwierigsten humanitären Situationen für Familien weltweit: Venezuela steckt seit Jahren in einer schweren politischen und wirtschaftlichen Krise. Durch eine starke Inflation sind unzählige Familien in dem südamerikanischen Land verarmt und können sich nicht mehr versorgen. Mehre Millionen haben das Land verlassen und sind in eines der Länder ringsum geflüchtet.

Viele Kinder in Venezuela sind mangelernährt. Immer wieder kommt es zu langanhaltenden Stromausfällen. Die medizinische Versorgung im Land ist teilweise zusammengebrochen – es fehlen Medikamente und medizinische Geräte.

Die dramatische humanitäre Lage in Venezuela hielt auch 2021 an und wurde durch die Pandemie sogar noch verschärft. Laut aktuellen Untersuchungen sind insgesamt rund sieben Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen, darunter 3,2 Millionen Kinder.

Zu ihnen zählen auch der 11-jährige Yonkeiber und seine 12-jährige Schwester Erika. Sie leben mit ihrer Familie in einem ärmeren Viertel der Hauptstadt Caracas. Während der Pandemie traf die Krise die Beiden doppelt hart: Sie konnten aufgrund von Schulschließungen nicht mehr weiterlernen und hatten dadurch obendrein auch keinen Zugang zu den dringend benötigten Schulmahlzeiten.

Mit seinem "School Feeding Programme" konnte UNICEF ihnen die Situation etwas erleichtern: Gemeinsam mit Partnern vor Ort sorgte UNICEF dafür, dass Lebensmittelpakete und Schulmaterial in den am meisten gefährdeten Gemeinden verteilt wurden.

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Yonkeiber (11) und seine Schwester Erika (12) bei den Hausaufgaben – in der schweren Krise haben sie Lebensmittel und Lernmaterial erhalten.

© UNICEF/UN0483557/Poveda

Myanmar: 14 Millionen Menschen brauchen humanitäre Hilfe

Wann haben Sie zuletzt etwas von Myanmar gehört? Vielleicht im Februar 2021. Damals folgte auf die Parlamentswahlen ein Militärputsch, auf den wiederum Proteste folgten. Die Krise eskalierte. 

Vor diesen Ereignissen gingen die Vereinten Nationen davon aus, dass etwa eine Million Menschen in Myanmar humanitäre Hilfe benötigten. Heute belaufen sich die Schätzungen auf 14,4 Millionen Menschen, darunter fünf Millionen Kinder. Die Gründe sind ein dramatisches Wechselspiel aus politischer Krise, eskalierender Gewalt, den Folgen der Corona-Pandemie und Naturkatastrophen, teils infolge des Klimawandels. Die Armut ist so hoch wie seit Jahren nicht mehr, ein Viertel der Bevölkerung weiß nicht, wann sie die nächste Mahlzeit essen wird.

Myanmar: Ein Kind wird auf Mangelernährung untersucht

Mg Thu Wai Htut (3) wird der Oberarm gemessen. Das Maßband zeigt grün, also ist er nicht mangelernährt. Wir von UNICEF untersuchen so viele Kinder wie möglich auf Mangelernährung, denn wenn sie früh erkannt wird, ist sie gut behandelbar.

© UNICEF/UN0556774/Htet

Mit großer Sorge betrachten wir auch die sich verschlechternde Situation im Rakhine State, die eine sichere und würdevolle Rückkehr der nach Bangladesch geflüchteten Rohingya nahezu unmöglich macht.

Für Kinder bedeutet die Situation, dass ihre Kindheit in Gefahr ist, ihre gesunde Entwicklung, ihr Überleben. Um konkret zu werden: Eine Million Kinder sind nicht gegen übertragbare Krankheiten geimpft, drei Millionen Kinder haben seit Anfang 2021 keinen Zugang zu Trinkwasser und zwölf Millionen Mädchen und Jungen können nicht zur Schule gehen – einige von ihnen seit über einem Jahr. 

Was tun wir von UNICEF? Wir konzentrieren uns in Myanmar auf humanitäre Hilfe, die das Überleben der Kinder sichert. Dabei ist uns besonders wichtig, dass die Projekte trotz der schwierigen äußeren Umstände möglichst ohne Unterbrechungen laufen können und die lokalen Kräfte gestärkt werden. Einige unserer Ziele für 2022: Wir wollen 37.500 Kinder gegen akute Mangelernährung behandeln, 760.000 Kinder gegen Masern impfen, 303.300 Kinder und Betreuer*innen mit psychosozialer Hilfe erreichen und es 1,1 Millionen Kindern ermöglichen, wieder zur Schule zu gehen. 

Doch dass die Situation in Myanmar so wenig Aufmerksamkeit bekommt, zeigt sich auch in der Finanzierung der humanitären Hilfe: Wir von UNICEF brauchen für unsere Programme in 2022 151,4 Millionen US-Dollar. Davon waren mit Stand Februar nur 18,3 Millionen US-Dollar finanziert, was einer Lücke von 88 Prozent entspricht.

Somalia: Am Rande einer Hungersnot

Der vierjährige Abdirahman sitzt auf dem Schoß seiner Mutter Owliyo. Gemeinsam mit ihr und seinen sechs Geschwistern ist er vor mehreren Monaten nach Dollow geflohen, nahe der Grenze zu Äthiopien. Rund 250 Kilometer haben sie hinter sich gebracht.

In Somalia herrscht derzeit einer der schlimmsten Dürren seit Jahrzehnten. In einigen Regionen ist die Regenzeit zum dritten Mal in Folge ausgeblieben, die Böden sind vertrocknet und es fehlt an Trinkwasser. Wie zahlreiche weitere Familien lebten Abdirahman und seine Familie von der Viehzucht in einem kleinen Dorf. Doch dann verendeten ihre Ziegen wegen der Dürre und sie verloren ihre einzige Lebensgrundlage. 

Der vierjährige Abdirahman sitzt mit seiner Mutter vor einem Zelt in einem Camp für vertriebene Familien

Der vierjährige Abdirahman sitzt mit seiner Mutter vor einem Zelt in einem Camp für vertriebene Familien.

© UNICEF/UN0613020/Rich

Laut aktuellen Schätzungen leiden bereits sechs Millionen Menschen in Somalia an extremer Nahrungsunsicherheit – rund 40 Prozent der Bevölkerung, und mehr als doppelt so viele Menschen wie zu Beginn des Jahres. In sechs Gebieten droht eine Hungersnot. Bis Ende 2022 könnten rund 1,4 Millionen Kinder akut mangelernährt sein, über 330.000 von ihnen lebensbedrohlich. Wir von UNICEF versorgen mangelernährte Kinder mit therapeutischer Erdnusspaste, impfen Kleinkinder und unterstützen Familien dabei, ihre Kinder trotz der großen Not mit Nahrung und Wasser zu versorgen. Doch es sind dringend weitere finanzielle Mittel erforderlich, um eine Hungersnot abzuwenden. Wir dürfen die Kinder in Somalia jetzt nicht vergessen. 

Die Autor*innen

Tim Rohde, Caroline Dohmen, Laura Sandgathe, Christine Kahmann und Katharina Kesper haben für Sie die vergessenen Nachrichten recherchiert und diesen Beitrag gemeinsam verfasst.

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