KINDERSTERBLICHKEIT: WARUM STERBEN EIGENTLICH KINDER?
Freitag, 18. September 2020, 09:30 Uhr
von Ninja Charbonneau | 5 Kommentare

„Mama, warum sterben eigentlich manchmal auch Kinder?“, hat mich mein Sohn gefragt, als er selbst noch im Kindergartenalter war.

Eine berechtigte Frage, denn genau genommen sterben Kinder nicht nur manchmal, sondern tagtäglich tausendfach. Viele von ihnen vor dem fünften Lebensjahr. Und in den meisten Fällen hätte diese unfassbare Tragödie vermieden werden können. Die gute Nachricht: Heute überleben mehr Kinder denn je.

Kindersterblichkeit: Eine Mutter hält ihr lachendes Baby auf dem Arm.

Mutter und Baby auf den Salomonen.
© UNICEF/UN0330511/Pacific

Was genau bedeuten eigentlich Kindersterblichkeit und Säuglingssterblichkeit? Wie hoch ist die Sterblichkeitsrate von Kindern, welche Länder sind besonders betroffen und was kann man tun, damit jedes Mädchen und jeder Junge eine Chance auf Überleben und eine gesunde Entwicklung hat? 

Hier haben wir die wichtigsten Statistiken und Infos zur Kindersterblichkeit für Sie zusammengestellt.

KINDERSTERBLICHKEIT WELTWEIT

Aktuelle Statistik zur weltweiten Kindersterblichkeit

Jeden Tag sterben jeden Tag noch immer 14.000 Kinder, bevor sie fünf Jahre alt werden. Das sind durchschnittlich 5,2 Millionen Mädchen und Jungen unter fünf jedes Jahr. Zusätzlich sind im vergangenen Jahr etwa 900.000 Kinder im Alter zwischen fünf und 14 Jahren gestorben – insgesamt also 6,1 Millionen Kinder unter 15 Jahren. So lautet die aktuelle Schätzung der Vereinten Nationen, die sich auf die neuesten verfügbaren Daten stützt. Federführend bei diesem Bericht sind unsere Kollegen vom Kinderhilfswerk UNICEF zusammen mit Kollegen der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Zum Vergleich: In Deutschland leben rund elf Millionen Kinder unter 14 Jahren – 6,1 Millionen Mädchen und Jungen wären also über die Hälfte aller Kinder unter 14 hier.

Kindersterblichkeit: Der zweijährige Jubil schläft in einem Zelt-Krankenhaus

Der zweijährige Jubil wird in einem Zelt-Krankenhaus im Kutupalong Flüchtlingslager in Bangladesch behandelt. 
© UNICEF/UN0332992/Nybo

Definition Kindersterblichkeit und Kindersterblichkeitsrate

Die traurige Wahrheit ist, dass für viele Kinder das Leben endet, bevor es richtig begonnen hat.

Viele Babys werden nie krabbeln oder laufen lernen, erste Zähnchen bekommen oder ihren ersten Geburtstag feiern. Als Säuglingssterblichkeit (englisch: infant mortality) bezeichnet man alle Todesfälle von Kindern unter einem Jahr. Nach aktueller Schätzung sterben jährlich vier Millionen Babys vor ihrem ersten Geburtstag.

Papua Neuguinea: Ruth wärmt ihr Frühchen Lauren, das mit einem Armband überwacht wird.

Baby Lauren in Papua Neuguinea ist ein Frühchen. Mutter Ruth hält das Baby warm, und ein spezielles Armband gibt ein Warnzeichen, wenn die Körpertemperatur gefährlich sinkt.
© UNICEF/UN0292661/Holt

Die Neugeborenensterblichkeit (neonatal mortality) ist die jährliche Anzahl der Todesfälle von Kindern innerhalb des ersten Lebensmonats, also während der ersten 28 Tage nach der Geburt. 2019 haben 2,4 Millionen Neugeborene diese besonders kritische Phase nicht überlebt. Weltweit starb 2019 somit alle 13 Sekunden ein neugeborenes Kind. Dies entsprach 47 Prozent aller Todesfälle unter fünf Jahren – 1990 lag der Anteil noch bei 40 Prozent. 

Während es gute Fortschritte dabei gibt, die Überlebens-Chancen von älteren Kindern zu verbessern, kommt der Kampf für das Überleben von Babys nur langsam voran. Dadurch nimmt unter den Kindern, die viel zu früh ihr Leben verlieren, der Anteil der Babys zu.

Trend: Weltweite Kindersterblichkeit auf einem Tiefstand

Die gute Nachricht ist, wie oben schon angedeutet, dass heute deutlich mehr Kinder überleben als noch vor einigen Jahren. Die Kindersterblichkeit hat sich seit 1990 mehr als halbiert, von 12,5 Millionen Kindern unter fünf (1990) auf 5,2 Millionen Kinder unter fünf (2019). Damit ist die Sterblichkeitsrate bei Kindern auf einem Tiefstand. 85 Nationen, darunter auch vielen ärmeren Ländern, ist es gelungen, die Kindersterblichkeitsrate in ihrem Land seit 1990 um zwei Drittel zu senken. Dazu gehören zum Beispiel Äthiopien, Eritrea, Malawi, Mosambik, Nepal, Niger, Ruanda, Uganda und Tansania.

Dies geht hervor aus einem Bericht der Vereinten Nationen, den die WHO, UNICEF, die Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen sowie die Weltbank-Gruppe gemeinsam erstellen.

Dazu beigetragen haben bessere Gesundheitssysteme mit besserem Zugang zu Medikamenten, bessere Nahrung, Trinkwasser- und Sanitärversorgung und ebenso einfache wie wirksame vorbeugende Maßnahmen, zum Beispiel Moskitonetze zum Schutz vor Malaria und Impfungen zum Schutz vor gefährlichen Krankheiten wie Polio, Tetanus oder Masern.

Mali: Vier Schwestern stehen in einer Reihe hintereinander und lachen.

Die Schwestern Kadidia (7), Fatoumata (6), Fanta (4) und Baba (3) in Mali hatten Masern und konnten dank der schnellen Hilfe im Gesundheitszentrum geheilt werden.
© UNICEF/UN0299499/Keïta

Parallel zur Sterblichkeitsrate bei Kindern ging auch die Müttersterblichkeit zuletzt weltweit zurück. Zwischen 2000 und 2017 sank sie um 38 Prozent. Vor allem in Zentral- und Südasien gab es große Fortschritte, wo die Müttersterblichkeit in diesem Zeitraum um 60 Prozent verringert werden konnte.

Kindersterblichkeit: Welche Länder sind am stärksten betroffen?

Die Überlebens-Chancen von Kindern sind sehr ungleich und hängen stark davon ab, in welcher Weltregion ein Kind geboren wird. Zusammen genommen ereignen sich 81 Prozent aller Todesfälle von Kleinkindern in Subsahara-Afrika und Südasien.

Statistisch gesehen stehen die Überlebens-Chancen für ein Kind in Subsahara-Afrika am schlechtesten. Von 1.000 Kindern, die lebend geboren werden, sterben im weltweiten Durchschnitt 38 Mädchen und Jungen vor ihrem fünften Geburtstag, aber 76 von 1.000 Kindern in Subsahara-Afrika und 39 von 1.000 im südlichen Asien.

Zum Vergleich: In Deutschland sind es rund vier von 1.000 Kindern.

Alle Länder, die eine Kindersterblichkeitsrate von über 100 haben – wo also durchschnittlich nicht einmal jedes zehnte Kind überlebt – liegen in Subsahara-Afrika. Dazu gehören Nigeria, Sierra Leone, Somalia, Tschad und die Zentralafrikanische Republik.  Fast die Hälfte aller Todesfälle von Kleinkindern ereignen sich in nur fünf Ländern: Nigeria, Indien, Pakistan, Demokratische Republik Kongo und Äthiopien.

Tschad: Ein Junge sitzt neben seiner Mutter und wird behandelt.

Ein Junge im Tschad wird gegen Lungenentzündung behandelt.
© UNICEF/UN0294765// Frank Dejongh

Was sind die häufigsten Todesursachen von Kindern?

Für Babys und Kleinkinder gehören Infektionskrankheiten wie Lungenentzündung, Durchfallerkrankungen und Malaria immer noch zu den häufigsten Todesursachen. Besonders gefährlich sind außerdem Frühgeburten und Komplikationen bei der Geburt, wenn es keine gute medizinische Versorgung gibt.

Afghanistan: Ein Junge zeigt nach der Impfung seine Fingermarkierung.

Die Markierung am Finger zeigt, dass dieser Junge im afghanischen Kabul gegen Polio geimpft wurde. Polio (Kinderlähmung) hat dank Impfungen seinen Schrecken verloren. Weil dort zu wenig Kinder geimpft sind, kommt Polio in Afghanistan aber weiter vor.
© UNICEF/UN0339995// Frank Dejongh

Akut mangelernährte Kinder, vor allem schwer akut mangelernährte Kinder, sind besonders gefährdet, weil ihr Körper so geschwächt ist, dass er den Krankheiten nichts entgegensetzen kann. In fast der Hälfte aller Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren ist Mangelernährung für den Tod mit verantwortlich.

Südsudan: Die 14 Monate alte Adut stütz sich an einer Bank ab und wird an der Hand gehalten.

Durch Malaria und lebensbedrohliche Mangelernährung ist die 14 Monate alte Adut im Südsudan so geschwächt, dass sie kaum alleine laufen kann. Mit therapeutischer Nahrung kommt sie wieder zu Kräften. 
© UNICEF/ UN0344871/Wilson

Bei Kindern zwischen fünf und 14 Jahren spielen Infektionskrankheiten eine geringe Rolle, dafür nehmen Verletzungen und Unfälle – vor allem Verkehrsunfälle oder Ertrinken – als Todesursache zu.

Kinder haben ein Recht auf Überleben

Jedes Kind, überall auf der Welt, hat ein Recht auf Überleben und gesundes Aufwachsen. So steht es in der UN-Kinderrechtskonvention, die 2019 ihren 30. Geburtstag feierte.

Mit den sogenannten „Nachhaltigen Entwicklungszielen“ (englisch: Sustainable Development Goals, kurz SDGs) hat sich die Weltgemeinschaft ehrgeizige Ziele gesteckt, damit wir zukünftig in einer gerechteren, besseren Welt friedlich zusammen leben. Dazu gehört auch, dass künftig kein Neugeborenes und kein Kind mehr an vermeidbaren Ursachen sterben soll.

Mongolei: Vier Babys liegen in ihren Betten auf einer Neugeborenen-Station.

Babys auf einer Neugeborenen-Station in der Mongolei.
© UNICEF/UN0155835/Zammit

Konkret heißt es im Entwicklungsziel Nummer 3.2, dass bis zum Jahr 2030 die Neugeborenensterblichkeit in jedem Land der Erde auf maximal 12 pro 1.000 Lebendgeburten und die Kindersterblichkeit der Unter-Fünfjährigen auf maximal 25 pro 1.000 Lebendgeburten gesenkt werden soll – besser natürlich noch darunter.

Das Kindersterblichkeits-Ziel wurde 2019 bereits in 122 Ländern erreicht und bei rund 20 weiteren sieht es so aus, dass sie es bis 2030 schaffen. Aber wenn der aktuelle Trend anhält, dann muss der Fortschritt in 53 Ländern noch deutlich beschleunigt werden.

Wenn alles so weitergeht wie jetzt, werden zwischen 2020 und 2030 weitere 48 Millionen Kinder unter fünf Jahren ihr Leben verlieren. Deshalb müssen wir jetzt etwas tun!

Welche Auswirkungen hat Covid-19 auf die Kindersterblichkeit?

Wegen der Pandemie wurden in den letzten Monaten grundlegende Gesundheitsdienste für Kinder und Mütter unterbrochen. Dazu gehört beispielsweise der Zugang zu Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen sowie zu Geburtshilfe und Nachsorge. Oft fehlen auch Mittel für diese lebenswichtigen Gesundheitsmaßnahmen. Hinzu kommt, dass viele Frauen die Gesundheitseinrichtungen gar nicht erst aufsuchen, weil sie Angst haben, sich mit dem Virus anzustecken.

Forscherinnen und Forscher der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health warnten im Mai davor, dass wegen der Unterbrechung der Gesundheitsversorgung durch die Pandemie täglich bis zu 6.000 Kinder unter fünf Jahren zusätzlich sterben könnten. Dadurch könnten die Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte im Kampf um das Überleben der Kinder wieder zunichtegemacht werden.

Was man tun kann gegen Kindersterblichkeit – und für das Überleben

Und was kann man tun, um Kinder zu retten und ihr Überleben zu sichern? Wie erwähnt, es wurde schon viel erreicht. Wir wissen also, was hilft, und können auf den Erfolgen aufbauen.

Eigentlich ist es ganz einfach.

Kinder brauchen einen guten Schutz, von Anfang an – und das heißt schon vor der Geburt. Wenn Mädchen und Frauen vor ungewollten oder zu frühen Schwangerschaften geschützt sind und wenn sie bei einer Schwangerschaft gesund, gut ernährt sind und von erfahrenen Helferinnen und Helfern betreut werden, sind das die besten Voraussetzungen für ihr späteres Kind.

Bangladesch: Eine Mutter hält ihr Neugebohrenes auf der Intensivstation im Schoß.

Mutter mit Neugeborenem auf der Baby-Intensivstation in einem Krankenhaus in Bangladesch.
© UNICEF/UN0233766/Mawa

Gesundheitssysteme müssen so ausgestaltet sein, dass jede Geburt unter sicheren und hygienischen Umständen stattfindet und das nötige Personal, medizinische Ausstattung und Medikamente zur Verfügung stehen.

Jedes Kind sollte selbstverständlich sauberes Trinkwasser, sanitäre Anlagen, ausreichend gesunde Nahrungsmittel sowie umfassenden Impfschutz haben und mit den nötigen Medikamenten behandelt werden, wenn es einmal krank ist.

All dies ist vor dem Hintergrund der Covid-19-Pandemie wichtiger denn je.

Wir alle können etwas tun, um einen Beitrag zur Senkung der Kindersterblichkeitsrate zu leisten. Wenn es unser Kind, unser Enkel oder das Kind von Freunden oder Nachbarn wäre, würden wir doch auch nicht zögern zu helfen, oder?

Jemen: Drei Mädchen sitzen lachend auf einer Mauer.

Vielen Dank für Ihre Hilfe!
© UNICEF/UN0276439/Almahbashi

* Dieser Beitrag erschien zuerst im September 2019. Wir haben ihn für Sie aktualisiert.

KOMMENTARE

  • 07. Oktober 2020 10:24 Uhr

    Liebe Frau Freund,

    vielen Dank für Ihr Interesse. UNICEF Deutschland ist nicht für die Beschaffung der Hilfsgüter verantwortlich, aber wir können gerne bei der UNICEF Supply Division nachfragen und melden uns per E-Mail bei Ihnen.

    Mit besten Grüßen
    Wiebke Eckau
    UNICEF-Infoservice

  • 02. Oktober 2020 16:45 Uhr

    Liebes Unicef-Team!

    Über den Newsletter habe ich von den Armbändern für Neugeborene gegen Auskühlung erfahren. Ich bin Kinderkrankenschwester auf einer Früh- und Neugeborenenintensivstation und wir würden uns für solche Armbänder auch interessieren. Kann man die irgendwo kaufen? über eine Antwort würden wir uns sehr freuen. Herzliche Grüße
    Nicole Freund

  • 30. April 2020 22:35 Uhr

    Mir ist beim Lesen folgender Fehler aufgefallen: die Interpretation einer Kindersterblichkeitsrate von über 100 als "wo durchschnittlich also nicht einmal jedes 10. Kind überlebt" ist falsch. Sollte dieses stimmen, müsste die Sterblichkeitsrate über 900 liegen (und nicht über 100).

    Beste Grüße, Birgit Kuchta

  • 30. September 2019 08:45 Uhr

    Lieber Jannes,

    alle Informationen rund um den Einsatz der uns anvertrauten Spendengelder finden Sie auf dieser Website unter dem Menüpunkt "Transparenz", s.
    https://www.unicef.de/informieren/ueber-uns/transparenz-bei-unicef

    In unseren Geschäftsberichten informieren wir detailliert, welche Hilfe wir dank Ihrer Unterstützung im jeweils abgelaufenen Jahr umsetzen konnten. https://www.unicef.de/informieren/ueber-uns/transparenz-bei-unicef/geschaeftsbericht

    Sollten Sie weitere Fragen haben, wenden Sie sich gerne an unsere Kolleginnen vom UNICEF-Infoservice unter info@unicef.de

    Mit freundlichen Grüßen
    Stefan Becker
    Online-Team

  • 29. September 2019 20:48 Uhr

    Ich als Spender fühle mich gebremst, bei der Vorstellung das meine Spende nicht zu 99% ankommt. Und damit meine ich bei und für die Kinder. Ich habe oft genug bei anderen erlebt, das den davon was für falsche Themen draufgeht...die teuersten PC zur Bearbeitung hier für z.b...können sie oder haben sie die Möglichkeit spenden transparent für den Spender zu machen? ( Sehr gut )
    Ich möchte Ihnen auch danken das sie sich für den Schatz unserer Welt einsetzen...vielen Dank und Gottes Segen.

KOMMENTAR SCHREIBEN

Herzlich Willkommen im UNICEF-Blog! Für ein faires Miteinander beachten Sie bitte die Verhaltensregeln.
Wir verarbeiten Ihre Daten mit Ihrer Einwilligung gemäß Art. 6 Abs. 1 f DSGVO, damit Sie einen Kommentar hinterlassen können. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
*Pflichtfeld