KINDEREHEN WELTWEIT: DIE WICHTIGSTEN FRAGEN UND ANTWORTEN
Dienstag, 1. Oktober 2019, 15:00 Uhr
von Ninja Charbonneau | 1 Kommentar

Sonjida war 15, als sie unerwartet verheiratet wurde – ein Schock. Ihr Ehemann ist 73. Mehr noch als das Zusammenleben mit einem viel älteren Mann beschäftigt sie allerdings die Frage, was aus ihr wird, wenn ihr Ehemann stirbt.

Der Altersunterschied zwischen Sonjida und ihrem Ehemann ist extrem, aber dass junge Mädchen einen sehr viel älteren Mann heiraten müssen, ist keine Seltenheit. Aber warum stimmen Eltern einer solchen Hochzeit zu, wie weit verbreitet sind Kinderehen, welche Folgen hat das für die Mädchen und wie kann man Kinderheiraten verhindern?

Hier sind die wichtigsten Fragen und Antworten.

Definition: Was ist eine Kinderehe?

Laut UNICEF ist eine Kinderehe eine formale Eheschließung, bei der mindestens einer der Partner unter 18 Jahre alt ist. Wir finden, dass Minderjährige generell nicht heiraten sollten, weil das ein großer Einschnitt in ihrem Leben ist und sie die Folgen womöglich noch nicht ganz erfassen können. Und selbstverständlich sollten Kinder, Mädchen oder Jungen, auf keinen Fall zu einer Ehe gedrängt und erst recht nicht gezwungen werden.

Kinderehen: Die 13-jährige Nour mit ihrem doppelt so alten Ehemann im Libanon

Nour (13) und ihr 27-jähriger Ehemann in ihrer Wohnung im Libanon. Nours Familie ist aus Syrien geflohen, wegen des Kriegs musste Nour sehr jung heiraten und hat bereits eine Fehlgeburt hinter sich.
© UNICEF/UNI198625/Aggio Caldon

Zahlen und Trends: Wie viele Kinderehen gibt es weltweit?

Schätzungsweise 650 Millionen Mädchen und 115 Millionen Jungen weltweit wurden vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. UNICEF schätzt, dass jährlich zwölf Millionen Mädchen eine Kinderehe eingehen. Immerhin, der Trend ist positiv: Im letzten Jahrzehnt ist die Zahl der Kinderehen bei Mädchen um 15 Prozent gesunken.

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Halima im Tschad wurde mit 14 Jahren verheiratet. Kinderehen sind eine der Hauptursachen für Armut in ihrem Dorf, sagt sie. 
© UNICEF/UN0286458/Sang Mooh

In einigen Ländern sind die Fortschritte zwar besonders groß, aber die Zahl der Kinderehen bleibt auf hohem Niveau: So werden in Äthiopien 40 Prozent der Mädchen unter 18 verheiratet – ein Rückgang von 60 Prozent vor zehn Jahren. In Indien ging der Anteil von 50 Prozent auf 27 Prozent zurück.

Auch Jungen sind von Kinderehen betroffen, wenn auch fünf Mal seltener als Mädchen.

Kinderehen: Jugendliche führen einen Sketch auf, um vor Kinderehen zu warnen.

Jugendliche in Nepal führen einen Sketch auf, um vor Kinderehen zu warnen.
© UNICEF/UN0302727/Panday

Die Ursachen und die Folgen können für Mädchen und für Jungen sehr unterschiedlich sein, aber dennoch ist es für beide eine Verletzung ihrer Rechte. Auch Jungen können durch eine frühe Ehe in eine Erwachsenen-Rolle gedrängt werden, für die sie noch nicht bereit sind.

Gegen den Willen: Wie häufig ist Zwangsheirat von Kindern?

Die Kinderehe ist eine Form der Zwangsheirat, wenn ein oder beide Partner nicht ihre volle und freie Zustimmung zum Ausdruck gebracht haben. Doch ob die Eheschließung eines Kindes eine Zwangsheirat oder eine Liebesheirat war, ob die künftige Braut und der Bräutigam gefragt wurden oder ob die Familie Druck ausgeübt hat, darüber geben die Statistiken keine Auskunft.

Aber unabhängig davon, ob Zwang ausgeübt wurde oder eine Heirat freiwillig war: Sie verstößt gegen die Kinderrechte von Mädchen und Jungen und hat weitreichende Folgen für ihre Entwicklung. Daher hat sich die internationale Staatengemeinschaft im Rahmen der Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) vorgenommen, die Praxis von Kinderehen bis 2030 zu beenden.

Kinderehen: Die 17-jährige Hoodo hält ihren acht Monate alten Sohn auf dem Arm.

Hoodo (17) in Somalia und ihr acht Monate alter Sohn. Bei ihrer Hochzeit war Hoodo erst 15. Jetzt geht sie wieder zur Schule, zusammen mit anderen frühverheirateten Mädchen. „Bildung ist wichtig, sie gestaltet unsere Zukunft. Bildung hilft uns und unseren Kindern“, sagt Hoodo
© UNICEF/UN0294471/Naftalin

Ursachen: Warum gibt es Kinderehen?

Viele Faktoren führen dazu, dass Mädchen – und Jungen – als Minderjährige verheiratet werden. Dazu gehören zum Beispiel Armut, soziale Normen und Rollenbilder, die Annahme, dass Mädchen durch eine Heirat besser geschützt sind, fehlende Bildungsmöglichkeiten für Mädchen, religiöse Bräuche und nicht ausreichende Gesetze.

So sehen sich arme Familien oft gezwungen, ihre Töchter möglichst früh zu verheiraten, damit sie versorgt sind. Die Not in Konflikt- und Krisenregionen und auf der Flucht führt oftmals dazu, dass die Zahl der frühen Verheiratung von Mädchen stark ansteigt.

Jordanien: Die 17-jährige Aya spielt mit ihrer kleinen Tochter.

Aya (17) ist aus Syrien nach Jordanien geflüchtet und hat bereits eine zehn Monate alte Tochter. Bei jeder dritten Ehe von Syrern in Jordanien ist ein Ehepartner, meist die Frau, noch unter 18.
© UNICEF/UN0287630/Herwig

Nicht zu unterschätzen ist der soziale Druck in einer Gemeinschaft, in der Mädchen üblicherweise jung heiraten. Außerdem fehlt häufig das Wissen oder Bewusstsein, dass eine frühe Heirat für das Mädchen schädlich sein kann.

Die Beispiele zeigen, dass es keine leichte Aufgabe ist, die Praxis von Kinderehen vollständig zu beenden – es ist vielmehr ein langer Prozess.

Kinderehen: UNICEF überzeugt Väter, ihre Töchter nicht früh zu verheiraten

Hansatou (Mitte) in Niger sollte als Kind heiraten. Ein Vertreter der Regionalbehörde, unterstützt von UNICEF, spricht mit dem Vater. „Ich fragte ihren Vater: Willst du, dass deine Tochter schlecht behandelt wird? Willst du, dass sie bei einer Schwangerschaft oder Geburt stirbt? Natürlich wollte er das nicht. Niemand möchte das für sein Kind.“
© UNICEF/UNI203410/van der Velden

Kinderehen und Religion: Welche Rolle spielen religiöse Gründe bei der frühen Verheiratung?

Religiöse Traditionen sind einer von vielen Gründen, Mädchen früh zu verheiraten, aber nicht die Hauptursache. Häufig gibt es das Vorurteil, dass Kinderehen hauptsächlich ein Problem in islamischen Gemeinschaften sind. Richtig ist, dass es Kinderehen weltweit gibt, quer durch verschiedene Länder, Religionen, Kulturen und ethnische Gruppen.

Religiöse Würdenträger können aber einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, Kinder vor Frühehen zu schützen. Wirksame Programme zum Schutz vor Kinderehen beziehen deshalb religiöse Autoritäten ebenso wie andere einflussreiche Personen und möglichst ganze Gemeinschaften in die Arbeit mit ein, um langfristig einen Wandel zu erreichen.

Folgen: Welche Auswirkungen haben frühe Ehen auf Kinder?

Eine Kinderehe beeinträchtigt häufig die Entwicklung eines Mädchens. Sie kann zu früher Schwangerschaft und damit zu einem Gesundheitsrisiko führen: Teenager-Mütter sterben häufiger an Komplikationen während der Schwangerschaft oder Geburt als reifere Frauen.

Verheiratete Mädchen werden oft aus ihrem bisherigen sozialen Umfeld herausgerissen und sind zu Hause isoliert. Junge Ehefrauen sind einem höheren Risiko von häuslicher Gewalt ausgesetzt.

Uganda: Die 14-jährige Miria mit ihrem zweijährigen Sohn.

Miria Nanjiya in Uganda wurde mit zwölf Jahren schwanger und war gezwungen, von der Schule zu gehen und zu heiraten. Sie wurde aus ihrer gewalttätigen Ehe befreit, als sie eine von UNICEF unterstützte Notruf-Hotline anrief – ihren zweijährigen Sohn erzieht sie alleine.
© UNICEF/UN0203604/Nakibuuka

Eine frühe Heirat bedeutet oft das abrupte Ende der Kindheit – die junge Ehefrau geht nicht mehr zur Schule und trägt stattdessen die Verantwortung für einen Haushalt. Ihre späteren Arbeits- und Erwerbsmöglichkeiten sind eingeschränkt.

Die Nachteile können sich auch in die nächste Generation fortsetzen, denn Kinder von zu jungen Müttern haben schlechtere Überlebens- und Bildungs-Chancen.

Wie oben schon erwähnt sind die Folgen auch für Jungen groß: Sie werden zu jung in eine Erwachsenen-Rolle gedrängt, der sie nicht gewachsen sind. Sie müssen unter Umständen plötzlich eine Familie versorgen, was auch ihre Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten einschränkt.

Aus all diesen Gründen setzen wir uns für ein Ende von Kinderehen ein.

Verbreitung: Wo gibt es die meisten Frühehen?

Am weitesten verbreitet sind Kinderehen in Subsahara-Afrika und im südlichen Asien. In West- und Zentralafrika waren 41 Prozent der jungen Frauen bereits vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet – 14 Prozent waren sogar jünger als 15 Jahre. Im südlichen Asien liegt der Anteil der Frühehen bei 30 Prozent der Mädchen, in Lateinamerika/ Karibik bei 25 Prozent, im Mittleren Osten und Nordafrika bei 17 Prozent und in Osteuropa und Zentralasien bei elf Prozent.

Sierra Leone: Die fünfzehnjährige Amina mit ihrem Ehemann Lamine.

Amina (15, Name geändert) mit ihrem Ehemann Lamine in Sierra Leone. Das Paar hat ein sechs Monate altes Baby.
© UNICEF/UNI202463/Kassaye

Wenn man sich einzelne Länder ansieht, gibt es prozentual die meisten Kinderbräute in Niger (76 Prozent), in der Zentralafrikanischen Republik (68 Prozent), im Tschad (67 Prozent), in Bangladesch (59 Prozent), Burkina Faso, Mali, Südsudan (je 52 Prozent), Guinea (51 Prozent).

Kinderehen bei Jungen sind in einer Reihe von Ländern in Subsahara-Afrika, Lateinamerika und Karibik, Südasien sowie Ost-Asien und der Pazifik-Region verbreitet. Am häufigsten heiraten minderjährige Jungen in der Zentralafrikanischen Republik (28 Prozent), gefolgt von Nicaragua (19 Prozent) und Madagaskar (13 Prozent).

Kinderehen in Deutschland: Wie häufig kommen sie bei uns vor?

Laut Medienberichten lebten Mitte 2016 knapp 1.500 verheiratete Minderjährige in Deutschland. Unter ihnen waren vor allem Minderjährige aus Syrien, Afghanistan, Irak und mehreren EU-Mitgliedsstaaten. Im April 2018 waren nur noch rund 300 verheiratete Minderjährige registriert.

Diese merkliche Verminderung der Anzahl ist vor allem auf eine Gesetzesänderung in Deutschland zurückzuführen: Im Juli 2017 passte Deutschland das Mindestheiratsalter an internationale Standards an. Während in Deutschland Eheschließungen mit Zustimmung eines Familiengerichts bereits ab 16 Jahren erlaubt waren, ist dies nun erst ab 18 Jahren möglich.

Wenn eine Ehe im Ausland geschlossen wurde, ist sie nach deutschem Recht immer unwirksam, wenn einer der Ehepartner zum Zeitpunkt der Eheschließung unter 16 Jahre alt war. Bei Eheschließungen im Ausland im Alter zwischen 16 und 18 Jahren wird die Entscheidung, ob die Ehe aufgehoben wird, erst nach einer Anhörung beim Familiengericht getroffen.

Während UNICEF Deutschland die Erhöhung des Mindestheiratsalters begrüßt, muss bei Aufhebungen von Ehen aus kinderrechtlicher Sicht besonders umsichtig gehandelt werden, um Kinder nicht zusätzlichen Risiken auszusetzen: Das Wohl des Kindes muss hierbei Grundlage für jegliche juristische Entscheidung sein. Dabei muss der Einzelfall betrachtet werden. Es kann zum Beispiel sein, dass bei der Annullierung der Ehe die zuvor verheirateten jungen Frauen und Männer die materielle Sicherung durch ihre Ehepartner, Unterhalts- und Erbrechtsansprüche verlieren oder Kinder aus solchen Ehen als nichteheliche Kinder angesehen würden. Daher sollte geprüft werden, was im Einzelfall das Beste für die jeweiligen Betroffenen ist.

Madagaskar: Vier Mädchen stehen lachend vor einer beschriebenen Schultafel

Rund die Hälfte aller Mädchen der Anosy-Region in Madagaskar wird vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet, jedes dritte Mädchen ist bereits Mutter. Das UNICEF-Programm „Let us Learn“ sorgt dafür, dass Mädchen wie Soanafiny (14, zweite von links) und ihre Freundinnen weiter zur Schule gehen können.
© UNICEF/UN0325666/Ralaivita

Gesetzeslage: Sind Kinderhochzeiten verboten?

In den meisten Ländern gilt man zwar erst ab 18 Jahren als „ehemündig“, aber in vielen Ländern gibt es eine Reihe von Ausnahmen, wenn zum Beispiel die Eltern oder ein Gericht zustimmen. Das ist problematisch, da es häufig die Eltern sind, die die Ehe arrangiert haben. In einigen Ländern gibt es außerdem ein unterschiedliches Mindest-Heiratsalter für Mädchen und für Jungen. Wie so oft ist außerdem die Frage, ob auf dem Papier bestehende Gesetze auch wirksam durchgesetzt werden. Gesetze gegen Kinderehen sind also wichtig, aber nur ein Element von vielen zur nachhaltigen Bekämpfung von Kinderehen.

Lückenhafte Gesetze zum Schutz vor Kinderehen gibt es übrigens nicht nur in Ländern des globalen Südens: In einigen US-Bundesstaaten sind beispielsweise Kinderehen in Ausnahmen erlaubt. Auch in Deutschland war bis vor kurzem eine Heirat ab 16 möglich, wenn das Familiengericht zustimmte – diese Regelung wurde erst 2017 geändert und auf 18 Jahre erhöht (siehe oben).

Kinderehen beenden: Was kann man tun?

Uganda: Faida schreibt #no to child marriage an eine Schultafel.

Faida Harriet in Uganda wurde vor einer Zwangsehe bewahrt, als sie 17 war, und geht weiter zur Schule. 
© UNICEF/UN0297707/Adriko

Mit den Nachhaltigen Entwicklungszielen haben sich Staaten weltweit zur Beendigung von Kinderehen bis zum Jahr 2030 verpflichtet. Doch es gibt noch viel zu tun. UNICEF setzt sich weltweit zusammen mit seinen lokalen und nationalen Partnern, UN- und Nichtregierungsorganisationen und religiösen Autoritäten für Aufklärung und Prävention von Kinderheiraten ein, mit dem Ziel diese Praxis zu beenden. Dazu führt UNICEF unter anderem Aufklärungskampagnen sowie Bildungs- und Empowermentprogramme für Mädchen durch.

Auf Social Media machen zum Beispiel Videos wie dieses mit einer überraschenden Wendung auf das Problem aufmerksam:

In Indien haben Anfang 2019 über 300.000 Mädchen und Frauen eine 348 Kilometer lange Menschenkette gebildet, um ein Zeichen für das Ende von Kinderehen zu setzen.

Indien: Über 300.000 Mädchen und Frauen bilden eine Menschenkette.

© UNICEF/UN0276245/Boro

Stoppt Kinderehen: Mädchen kämpfen für ihre Rechte

Nicht mit mir! Das sagen viele Mädchen rund um die Welt und wehren sich gegen ihre Verheiratung. Ich möchte Ihnen einige starke junge Frauen vorstellen – und zeigen, wie sie einer Zwangsehe entkommen konnten. 

Sie möchten sich auch für ein Ende von Kinderehen einsetzen? Setzen Sie zum Beispiel mit uns ein Zeichen, indem Sie diesen Beitrag teilen.

KOMMENTARE

  • 18. November 2019 15:25 Uhr

    Männer, lass die Finger weg von Kindern unter 18 Jahren!
    Denkt mal darüber nach.

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