© UNICEF/UN0498793/UNICEF Afghanistan

Kinder weltweit

Wie ist es, jetzt in Afghanistan ein Kind zu sein? 7 Fakten

Afghanistan ist einer der gefährlichsten Orte der Welt, um ein Kind zu sein. Und das nicht erst seit der Machtübernahme der Taliban im August 2021. Wie ist es, dort aufzuwachsen? Wir haben sieben Fakten über das Land gesammelt, die Sie vielleicht noch nicht kennen und die helfen sollen, sich ein Stück weit in die Situation afghanischer Mädchen und Jungen hineinzufühlen.

Dienstag, 16.11.2021, 17:00 Uhr

von Laura Sandgathe  •  2 Kommentare

Afghanistan ist ein Binnenstaat in Asien. Es grenzt an Pakistan, China, Tadschikistan, Usbekistan, Turkmenistan und den Iran. Es gibt einige größere Städte wie die Hauptstadt Kabul, Kandahar, Herat, Mazar-i Sharif oder Kundus. Doch die Mehrheit der Menschen lebt auf dem Land, viele von ihnen in sehr schwer zugänglichen, gebirgigen Regionen. Weithin bekannt ist der Hindukusch, das riesige Gebirge, dessen überwiegender Teil in Afghanistan liegt. 

Etwa 40 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten in der Landwirtschaft, knapp 40 Prozent im Dienstleistungssektor. 2021 lag Afghanistan auf Platz 6 der ärmsten Länder der Welt. Die politische Situation ist seit längerer Zeit hochgradig instabil. Immer wieder flammte die Gewalt auf, und auch Kinder wurden verletzt und getötet. Familien flohen vor den Gefechten. Im August 2021 kam dann die erneute Machtübernahme der Taliban.

Krise in Afghanistan: Kinder auf der Flucht leben auf der Straße

Diese Kinder mussten von zuhause fliehen und leben nun auf der Straße. Wenn der Winter kommt, sind sie der Kälte nahezu schutzlos ausgeliefert.

© UNICEF/UN0502862/Kohsar/AFP

Wie ist es, unter diesen Bedingungen ein Kind zu sein? Mit diesem Beitrag wollen wir versuchen, uns der Antwort anzunähern. Doch zuerst:

Wie viele Kinder gibt es in Afghanistan?

In Afghanistan leben etwa 38,9 Millionen Menschen. Rund 41 Prozent davon sind dem United Nations Population Fund zufolge Kinder zwischen 0 und 14 Jahren. Rund zehn Millionen afghanische Mädchen und Jungen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Wie ist das Leben der Kinder in Afghanistan? 

1. Drei Mahlzeiten pro Tag sind die absolute Ausnahme

Für ein Kind in Afghanistan ist es sehr wahrscheinlich, dass es heute nicht satt wird. Und morgen auch nicht, genauso wenig übermorgen. Die politische Unsicherheit und der dadurch verursachte Niedergang der Wirtschaft, eine schwere Dürre und die Folgen der Corona-Krise haben vielen Familien ihre Lebensgrundlage genommen. Nun haben sie kaum Geld für Lebensmittel. UNICEF-Mitarbeiter Salam Al-Janabi hat in der Provinz Herat mit Familien gesprochen. Er berichtet, dass Viele nichts als trockenes altes Brot essen, getunkt in Tee. 

Im September und Oktober wussten einer Analyse zufolge 19 Millionen Menschen im Land nicht, wie und woher sie ihre nächste Mahlzeit bekommen sollten. Das ist etwa die Hälfte der Bevölkerung. Und die Prognosen für die kommenden Monate sind besorgniserregend. Es wird erwartet, dass die Zahl schnell steigen wird.

Afghanistan: Porträt eines Jungen in einem therapeutischen Ernährungszentrum in Herat

In dem von UNICEF unterstützten Zentrum für therapeutische Ernährung in Herat erhält der 15 Monate alte Javid therapeutische Nahrung und medizinische Versorgung.

© UNICEF/UN0530471/Bidel

Für Kinder ist der Hunger besonders bedrohlich. Unsere Expert*innen schätzen, dass etwa 3,2 Millionen Kinder unter fünf Jahren bis Ende 2021 von akuter Mangelernährung bedroht sein werden. Mindestens eine Million Kinder sind sogar in Gefahr, lebensbedrohlich mangelernährt zu sein. Sie könnten sterben, wenn ihnen nicht schnell geholfen wird.

Wir von UNICEF helfen mangelernährten Kindern mit Spezialnahrung wie Erdnusspaste. Durch die Behandlung geht es den meisten Kindern innerhalb von sechs Wochen deutlich besser. Diese Hilfe wird ergänzt durch das Verteilen von Lebensmitteln, etwa durch das Welternährungsprogramm.

Hunger in Afghanistan: Helfer des Welternährungsprogramms verteilen Lebensmittel

Ein Helfer des Welternährungsprogramms transportiert Lebensmittel für eine Familie.

© UNICEF/UN0530584/Bidel

2. Im Winter wird es eiskalt

Wussten Sie, dass es im Winter in Afghanistan bis zu -25 °C kalt wird? Vor allem im Norden sind die afghanischen Winter sehr kalt. Und die Kälte kann sich über Wochen halten.

Winter in Afghanistan: Ein Junge steht im Schnee
Winter in Afghanistan: Eine Mutter und ihre Tochter laufen durch den Schnee

Foto links: Im Februar 2019 steht ein Junge in einem Vertriebenenlager in Kabul im Schnee. ( © UNICEF/Fazel ) Foto rechts: Dieses Foto stammt aus dem Februar 2020. Auch damals war Kabul unter einer Schneedecke versunken. Es wird erwartet, dass es auch in diesem Winter wieder sehr kalt und verschneit werden wird. ( © UNICEF/Modola )

Die Kälte ist vor allem für Kinder auf der Flucht eine Gefahr. Schon im Sommer war es schlimm, wenn sie auf der Straße oder in Zelten übernachten mussten. Doch im Winter wird es dort nun zusätzlich eiskalt. Viele Kinder werden krank. Auch die Gefahr, dass Kinder erfrieren, ist real.

Ihre Spende für Winterhilfe

Ihr Beitrag hilft, die Mädchen und Jungen jetzt zum Winter mit warmer Kleidung und Schuhen auszustatten.

Sie brauchen dringend wärmende Kleidung und Schuhe, Decken – und vor allem eine feste, warme Unterkunft. Das gilt auch für Kinder aus armen Familien. Sie leben oft in einfachen Hütten und haben nur wenig Geld, um Feuerholz oder andere Mittel zum Heizen zu bezahlen.

3. Kinder dürfen zur Schule gehen – aber nicht alle Kinder

"Das Bild ist nicht überall gleich", sagt Salam Al-Janabi, Sprecher von UNICEF Afghanistan, wenn man ihn zum Thema Bildung fragt. In vielen Provinzen gehen Jungen und Mädchen wieder zur Schule, auch ältere Mädchen. Doch es gibt Regionen, in denen jugendliche Mädchen nicht am Unterricht teilnehmen dürfen. 

Afghanistan: Mädchen sitzen in einem Klassenzimmer

Diese Mädchen lernen in einem Klassenzimmer in Herat. Grundschülerinnen und Grundschüler sind landesweit in die Schule zurückgekehrt, ältere Schülerinnen nur in einigen Provinzen.

© UNICEF/UN0518459/Bidel

Insgesamt gehen in Afghanistan vier Millionen Kinder nicht zur Schule, davon sind über die Hälfte Mädchen. Schon vor der Machtübernahme der Taliban bekamen insbesondere viele Mädchen keine gute Ausbildung. Dies hat Auswirkungen auf den gesamten weiteren Lebensweg der Mädchen und natürlich auch der Jungen. Deshalb setzen wir von UNICEF uns vehement dafür ein, dass alle Kinder zur Schule gehen und dass auch Lehrer*innen unterrichten dürfen. 

4. Eines von drei Mädchen wird vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet

Rubaba (18) erzählt: "Ich habe Freundinnen, die auch bald 18 werden, so wie ich. Ich mache mir Sorgen. Seit ich 15 bin, werben Männer um mich und wollen mich heiraten. Ich habe meine Familie angefleht, dass ich erst meine Ausbildung zu Ende machen darf. Doch ich habe Angst, dass ich doch früher heiraten muss." 

Ich wünschte, ich wäre mein Bruder, denn dann müsste ich nicht ständig zittern, wenn es an der Tür klopft. Ich habe Panik, dass dort jemand steht, der um meine Hand anhält. Wenn ich verheiratet werde, bevor ich die zwölfte Klasse geschafft habe, werden meine Hoffnungen für meine Zukunft sich in Luft auflösen.

Rubaba (18) hat Angst vor einer Zwangsheirat

Leider sind Rubabas Sorgen nicht unbegründet. Eines von drei Mädchen in Afghanistan wird verheiratet, bevor es 18 Jahre alt wird – obwohl Kinderheirat in Afghanistan illegal ist. Unsere Expert*innen fürchten, dass die Zahl der Kinderehen sogar steigen könnte. Die extrem angespannte wirtschaftliche Lage treibt Familien immer tiefer in die Armut und zwingt sie, verzweifelte Entscheidungen zu treffen – wie etwa ihre Töchter zu verheiraten. "Uns wurde berichtet, dass Familien schon für Töchter, die gerade einmal 20 Tage alt sind, eine zukünftige Ehe aushandeln, um eine Mitgift zu erhalten", sagt UNICEF Exekutivdirektorin Henrietta Fore.

Kinderehe hat oft lebenslange Auswirkungen für die Mädchen. Viele schließen die Schule nicht ab. Sie haben ein höheres Risiko, häusliche Gewalt, Diskriminierung und Missbrauch zu erleben, was häufig auch ihre mentale Gesundheit beeinträchtigt. 

Wir von UNICEF nutzen unseren Einfluss auf allen Ebenen, um uns für Kinderrechte und somit auch für die Rechte von Mädchen einzusetzen und Zwangsverheiratungen zu verhindern. Dabei hilft uns, dass wir seit über 70 Jahren in Afghanistan aktiv sind und ein starkes Netz von Partnern und Kontakten haben. Wir unterstützen arme Familien auch finanziell, um die Kinder vor Kinderheirat, aber auch vor Hunger und Kinderarbeit zu schützen. 

5. Polio (Kinderlähmung) ist eine reale Gefahr – noch

Wussten Sie, dass der Wildtyp des Polio-Erregers nur noch in zwei Ländern auf der Welt endemisch ist? Eines davon ist Afghanistan, das andere Pakistan. An Polio, auch Kinderlähmung genannt, zu erkranken, ist also eine Gefahr für Kinder in Afghanistan.

Doch wenn es gut läuft, nicht mehr lange.

Polio ist auch unter dem Namen Kinderlähmung bekannt. Die Krankheit wird durch ein Virus ausgelöst und ist hoch ansteckend. Es kann zu einer Lähmung der Arme, Beine und der Atmung und damit im schlimmsten Fall zum Tod kommen. Eine Impfung bietet einen guten Schutz. Allerdings haben 46 Prozent der afghanischen Kinder zwischen 12 und 23 Monaten ihre Grundimpfungen noch nicht erhalten, zu denen auch Impfungen gegen Polio gehören würde. 

Afghanistan Polio Impfung_UN0353279

Guckt, wir sind geimpft: Der mit dunkler Farbe markierte kleine Finger zeigt, dass diese Kinder ihre Impfung gegen Polio bekommen haben. Das Foto stammt aus September 2020. Im November 2021 ist eine neue Impfkampagne gestartet.

© UNICEF/UN0353279/Shah

Gleichzeitig gibt es aktuell eine nahezu einmalige Chance, Polio in Afghanistan auszurotten. Denn in 2021 wurde bislang nur ein Fall gemeldet. Und am 8. November haben wir von UNICEF gemeinsam mit der Weltgesundheitsorganisation eine Impfkampagne gestartet. Sie ist das Ergebnis von Verhandlungen der beiden Hilfsorganisationen mit den Taliban. Nun gehen mobile Teams von Tür zu Tür, um möglichst viele Kinder zu erreichen und zu schützen. Unter anderem impfen die Helfer*innen auch Mädchen und Jungen in Regionen, die für humanitäre Nothilfe seit einigen Jahren nicht zugänglich waren.

6. Trinkwasser aus dem Hahn holen? Für viele Kinder noch keine Option

Wenn ein Kind in Deutschland Durst hat oder sich die Hände waschen möchte, dreht es einfach den Hahn auf. Für Kinder in Afghanistan sieht die Situation anders aus.

Viele Mädchen und Jungen in Afghanistan nehmen morgens einen oder zwei Kanister mit und machen sich auf den Weg, Trinkwasser zu holen. Oft laufen sie mehrere Kilometer.

Afghanistan: Kinder und Familien holen mit Kanistern Trinkwasser

Im Vertriebenenlager in Herat haben nur die wenigsten Unterkünfte einen Wasseranschluss. Diese Kinder holen mit Kanistern Trinkwasser für ihre Familien.

© UNICEF/UN0509168/Bidel

33 Prozent der Afghan*innen haben zuhause keinen direkten Zugang zu Trinkwasser, so ein Bericht von UNICEF und Weltgesundheitsorganisation. Das betrifft vor allem Familien in entlegenen, schwer zugänglichen Dörfern sowie in Vertriebenenlagern. Dabei ist Trinkwasser – ebenso wie eine Toilette und die Möglichkeit, sich zu waschen – essentiell für die Gesundheit von Kindern.

Wir von UNICEF sind im Einsatz, damit Familien festinstallierte Zugänge zu Trinkwasser bekommen. Im Jahr 2020 haben wir das für 122.000 Menschen möglich gemacht. Diese Arbeit muss weitergehen!

Meine Kinder mussten die weite Strecke bis ins Nachbardorf laufen, um Wasser zu holen. Nun brauchen wir nur den Hahn aufdrehen, um uns ein Glas sauberes, sicheres Trinkwasser aufzufüllen. Ich danke UNICEF und seinen Partnern, die uns geholfen haben, das Wasser ins Haus zu bringen.

Abdul Qayoum, lebt mit seinen Kindern in der Region Kabul
Afghanistan: Ein Junge wäscht sich an einer von UNICEF installierten Wasserstation

Hier gibt es schon Trinkwasser aus dem Hahn: Am Regionalkrankenhaus in Herat haben wir von UNICEF eine Wasserstation aufgestellt.

© UNICEF/UN0530465/Bidel

7. Die meisten Kinder haben niemals Frieden erlebt

Konflikt, Gewalt und Gefechte sind Teil des Lebens in Afghanistan – seit mehr als zwanzig Jahren. In einigen Regionen des Landes gab es ruhigere, friedlichere Perioden, in anderen nicht. 

In der ersten Hälfte des Jahres 2021 sind mehr als 550 Kinder bei Gefechten ums Leben gekommen. 1.400 wurden verletzt, zahlreiche Mädchen und Jungen traumatisiert. Habiba (11) erzählt, wie sie die Kämpfe erlebt hat: 

Afghanistan: Ein Mädchen hängt in einem UNICEF-Kinderzentrum etwas Gebasteltes auf

An einem Tag waren die Gefechte so heftig, dass mein Vater uns in den Keller geschickt hat. Dort haben wir uns versteckt. Ich habe mich am Kleid meiner Mutter festgehalten und zu ihr gesagt: 'Halt mir die Ohren zu!', damit ich die Explosionen nicht mehr hören konnte.

Habiba, 11 Jahre alt

Erlebnisse wie die von Habiba können Kinder traumatisieren. Dies kann ihre mentale und körperliche Gesundheit und ihr Wohlbefinden ihr Leben lang negativ beeinflussen. Habiba und ihre Familie flohen schließlich von zuhause und kamen in einem Vertriebenenlager unter. Dort gibt es auch ein von Kinderzentrum von UNICEF. Hier haben Habiba und die anderen Kinder einen Ort, um zu spielen und die Erlebnisse zu verarbeiten.

Afghanistan: Mädchen hüpfen unter blauem Himmel durch Reifen

Habiba und ihre Freundinnen spielen am liebsten draußen.

© UNICEF/UN0484305/UNICEF Afghanistan

Wie kann man Kindern in Afghanistan helfen?

Wir von UNICEF sind seit über 70 Jahren in Afghanistan vor Ort – und bleiben trotz aller Unsicherheit an der Seite der Mädchen und Jungen. Sie brauchen uns in der aktuellen Lage mehr denn je. 

Jetzt angesichts des Winters und der sich verschärfenden Hungerkrise müssen wir den Einsatz ausweiten. Dafür brauchen wir Ihre Unterstützung. Helfen Sie den Kindern mit Ihrer Spende zum Beispiel für eines der Hilfsgüter, die aktuell besonders benötigt werden. Jeder Beitrag hilft. Vielen Dank!

Spenden für Afghanistan

Unser Versprechen: Ihre Spende kommt bei den Kindern an

Als Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen sind wir unabhängig und politisch neutral. Wir ergreifen in jedem Land der Welt ausschließlich Partei für Kinder – so auch in der aktuellen Afghanistankrise. Wenn Sie für unsere Nothilfe-Arbeit in Afghanistan spenden, dann fließt das Geld direkt in unsere Hilfsprojekte vor Ort oder an unsere Partner, mit denen wir uns gemeinsam für die Kinderrechte in Afghanistan einsetzen. UNICEF ist seit über 70 Jahren ununterbrochen in Afghanistan für Kinder aktiv.

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