DAS LEBEN WIEDER AUFBAUEN

4. Juli 2018 von Christian Schneider 0 Kommentare

Die Staatengemeinschaft versagt beim Schutz der Kinder in den Kriegs- und Krisengebieten der Welt. Tötungen von Kindern, Kriegsverletzungen und die Rekrutierung für den Einsatz in bewaffneten Truppen haben zugenommen. Die Folgen für Kinder sind katastrophal, für viele wohl ein Leben lang.

In Berlin kommen in dieser Woche internationale Fachleute zur Konferenz „Rebuilding lives – Leben wieder aufbauen“ zusammen. Sie wollen Wege finden, um die wachsende Zahl von Kindern in extrem belastenden Lebensumständen zu stabilisieren und ihnen mehr Hilfe anzubieten.

Gruppe Flüchtlingskinder im Irak

Kinder nach ihrer Flucht vor den heftigen Kämpfen in der irakischen Stadt Mossul im Sommer 2017.
© UNICEF/UN073069/Romenzi

Es ist eine Binsenweisheit, aber eine wichtige: Die seelischen Verletzungen von Kindern sind weitgehend unsichtbar. Wir mögen sie im traurigen Gesichtsausdruck eines Mädchens erahnen, im nervösen Nesteln von Fingern, im wütenden Ausbruch eines Teenagers.

Hilfe für seelische Wunden kommt oft zu kurz

Oft offenbaren sich die tief gehenden Wunden in der Seele allerdings viel zu spät – wenn die jungen Menschen zusammenbrechen, wenn sie sich oder andere verletzen, wenn sie angesichts all ihrer Ängste versuchen, dieses vom Krieg geprägte Leben durch Suizid zu verlassen.

Weil die Auswirkungen des Krieges auf die psychische Gesundheit eben nicht gleich zu erkennen sind, ist die Sorge um die betroffenen Kinder über viele (Kriegs-)jahre und in humanitären Einsätzen zurückgeblieben hinter der unmittelbar lebensrettenden Hilfe durch Medikamente, medizinische Einsätze oder die Verteilung von Trinkwasser und Lebensmitteln. Nur ein Bruchteil der Gelder für die weltweite Nothilfe wird für psychosoziale Hilfen eingesetzt, oder für Notschulen, die in Krisensituationen dazu beitragen, Kindern ein wenig Stabilität, Ruhe, Kindheit zu geben, für ein paar Schulstunden am Tag.

Haneen aus Syrien mit einer Zeichnung ihres weinenden Landes

"Syrien ist traurig, dass seine Menschen sich gegenseitig umbringen", sagt Haneen (11) über ihre Zeichnung. Mit ihrer Familie musste sie vor der Gewalt der Terrorgruppe IS fliehen.
© UNICEF/UN058012/Al- Malek

Saad und die unsichtbaren Wunden des Krieges

Auch für die Einrichtung sicherer, kinderfreundlicher Orte mit ausgebildeten Betreuern gibt es in den meisten Krisensituationen keine ausreichenden Mittel. Orte wie das Haus in der Altstadt von Aleppo, in dem ich Ende November 2017 den Jungen Saad kennenlerne.

Syrien: Der vierzehn-jährige Saad steht lächelnd an einer Häuserwand

Saad (14) in Aleppo.
© UNICEF/DT2017-58597/Ninja Charbonneau

Der 14-Jährige sitzt neben mir auf einer Bank, ruhig, als könne ihn nichts so leicht aus der Bahn werfen. Nein, zur Schule sei er lange nicht gern gegangen, erzählt Saad zu Beginn unseres Gespräches. Gemeinsam mit seiner Betreuerin breitet er dann aus, warum das so ist. Da waren die Angriffe auf sein Wohnviertel in Ost-Aleppo, der Tag, an dem sein Haus getroffen und der Vater verletzt wurde. Dann kamen die Stunden, die Saad sein Leben lang nicht vergessen wird: 2016 wird seine Schule schwer von Bomben getroffen. Vor seinen Augen sterben seine Lieblingslehrerin, Freunde, insgesamt 22 Menschen. In grausamen, viel zu klaren Worten beschreibt Saad, was kein Kind, kein Erwachsener verkraften kann.

Keine Frage: Lebte Saad nicht in einem Kriegsland, würden wir nach einem Experten rufen. In Kriegsregionen und Städten wie dem geschundenen Aleppo gibt es jedoch Tausende Kinder mit einer Geschichte wie Saad – und kaum die Chance auf eine individuelle Therapie.

Mehr als 10.000 Kinder im Krieg verletzt oder getötet

Erst in der vergangenen Woche hat der UN-Generalsekretär mit seinem Bericht „Kinder und bewaffnete Konflikte“ dokumentiert, dass Ereignisse, wie Saad sie erlebt hat, immer noch häufiger werden. Über 21.000 Menschenrechtsverletzungen an Kindern und Jugendlichen zählen die Vereinten Nationen im Jahr 2017. Mehr als 10.000 Kinder wurden verletzt oder getötet, eine deutliche Steigerung im Vergleich zum Vorjahr. Auch die Rekrutierung von Kindern für den Einsatz in bewaffneten Gruppen oder Regierungsarmeen, ist, trotz vieler Fortschritte in den zurückliegenden Jahren, wieder auf dem, ja, Vormarsch.

Die Kriege unserer Zeit kennen keine Tabus

Die lange andauernden, komplexen und mit großer Grausamkeit geführten Konflikte der Gegenwart – von Syrien über die Ukraine, den Jemen und den Südsudan über die Demokratische Republik Kongo bis nach Nordnigeria und die Zentralafrikanische Republik – kennen keine Tabus gegenüber Kindern. Ihr Tod wird in Kauf genommen oder gezielt herbeigeführt, wenn Schulen und Krankenhäuser, selbst Kindergärten angegriffen werden. Organisationen wie UNICEF müssen Einrichtungen mit schusssicheren Wänden umgeben, wenn Scharfschützen selbst Kindergartenkinder ins Visier nehmen. In Nigeria gehen etwa die Hälfte der von den Vereinten Nationen 2017 erfassten gewaltsamen Todesfälle von Kindern auf Selbstmordanschläge zurück. 

Sexuelle Gewalt, Zwangsrekrutierung, die Indoktrinierung durch Gewalt und Gewaltverherrlichung, der Missbrauch von Kindern für Selbstmordattentate, der kontinuierliche Einsatz von Bomben und schweren Waffen in dicht besiedelten Wohngebieten – Kinder und Jugendliche sind dieser extremen Gewalt, der ständigen Gefahr in vielen unterschiedlichen Formen und oft über etliche Jahre ausgesetzt.

Kindersoldaten: Junior wurde von der Anti-Balaka-Miliz entführt

„Junior“ (16, Name geändert) aus der Zentralafrikanischen Republik wurde von einer Miliz entführt und als Kindersoldat und Arbeitskraft missbraucht.
© UNICEF/UN0149463/Sokhin

In Syrien kennt nach mehr als sieben Jahren Krieg jedes dritte Kind keine friedliche Zeit mehr, sie alle sind Kinder des Krieges. In einer Untersuchung bei syrischen Jugendlichen zwischen zwölf und 18 Jahren berichteten 82 Prozent der Befragten, dass sie vier oder mehr traumatische Erfahrungen erlebt haben. Dazu zählten Bombardements oder scharfe Hausdurchsuchungen, aber auch das Sehen von Toten und Verwundeten.

Syrien-Krieg: Mädchen Rama bewegt sich mithilfe einer Gehhilfe durch das zerstörte Aleppo

© UNICEF/Syria 2018/ Khudr Al-Issa

Immer mehr Kinder brauchen psychosoziale Hilfe

Bei weitem nicht alle Kinder brauchen spezialisierte, individuelle Betreuung. UNICEF und andere Kinderschutzorganisationen haben in den letzten Jahren versucht, über den Ausbau so genannter kinderfreundlicher Orte mit Spiel- und Betreuungsangeboten und durch den Aufbau von Notschulen auch unmittelbar in Krisengebieten und entlang von Fluchtrouten Inseln eines normalen Alltags zu schaffen. Für die meisten Kinder ist das eine wichtige Stütze, um trotz ihrer Erfahrungen in ein geregeltes Leben zurückzufinden.

Die Vielzahl der andauernden Krisensituationen, die meist Hunderttausende oder gar Millionen Minderjährige extremen Gewaltsituationen, Unsicherheit und Angst aussetzen, besorgt allerdings die Fachleute. Es sind schlicht viel zu viele Kinder, die zu lange zu viele Gefahren und Gewalt erleben. Deshalb ringen die Experten darum, wie die psychosozialen Angebote in enger Zusammenarbeit mit Gemeinden nachhaltig ausgeweitet werden können.

Amiras Weg zurück ins Leben

Das Schicksal der jungen Syrerin Amira, die ich im Libanon traf, verdeutlicht, wie tief die Kriegserfahrungen Kinder verletzen – und wie viel Geduld es bei Kindern mit schwereren Symptomen auf dem Weg in eine Kindheit braucht, die diesen Namen wirklich verdient. 

Amira war sieben Jahre alt, als wir uns zum ersten Mal in einem der Tausenden kleinen Flüchtlingscamps in der libanesischen Bekaa-Ebene sahen. Gesprochen haben wir uns allerdings nicht, denn Amira sprach überhaupt nicht. Ob ihrer furchtbaren Kriegserlebnisse hatte Amira sogar aufgehört zu essen. Dann verlernte sie auch zu laufen und saß im Rollstuhl. Dreimal hatte das Mädchen miterleben müssen, wie unmittelbar in ihrer Nähe engste Angehörige ums Leben kamen. Amiras Kindheit bestand aus Jahren der Bombenangriffe und Schüsse, aus ständiger Angst und der Ungewissheit der Flucht.

Syrien-Konflikt: Amira im Flüchtlingscamp

© UNICEF/R. Haidar

UNICEF unterstützt im Libanon Nichtregierungsorganisationen, die Kindern wie Amira eine Therapie anbieten können. Gleichzeitig stärkt die Organisation die Kinderschutzangebote der libanesischen Behörden, denn in dem kleinen Nachbarland Syriens ist mittlerweile einer von fünf Menschen ein syrischer Flüchtling. Als ich Amira traf, hatte sie einige Wochen Individualtherapie hinter sich und langsam ein wenig Vertrauen in ihre Umgebung aufgebaut. Gerade machte sie einige erste, noch wacklige Schritte. Der zurückgewonnene seelische Halt gab ihr die Kraft, wieder auf die Beine zu kommen.

Syrien-Konflikt: Amira kann wieder laufen

© UNICEF/R. Haidar

„Toxischer Stress“ durch Gewalterfahrungen und Angst

Es sind die langen Zeiträume, in denen Kinder wie Amira äußerster Gewalt und Unsicherheit ausgesetzt sind, die katastrophale Auswirkungen auf ihre emotionale und soziale Entwicklung wie auch auf ihr Lernvermögen haben können. Fachleute sprechen von „toxischem Stress“, der, wenn es keine Angebote gibt, zu einer Zunahme von Symptomen wie Bettnässen, selbstverletzendem Verhalten, Aggression oder Rückzug, Depressionen, Missbrauch von Substanzen und, im schlimmsten Fall, zum Suizid führen kann.

Die Entwicklungsforschung hat deutlich gemacht, dass sich toxischer Stress auch auf die Architektur des jungen, im Aufbau befindlichen Gehirns auswirkt. Wenn ein Kind ständig von sehr belastenden Gefühlen wie der Angst aus Bombennächten eingeholt wird, können dadurch die für das Lernen zuständigen Bereiche des Gehirns in ihrem Leistungsvermögen eingeschränkt werden. Kinder mit diesen Problemen haben es schwer, sich zu konzentrieren oder zuzuhören. Je jünger das kindliche Gehirn, desto schädlicher kann sich der gewaltbedingte toxische Stress auswirken, auch wenn die Folgen individuell stark unterschiedlich sein können.

Gemeinden stärken, um Familien zu stabilisieren

Nach Auffassung von UNICEF werden sich Investitionen in umfassendere Angebote für Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten unmittelbar auf die Vorbeugung von Gewalt, auf die Versöhnung und letztlich die politische Stabilität auswirken. Es ist deshalb einer der Schwerpunkte der Konferenz in Berlin, die Gemeinden besser darin zu unterstützen, die Kinder und ihre Familien zu stärken, um ihnen Selbstvertrauen zurückzugeben. 

Angebote zur psychischen Gesundheit und psychosozialen Unterstützung sollen, so eine der wichtigsten Forderungen, fester Bestandteil der Hilfe in Krisengebieten werden. Akteure der humanitären Hilfe und der Entwicklungszusammenarbeit müssen dabei eng zusammenarbeiten, um die akute Betreuung der Kinder zu sichern als auch die Widerstandskraft der Bevölkerung und der aufnehmenden Gemeinden zu fördern. Denn die Grundlage für eine Rückkehr in eine stabile, gesunde Kindheit hängt für die Kinder davon ab, dass sie starke persönliche Beziehungen zu ihren Angehörigen und ihrer Umgebung aufbauen und möglichst schnell Stabilität, Routine, Sicherheit erfahren.

Bundesregierung stärkt psychosoziale Hilfe

Die deutsche Bundesregierung zählt zu den noch zu wenigen internationalen Partnern von UNICEF, die umfassend die psychosoziale Arbeit und Notbildungsprogramme stützen. Gezielt fördert die Bundesregierung über das Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit die Hilfe für bisher rund 43.000 Jungen und Mädchen, die von den Kämpfen um die irakische Stadt Mossul betroffen waren. Eine ähnlich große Zahl Kinder hat im Libanon von Kinderschutzprogrammen und psychosozialer Betreuung profitiert.

Irak: UNICEF-Hilfe für geflohene Kinder

Peshkhabour, Irak, nahe der syrischen Grenze: Ein UNICEF-Helfer betreut Flüchtlingskinder in einem kinderfreundlichen Zelt.
© UNICEF/NYHQ2014-1177/Khuzaie

Nur selten ist bei Besuchen in Krisengebieten Gelegenheit, ein Kind erneut zu besuchen. Deshalb war meine Freude umso größer, das syrische Mädchen Amira im Libanon noch ein zweites Mal sehen zu können, etwa ein Jahr später. Amira hatte Fortschritte gemacht, ihre Schritte waren sicherer geworden. Auf einer improvisierten Bühne in der kleinen Siedlung machte sie inzwischen bei den Tänzen der anderen Kinder mit.

Doch die Betreuer ließen keinen Zweifel: So fest das achtjährige Mädchen inzwischen wieder auf seinen Beinen stand, so labil, angegriffen und verletzlich war Amira nach wie vor in ihrem Inneren. 

Die schlimmsten Wunden des Krieges sieht man nicht.

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