JUNGEN WELTWEIT: SCHLECHTER ERNÄHRT, HÄUFIGER IM KRIEGSEINSATZ

6. Juni 2018 von Ninja Charbonneau 8 Kommentare

9 FAKTEN ÜBER DAS AUFWACHSEN VON JUNGEN

Es gibt etwa gleich viele Mädchen und Jungen auf der Welt – je 1,1 Milliarden unter 18 Jahren. Alle Kinder haben gleiche Rechte, aber ihre Situation kann sehr unterschiedlich sein.

Heute stelle ich Ihnen neun teils überraschende Fakten über die Situation von Jungen weltweit vor.

Es gibt zwar seit ein paar Jahren einen Weltmädchentag, aber einen Weltjungentag gibt es offiziell noch nicht. Es stimmt, dass Mädchen in vielen Ländern und Bereichen weiterhin stark benachteiligt sind und besondere Förderung brauchen. Aber deshalb dürfen wir die Probleme und Herausforderungen der Jungen nicht übersehen.

Jungen weltweit: Junge aus der Zentralafrikanischen Republik mit Narbe

Hubert (Name geändert) aus der Zentralafrikanischen Republik war mit 12 Jahren als Kindersoldat in der Gewalt bewaffneter Milizen. Mit Hilfe von UNICEF wurde er zurück in die Freiheit entlassen.
© UNICEF/UNI190220/Bindra

An anderer Stelle habe ich speziell die Lage der Mädchen betrachtet. Hier habe ich nun (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) eine Auswahl von Fakten über das Aufwachsen von Jungen weltweit zusammengestellt. Wie so oft gibt es nicht zu allen Themen perfekte Daten und Informationen, ich habe die Zahlen so gut wie möglich aus verschiedenen UN-Quellen zusammengetragen. Viel Spaß beim Lesen!

1. Höhere Kindersterblichkeit bei Jungen

In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern ist die Kindersterblichkeitsrate – also der Anteil der Kinder, die ihren fünften Geburtstag nicht überleben - für Jungs höher.

Fakten über Jungen weltweit: Neugeborener Junge in den Händen seiner Mutter

Der sieben Tage alte Mamadou Diakite in Mali wird von seiner Mutter gehalten.
© UNICEF/UN0205733/Njiokiktjien VII Photo

Zum Beispiel sterben in Afghanistan 66 von 1.000 lebend geborenen Mädchen, aber 74 von 1.000 Jungen. In Lesotho sterben 86 von 1.000 Mädchen und 101 von 1.000 Jungen. Im weltweiten Durchschnitt ist die Kindersterblichkeitsrate 39 pro 1.000 bei Mädchen und 43 pro 1.000 bei Jungen. Nur in West-Europa und Südasien sind die Überlebenschancen von Kleinkindern beider Geschlechter in etwa gleich.

Jetzt fragt man sich natürlich: Warum ist das so? Darauf weiß ich leider keine zufriedenstellende Antwort. Eine mögliche Ursache ist wohl, dass Jungen häufiger zu früh geboren werden oder bei der Geburt ein geringes Gewicht haben. Anscheinend ist das biologisch einfach so.

Nicht vergessen darf man allerdings, dass in einigen Ländern, in denen Mädchen sehr wenig gelten – wie beispielsweise in Indien und auch in China – die Überlebenschancen der Mädchen schlechter als die der Jungen sind.

2. Jungen sind schlechter ernährt

In fast allen Ländern mit verfügbaren Daten sind Jungen häufiger als Mädchen chronisch mangelernährt (Englisch: „stunted“) und dadurch unter Umständen in ihrem Wachstum und ihrer Entwicklung beeinträchtigt. Auch hier gilt das gleiche wie für die Kindersterblichkeit: Die Ursachen und Zusammenhänge werden noch erforscht.

Fakten über Jungen weltweit: Schulessen für Kinder im Lernzentrum in Malawi.

Schulessen für Kinder in einem von UNICEF unterstützten Lernzentrum in Malawi.
© UNICEF/DT2017-57835/Claudia Berger

3. Kinderarbeit von Mädchen und Jungen

Auf den ersten Blick hat man den Eindruck, dass mehr Jungen von Kinderarbeit betroffen sind als Mädchen. Das stimmt so nicht ganz, denn in den meisten Weltregionen, in denen Kinderarbeit verbreitet ist, müssen Mädchen und Jungen gleichermaßen arbeiten.

Mädchen werden nur öfter für Arbeiten im Haushalt eingesetzt, weshalb ihre Tätigkeit nicht so augenfällig ist. Aber auch Arbeiten im Haushalt werden als Kinderarbeit eingestuft, wenn der Umfang so groß ist, dass die Kinder dadurch zum Beispiel nicht zur Schule gehen können. 

Fakten über Jungen weltweit: Jungen in Haiti sammeln Steine.

Drei Jungen in Haiti sammeln große Steine, um sie zu verkaufen.
© UNICEF/DT2016-52253/Maxence Bradley

Eine Ausnahme ist allerdings die Region Lateinamerika und Karibik: Hier gibt es mehr männliche Kinderarbeiter. In Guatemala sind zum Beispiel 35 Prozent der Jungen betroffen im Vergleich zu 16 Prozent der Mädchen.

4. Jungen als Kindersoldaten

Bewaffnete Gruppen in vielen Konfliktregionen rekrutieren Minderjährige und missbrauchen sie für ihre Zwecke. Das kann alles umfassen: von Hilfstätigkeiten wie Kochen, Putzen, Tragen und Ausspähen bis hin zum Missbrauch als Sexsklaven oder Kämpfer. Sehr häufig sind das Jungen – aber nicht nur.

Die tatsächliche Zahl der Kindersoldaten kennt niemand und damit auch nicht den Anteil der Jungen. Ich beschränke mich also hier auf eine Auswahl von einigen wenigen verlässlichen Zahlen, die die Vereinten Nationen in ihrem jährlichen Bericht offiziell dokumentiert und nach Geschlecht aufgeschlüsselt haben.

Fakten über Jungen weltweit: Ehemaliger Kindersoldat

Ehemaliger Kindersoldat bei einer Freilassungs-Zeremonie im Südsudan.
© UNICEF/UN0209623/Chol

So wurde 2016 in der Zentralafrikanischen Republik die Neu-Rekrutierung von 50 Jungen und 24 Mädchen dokumentiert. Rund 2.700 Jungen und 1.200 Mädchen wurden dort im gleichen Jahr aus bewaffneten Gruppen befreit. In der Demokratischen Republik Kongo wurde die Rekrutierung von 492 Kindern registriert, davon 63 Mädchen und der Rest Jungen. Im Irak haben die Vereinten Nationen 114 Fälle von Rekrutierung verifiziert, die ausschließlich Jungen betrafen. Im Jemen haben die UN die Rekrutierung von 517 Jungen verifiziert, von denen die jüngsten erst elf Jahre alt waren. In Myanmar wurden in 123 bestätigten Fällen Jungen rekrutiert und in vier Fällen Mädchen.

All dies sind wie gesagt nur die Fälle, die überprüft werden konnten – die Dunkelziffer ist vermutlich sehr viel höher.

5. Tödliche Gewalt gegen Jungen

Mehr Jungen als Mädchen sterben einem aktuellen UNICEF-Report zufolge gewaltsam: 36 pro 100.000 heranwachsenden Jungen (10 bis 19 Jahre) sterben durch kollektive Gewalt im Mittleren Osten und Nordafrika, im Vergleich zu 24 Mädchen. Diese hohen Zahlen gehen vor allem auf die Konflikte in Syrien, Irak und Jemen zurück.

Fakten über Jungen weltweit: Jungen beim Selbstverteidigungskurs

Jungen aus Jemen beim Selbstverteidigungskurs in einem Flüchtlingscamp in Dschibuti.
© UNICEF/UN0199566/Noorani

In Lateinamerika gibt es eine erschreckend hohe Zahl von Tötungsdelikten an Jungen im gleichen Alter: Durchschnittlich 38 von 100.000 Jungen zwischen 10 und 19 werden getötet (im Vergleich zu fünf von 100.000 Mädchen). Hier spielt wohl Gang-Gewalt eine zentrale Rolle.

Sehr überraschend finde ich die Statistiken zum Thema häusliche Gewalt: Mehr Mädchen oder Frauen finden es gerechtfertigt, wenn Ehemänner ihre Ehefrauen schlagen, als Jungen beziehungsweise Männer. So finden es 48 Prozent der weiblichen Befragten (zwischen 15 und 49 Jahren) in West- und Zentralafrika okay, wenn ein Ehemann seine Frau schlägt, sowie 35 Prozent der männlichen Befragten.

Fakten über Jungen weltweit: Marco aus El Salvador spielt Fußball.

Der 15-jährige Marco spielt in El Salvador in einem von Gang-Gewalt bedrohten Viertel Fußball.
© UNICEF/UN0126695/Heger

6. Frühehen bei Jungen seltener

Auch Jungen werden als Minderjährige verheiratet, wenn auch in weit geringerem Ausmaß: Weltweit werden fünf Mal so viele Mädchen unter 18 verheiratet wie Jungen. In allen Weltregionen sind Jungen weniger von Frühehen und Zwangsheirat betroffen als Mädchen, allerdings gibt es zu wenig Daten, um Aussagen zu Verbreitung und Trends treffen zu können.

Aber es gibt immerhin neun Länder, in denen mehr als zehn Prozent der Jungen unter 18 verheiratet sind: Kuba, Nepal (je elf Prozent), Marschallinseln, Komoren, Honduras, Nauru (je zwölf Prozent), Laos, Madagaskar (13 Prozent) und Zentralafrikanische Republik (28 Prozent).

7. Bildung: 61 Millionen Jungen nicht in der Schule

Jungen weltweit: Ein Junge aus Syrien sitzt in einer Schule in Aleppo

Saleh (15, Name geändert) aus Syrien machte sich auf eine gefährliche Reise aus seinem Dorf nach Aleppo, um dort die Abschlusstests der neunten Klasse zu schreiben. Kinder in Kriegsgebieten können aufgrund zerstörter Schulen und Feuergefechten oft nicht zum Unterricht gehen.
© UNICEF/UN073326/Al-Issa

Wer ist bei Bildung weltweit mehr benachteiligt, Jungen oder Mädchen? 

Antwort: Beide. Im Grundschulalter gehen 32 Millionen Mädchen und 29 Millionen Jungen nicht zur Schule. Während in zwei Dritteln der Länder eine Gleichstellung in der Grundschule erreicht ist, gibt es regional große Unterschiede. Vor allem in West- und Zentralafrika werden deutlich weniger Mädchen eingeschult als Jungen.

Wenn die Kinder etwas größer werden, ändert sich das Bild. In der unteren Sekundarstufe gehen 30 Millionen Mädchen im Vergleich zu 32 Millionen Jungen im entsprechenden Alter nicht zur Schule. In Lateinamerika und der Karibik sind mehr Mädchen in der unteren Sekundarstufe eingeschrieben als Jungen.

Die Statistik sagt noch nichts über die Ursachen aus. Es gibt sicher verschiedene Gründe dafür, aber vermutlich gibt es einen Zusammenhang mit der Zahl der arbeitenden Jungen (siehe oben).

8. Flucht und Migration

Kinder auf der Flucht sind oft männlich, und sie sind häufig allein. 59 Prozent der Minderjährigen, die 2017 über die Mittelmeerroute nach Griechenland gekommen sind, waren männlich. Von den Kindern und Jugendlichen, die in Italien ankamen, waren sogar 93 Prozent Jungen, ein Großteil von ihnen unbegleitet von den Eltern.

Fakten über Jungen weltweit: Jugendliche aus Algerien auf dem Weg nach Zentraleuropa

Jugendliche aus Algerien versuchen, sich aus Griechenland weiter nach Zentraleuropa durchzuschlagen.
© UNICEF/UN057977/Gilbertson VII Photo

Diese Kinder sind nicht nur besonders gefährdet, auf ihnen lastet häufig auch eine große Verantwortung und der Druck, es in der Fremde zu „schaffen“ und möglichst schnell Geld zu verdienen.

9. Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen

Was für Mädchen gilt, gilt auch für Jungen: Mit den „nachhaltigen Entwicklungszielen“ oder „UN-Entwicklungszielen“ hat sich die Weltgemeinschaft sehr ehrgeizige Ziele gesetzt, die bis 2030 erreicht werden sollen. Dazu gehört auch die vollständige Gleichberechtigung der Geschlechter. Aber auch die anderen Ziele wie Ende der Armut, Bildung für alle und Frieden und Gerechtigkeit können nur erreicht werden, wenn Mädchen und Jungen gestärkt und gefördert werden.

Fakten über Jungen weltweit: Mädchen und Jungen aus dem Senegal

Jungen und Mädchen aus dem Senegal.
© UNICEF/DT2011-20685/Julia Zimmermann

UNICEF setzt sich weltweit dafür ein, dass alle Kinder überleben, gesund aufwachsen, geschützt sind und zur Schule gehen können – egal, ob es Mädchen oder Jungen sind.

Für uns gilt: Ein Kind ist ein Kind, und alle Kinder haben die gleichen Rechte und verdienen eine faire Chance im Leben.

Besonders toll finde ich, dass sich bundesweit viele Jugendliche mit uns für Kinderrechte in Deutschland und weltweit einsetzen – übrigens bisher mehr Mädchen als Jungen. Wie sieht es aus, Jungs? Das könnt ihr schnell ändern

KOMMENTARE

  • 18. July 2018 16:09 Uhr

    Danke dass Sie auch mal die geschlechtsspezifische Benachteiligung von Jungen herausheben. Da die Mainstreammedien immer nur alleine Mädchen als Opfer sehen sind von Missbrauch, Gewalt, Kinderarbeit und Tötung betroffene Jungen in der öffentlichen Wahrnehmung völlig verschwunden. 2014 entführte Boko Haram in Nigeria 300 Schulmädchen. Dies gab eine aktuelle Stunde im Bundestag und alle Medien empörten sich darüber. Die entführten Mädchen wurden inzwischen weitgehend wieder freigelassen. Dass zur gleichen Zeit ebenfalls von Boko Haram in Nigeria ca. 1000 Schuljungen erschossen und lebendig verbrannt wurden las man fast nirgendwo. Für diese Jungen gab es auch keine aktuelle Stunde im Bundestag. Diese Zynik gegenüber Gewalt und Benachteiligung von Jungen muss ein Ende haben. Gewalt ist unteilbar. Gewalt an Kindern ist schlimm, egal ob sie Jungen oder Mädchen trifft. Leider haben das v.a. viele linke Gruppen noch nicht verstanden!

  • 12. July 2018 14:29 Uhr

    Vielen Dank für das rege Interesse an unserem Blog-Beitrag. Dies freut uns natürlich sehr.

    Für Kritik an der Arbeitsweise von Plan - oder auch anderen Hilfsorganisationen - ist hier allerdings nicht die richtige Plattform. Wir möchten Sie bitten, diese direkt an die betreffende Organisation zu richten.

    Viele Grüße,
    Wiebke Eckau
    UNICEF-Infoservice

  • 11. July 2018 23:13 Uhr

    Sehr geehrte Frau Charbonneau,

    vielen Dank für Ihren Artikel.

    Auch wenn es schön wäre, die Benachteiligungen und Probleme von Jungen auf der Welt mal ohne einen Hinweis auf Benachteiligungen und Probleme von Mädchen zu lesen, finde ich es erfreulich, dass es bei UNICEF Menschen gibt, die die Belange des männlichen Teils der Bevölkerung ernst nehmen. Dies umso mehr, als ich gerade in meinem Aufruf zum Tag der Geschlechter-Empathielücke unter anderem darüber geschrieben habe, dass UNICEF Müttern in Fluchtsituationen große Bedeutung zumisst, während Väter nicht als wichtig angesehen werden:

    https://alternativlos-aquarium.blogspot.com/2018/06/tag-der-geschlechter-empathieluecke.html

    Ihr Artikel macht mir Hoffnung, dass vielleicht doch irgendwann einmal der Tag kommt, an dem Menschenrechte für alle gelten, ohne Ansehen der Person.

    Mit freundlichen Grüßen

    Gunnar Kunz

  • 11. July 2018 15:16 Uhr

    Gerade Plan fällt als eine sehr "einseitige", in diesem Zusammenhang möchte ich auf den Blog des Lehrers "Schoppe" hinweisen, der sich vor einiger Zeit mit Plan international auseinandergesetzt hat. Zu finden ist der Artikel von 2016 hier: https://man-tau.com/2016/04/07/jedes-kind-ist-wertvoll-eine-antwort-an-die-hilfsorganisation-plan-international/. Er ist recht ausgewogen und ermöglicht einige interessante Einblicke...

  • 20. June 2018 09:35 Uhr

    Liebe Suse Hofmann,
    ich würde mich freuen wenn Plan International tatsächlich alle Kinder fördern würde, so wie in der Unicef.
    Leider ist das nicht der Fall.
    In den Rechenschaftsberichten von PLAN International der letzten Jahre, kann man dies gut nachvollziehen!
    Es stimmt du kannst Jungen als Patenkind unterstützen. Das war es aber dann leider mit der Förderung von Jungen.
    PLAN Internatiopnal hat kein einziges Projekt für benachteiligte Jungen!!!
    Die Rechenschaftberichte sind öffentlich und sie können das gerne überprüfen! Ich befürchte sie werden leider genau so enttäuscht wie ich ...

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