HUNGERSNOT, ERNÄHRUNGSKRISE, MANGELERNÄHRUNG – WAS IST DAS?
Dienstag, 20. November 2018, 10:15 Uhr
von Ninja Charbonneau | 0 Kommentare

Alle zehn Sekunden stirbt ein Kind weltweit an den Folgen von Hunger! 

​​​Allein im Jemen kämpfen derzeit nach UNICEF-Schätzung 400.000 mangelernährte Kinder ums Überleben. Auch in mehreren Ländern Afrikas wie Südsudan, Somalia oder der Zentralafrikanischen Republik hungern Hunderttausende Menschen. Bilder von ausgemergelten Kindern, Berichte von qualvoll verhungerten Mädchen und Jungen sind täglich in den Nachrichten oder auf Social Media.

Hungersnot, was ist das? Der einjährige Abrar aus Jemen ist lebensbedrohlich mangelernährt

Abrar aus dem Jemen ist ein Jahr und zwei Monate alt und lebensbedrohlich mangelernährt. 
© UNICEF Yemen/2018/Ahmed

Trotzdem gibt es offiziell momentan in keinem Land der Welt eine Hungersnot – warum? Um das zu verstehen, muss man zunächst mal die Begriffe erklären. 

Wann spricht man von einer Hungersnot?

Im Alltag sprechen wir von „Hungersnot“, wenn in einer Region viele Menschen nichts mehr zu essen haben. Aber offiziell wird eine Hungersnot von den Vereinten Nationen oder der jeweiligen Regierung eines Landes nach bestimmten Kriterien erklärt. 

Grundlage hierfür ist die Einschätzung einer internationalen Arbeitsgruppe nach den sogenannten „IPC-Phasen“, die hierfür umfangreiche Daten erhebt. IPC steht für „Integrated Food Security Phase Classification“. Auf dieser Skala für Ernährungssicherheit werden fünf Stufen unterschieden, die von Phase eins „Minimal“ über „Strapaziert“ (Englisch: Stressed), „Krise“ (Crisis), „Notsituation“ (Emergency) bis hin zu Phase fünf „Hungersnot“ (Famine) reichen. 

Bei Phase fünf – Hungersnot – fehlen mindestens jedem fünften Haushalt nahezu vollständig Lebensmittel und / oder andere lebenswichtige Dinge wie Trinkwasser. Zahlreiche Menschen hungern und sterben (mindestens zwei Menschen pro 100.000 Einwohner jeden Tag). Zu den Kriterien gehört auch, dass mehr als 30 Prozent der Kinder unter fünf Jahren an akuter Mangelernährung leiden. 

Hungersnot Südsudan: Die kleine Elisabeth liegt müde im Arm ihrer Mutter in einem Krankenhaus im Südsudan.

Südsudan: Die kleine Elisabeth liegt im Krankenhaus müde im Schoß ihrer Mutter. Die anhaltenden Konflikte im Land und die Wirtschaftskrise verursachen eine verheerende Nahrungsmittelknappheit.
© Albert Gonzalez Farran

Das klingt jetzt sehr technisch und das ist es auch, aber dafür gibt es Gründe: Auf diese Weise soll es objektive Kriterien geben, die international vergleichbar sind, und damit niemand die Erklärung einer Hungersnot zum Beispiel für politische Zwecke nutzt. Die Schwierigkeit besteht allerdings darin, in einem Bürgerkriegsland wie Jemen an verlässliche Informationen aus allen Regionen zu kommen. Bereits im vergangenen Jahr stellten die Vereinten Nationen fest, dass in einem Drittel des Landes zwei der drei Kriterien erfüllt waren.

Auch ohne dass offiziell eine Hungersnot erklärt wird, sind deshalb in Jemen Kinder in großer Gefahr: Zahlreiche Kinder sterben jeden Tag, weil ihr Körper keine Widerstandskraft mehr hat. Andere tragen durch Mangelernährung dauerhafte Schäden davon und bleiben in ihrer Entwicklung zurück.

Leider ist es aber häufig so, dass eine Krise erst mit der Erklärung einer Hungersnot die nötige Aufmerksamkeit von Regierungen, Medien und Spendern bekommt – wenn es für viele Kinder schon zu spät ist. Dabei gibt es Mittel und Wege, diese Kinder zu retten. 

Die kontinuierliche Hilfe von UNICEF vor Ort in Jemen, Südsudan oder der Zentralafrikanischen Republik ist genau deshalb so wichtig – auch wenn diese Krisen nicht im Licht der Weltöffentlichkeit stehen. Sie können helfen, diese Hilfe zu ermöglichen.

2100 Tütchen Mikronährstoff-Pulver
350 Päckchen Erdnusspaste gegen Mangelernährung
acht Babywaagen zur Gewichtskontrolle

Wann gilt ein Kind als mangelernährt?

Als akut mangelernährt gelten Kinder, deren Körpergewicht unter 80 Prozent des für ihr Alter angemessenen Gewichts liegt. Beträgt das Gewicht weniger als 70 Prozent, spricht man von schwerer akuter Mangelernährung.

Ursache von Mangelernährung ist chronischer Mangel an Nahrungsmitteln, aber auch an Vitaminen und lebenswichtigen Spurenelementen. Mangelernährung hat weit reichende Folgen. Da die Verdauung beeinträchtigt wird, können die Kinder nicht mehr normal essen. Die Nahrung wird nicht richtig vom Körper aufgenommen. Dadurch werden die Kinder ab einem gewissen Punkt immer schwächer. Mangelernährte Kinder sind anfälliger für Krankheiten wie Durchfall, Masern und Lungenentzündung.

Häufiges Kranksein wiederum zehrt ihren Körper weiter aus – ein Teufelskreis. Das Risiko, dass ein schwer mangelernährtes Kind stirbt, ist neunmal so hoch wie bei einem gesunden Kind.

Auch „moderate“, chronische Mangelernährung kann schwere Folgen haben: Wenn ihnen dauerhaft wichtige Nährstoffe fehlen, können die Kinder sich nicht richtig entwickeln und werden in ihrer gesamten geistigen und körperlichen Entwicklung geschädigt.

Wie kann man Kinder vor dem Verhungern retten?

Die gute Nachricht ist: Wird die Mangelernährung rechtzeitig erkannt und behandelt, haben die Kinder sehr gute Chancen, zu überleben und wieder gesund zu werden. UNICEF sorgt in Krisensituationen weltweit dafür, dass der Ernährungszustand von möglichst vielen Kindern überprüft wird – das geht zum Beispiel ganz leicht, indem man mit einem Maßband den Umfang des Oberarms misst. Zeigt das Maßband rot, muss das Kind sofort behandelt werden.

Hungersnot: Ein mangelernährtes Kind in Nigeria

In einem von UNICEF unterstützen Gesundheitszentrum im Nordosten Nigerias  wird der Umfang des Oberarms der mangelernährten Fanne Saleh, 1, gemessen. 
© UNICEF/UN028417/Esiebo

Dafür setzt UNICEF erfolgreich therapeutische Zusatznahrung ein, vor allem angereicherte Spezialmilch und Päckchen mit sehr energiehaltiger Erdnusspaste. Schon nach wenigen Tagen geht es den meisten Kindern damit deutlich besser.

Was ist therapeutische Zusatznahrung?

Die therapeutische Zusatznahrung ist so zusammengesetzt, dass schwer mangelernährte Kinder diese Nahrung auch im extrem ausgezehrten Zustand essen, schlucken und verdauen können. Sie enthält zudem lebenswichtige Vitamine und Mineralien, damit die Kinder wieder zu Kräften kommen.

Hungersnot Südsudan: Milch wird zum Verzehr vorbeireitet

Ein Kind erhält Spezialmilch im Südsudan. Diese enthält zudem lebenswichtige Vitamine und Mineralien, damit die Kinder wieder zu Kräften kommen.
© UNICEF/UN053456/Gonzalez Farran

Sehr junge und sehr geschwächte Kinder erhalten therapeutische Spezialmilch, die über einen Nasenschlauch oder mit einem Löffel in kleinen Portionen verabreicht wird. Manche Kinder müssen gleichzeitig zum Beispiel gegen Durchfall oder Malaria behandelt werden.

Wenn es den Kindern etwas besser geht, bekommen sie eine angereicherte Erdnusspaste. Die Erdnusspaste ist in kleinen Portionen verpackt, lange haltbar und kann direkt aus den Päckchen gefüttert werden. Wenn die Kinder nicht in einem kritischen Zustand sind, können die Eltern die Päckchen vom Ernährungszentrum mit nach Hause nehmen und ihre Kinder zu Hause versorgen. Die mangelernährten Mädchen und Jungen erhalten die therapeutische Nahrung in der Regel einige Wochen lang, bis sich ihr Gewicht stabilisiert hat. Während dieser Zeit werden sie weiterhin regelmäßig medizinisch untersucht.

Hungersnot: Ein Baby wird mit Erdnusspaste gefüttert

Die Erdnusspaste ist in kleinen Portionen verpackt, lange haltbar und kann direkt aus den Päckchen gefüttert werden.
© UNICEF/UN034405/Rich

Therapeutische Zusatznahrung sollte nur in Fällen von schwerer Mangelernährung verwendet werden. Sie ist eine Behandlung für stark geschwächte Kinder und kein Ersatz für gesunde Ernährung.

Bringt diese Hilfe überhaupt etwas?

Ja, die Hilfe bringt viel! Es ist frustrierend, dass es im 21. Jahrhundert immer noch nicht gelungen ist, den weltweiten Hunger zu beenden. Die aktuellen Krisen sind vor allem von Menschen gemacht: Im Jemen, in Somalia, in der Zentralafrikanischen Republik und im Südsudan haben Konflikte und Gewalt die ohnehin schon schwierige Situation der ärmsten Familien verschärft, weil sie zum Beispiel ihre Felder nicht bestellen konnten, weil Importe erschwert werden und die Lebensmittelpreise drastisch gestiegen sind. Wegen der Sicherheitslage haben Helfer auch häufig keinen Zugang zu allen Menschen in Not. Nicht zuletzt ist es schwierig, für Kinder in Ländern Spenden zu sammeln, wenn über ihre Situation wenig berichtet wird.

Hungersnot: Kinder leiden Hunger im Jemen

Gleichzeitig muss die langfristige Hilfe weitergehen, um die Kinder besser vor künftigen Krisen zu schützen. Hier wird gerade ein kleiner Junge im Jemen von einem UNICEF-Helfer untersucht.
© UNICEF/UN050302/Al-Zikri

Die Kinder können nichts für diese Krisen – wir müssen alles tun, zu verhindern, dass sich eine Katastrophe wie 2011 am Horn von Afrika wiederholt. Wir tun bereits sehr viel: In diesem Jahr wurden allein im Jemen bereits 170.000 Kinder mit lebensbedrohlicher akuter Mangelernährung mit therapeutischer Nahrung behandelt. Für die Nothilfe brauchen wir dringend weitere Unterstützung! 

Gleichzeitig muss die langfristige Hilfe weitergehen, um die Kinder besser vor künftigen Krisen zu schützen. Wussten Sie übrigens, dass die weltweite Kindersterblichkeit in den vergangenen 20 Jahren mehr als halbiert wurde? Flächendeckende Impfungen und auch der Einsatz von therapeutischer Zusatznahrung haben dazu beigetragen. Es gibt also auch Erfolge, auf denen wir aufbauen können.

Hunger in Afrika: UNICEF-Helferin untersucht Kleinkind auf Mangelernährung

Ernährungsexpertin Aishat Abdullahi untersucht den sieben Monate alten Umara, der schwer mangelernährt ist. Mit therapeutischer Nahrung wird er langsam therapiert.
© UNICEF/UN041140/Vittozzi

WIE KANN ICH BEI HUNGERKRISEN ODER EINER HUNGERSNOT HELFEN?

Schon kleine Beträge können helfen, Leben zu retten: Die vierwöchige Behandlung eines schwer mangelernährten Kindes im südlichen Afrika kostet zum Beispiel durchschnittlich etwa 120 Euro – das sind rund vier Euro pro Tag. Jeder Beitrag zählt!

Die nächsten Tage und Wochen entscheiden über das Leben von Hunderttausenden Kindern. Bitte helfen Sie mit! Sie können einmalig spenden oder als UNICEF-Pate dauerhaft überall dort helfen, wo die Kinder gerade in größter Not sind. Danke!

KOMMENTAR SCHREIBEN

Herzlich Willkommen im UNICEF-Blog! Für ein faires Miteinander beachten Sie bitte die Verhaltensregeln.
Wir verarbeiten Ihre Daten mit Ihrer Einwilligung gemäß Art. 6 Abs. 1 f DSGVO, damit Sie einen Kommentar hinterlassen können. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
*Pflichtfeld